Foto einer Impfung. Zu sehen ist die Impfspritze, wie sie in einen Oberarm gestochen wird.

Von übriggebliebenen Corona-Impfdosen profitieren? Im Vogelsbergkreis kann das dank einer Nachrückerliste schnell Realität werden. Für alle gilt das Angebot aber nicht.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Keine Dosis verschwenden: Als Nachrücker zum Impftermin im Vogelsberg

Symbolbild: Eine Ärztin hält eine aufegzogene Spritze in die Kamera
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Der Vogelsbergkreis geht neue Wege bei der Verteilung vom Impfstoff-Resten. Interessierte können sich auf einer Nachrückerliste im Internet (www.impfspringer.de) eintragen - und dann darauf hoffen, schneller als üblich eine Dosis des Corona-Impfstoffs zu bekommen.

Ziel der Initiative ist es laut Kreis, möglichst kurzfristig und unbürokratisch Impfwillige zu finden, die rasch im Impfzentrum des Kreises in Alsfeld erscheinen. So soll verhindert werden, dass der noch rare Impfstoff verworfen werden muss, wenn er einmal angebrochen ist. "Impfstoff ist knapp, keine einzige Dosis darf verschwendet werden", teilte der Kreis am Montag mit.

Morgens Anruf, mittags Spritze

Eine Kreis-Sprecherin erläuterte: "Das System ist dafür gedacht, tagesaktuell reagieren zu können. Die Vorlaufzeit liegt im Bereich von wenigen Stunden." Das bedeutet etwa: Wer morgens einen Anruf bekommt und gefragt wird, ob er Zeit hat, kann am Mittag bereits den Ärmel fürs Impfen in der Alsfelder Hessenhalle hochkrempeln.

Wichtig dabei: Man muss im Vogelsbergkreis wohnen und man muss die Voraussetzungen der Impfverordnung erfüllen, um früher als sonst geimpft werden zu können. Berechtigt sind unter anderem über 70-Jährige, Polizei- und Rettungskräfte oder auch Kontaktpersonen von Schwangeren. Seit Freitag ist die Internetseite online, am Montag wurde sie offiziell vorgestellt. Etwa 100 Menschen hätten sich bereits registriert, hieß es am Mittag. 60 Personen aus den beiden höchsten Priorisierungsgruppen der Impfberechtigten seien schon gepiekst worden.

So kommt es zu Impfresten

Virologe Martin Stürmer befürwortet das Konzept aus dem Vogelsberg, das hessenweit Schule machen könnte: "Bevor man Impfstoff wegschmeißt, sollte man ihn lieber verabreichen - auch wenn es womöglich nicht hundertprozentig der Impfreihenfolge entspricht. Ich finde die Idee nicht verkehrt. Beim Impfen ist ja zuweilen auch Geschwindigkeit gefragt." Und: "Wenn man etwas bewegen will, geht es nicht ohne Eigeninitiative."

Doch wie kommt es zu Impfstoff-Resten? Der Kreis erklärt dazu: Trotz Planung gehen die Zahl der Impfdosen und die Zahl der Impfwilligen nicht immer auf. Wenn etwa beim Impfstoff der Firma Biontech die Zahl der am Tag zu Impfenden nicht durch sechs teilbar ist, bleiben Impfdosen übrig, da aus einer Flasche exakt sechs Spritzen aufgezogen werden - und der Biontech-Impfstoff stets am selben Tag der Öffnung verimpft werden muss. Hinzu kommt, dass es trotz Wieder-Zulassung noch immer Vorbehalte gegenüber Astrazeneca gibt und mancher Hesse bei diesem Vakzin dankend abwinkt.

Einladungsportal reagiert zu langsam

Der Vogelsberger Sonderweg könnte in ganz Hessen Schule machen. Das Innenministerium erklärte auf Anfrage, dass es den Impfzentren empfohlen habe, Nachrückerlisten einzuführen. Wie viele Kreise das umgesetzt haben - und auf welchem Weg - dazu liegen dem Ministerium keine Erkenntnisse vor. Gebietskörperschaften wie der Vogelsbergkreis betreiben das Impfzentrum in Eigenverantwortung.

Die Grundidee zur schnellen und unkomplizierten Vergabe von Impfstoff-Resten stamme aus Duisburg (NRW) - und nicht vom Ministerium aus Wiesbaden, so der Kreis. Was es mit der Impfbrücke im Ruhrgebiet auf sich hat, wird hier beschrieben. "Wir haben die Idee aufgenommen und unseren Bedürfnissen angepasst", erklärte die Sprecherin des Vogelsbergkreises.

Mit der Impfspringer-Liste will sich der Kreis auch eines hausgemachten Problems entledigen. Denn vor Wochen sorgte eine Termin-Vergabe an Kreis-Mitarbeiter für Schlagzeilen, die im schmeichelhaftesten Sinne als unbürokratisch bezeichnet werden konnte. Ein hochrangiger Funktionär brachte gleich mal seine Frau mit, um für beide Impfschutz zu erreichen. Die Verwaltung stand in peinlicher Erklärungsnot, als es um Impfvordrängler ging.

Sendung: hr4 für Osthessen, 22.03.2021, 14.30 Uhr