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zum hr-fernsehen.de Video Es passiert nicht nur im Ozean – auch Kühe sterben Plastiktod

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Gefahr durch Plastikmüll: Es trifft nicht nur Fische im Meer, sondern auch Kühe auf der Weide. Ein Wetterauer Landwirt verlor in kurzer Zeit acht seiner Kühe, weil sie Plastikteile gefressen hatten.

Glück gehabt, meint Achim Gerth und holt ein etwa fünf Zentimeter langes gelbes Objekt aus dem Heu. Es ist Plastikteil: vorne spitz zulaufend, scharfkantig, hart. Und es liegt mitten im Futter der Kuh, die dem Landwirt gerade genüsslich am Ellenbocken leckt.

Der Landwirt hat einen Hof in Diebach am Haag (Wetterau). Gerth streicht mit dem Finger über die Kante des Teils. "Das ist so scharf wie ein Messer", sagt er. "Das reicht, um eine richtige Schnittverletzung zuzuführen." Zum Beweis kratzt er sich damit über den Arm und zeigt auf die Schramme: "Hier ist die Haut schon weg."

Gelbes scharfkantiges Plastikteil in einer Hand

Acht Kühe in 14 Monaten gestorben

Diese Kuh ist also noch einmal verschont geblieben. Acht der rund achtzig Kühe auf dem Hof hat es dagegen in den letzten 14 Monaten getroffen: Sie sind an inneren Blutungen gestorben.

Nach der ersten oder zweiten Kuh habe er sich noch keine Gedanken gemacht, erzählt Gerth. Aber nach der dritten oder vierten Kuh sei er gemeinsam mit dem Tierarzt auf Ursachensuche gegangen. Hinzu sei gekommen, dass auch andere Landwirte in der Region vermehrt von ähnlichen Fällen berichtet hätten.

Der Bauer geht inzwischen davon aus: Die Tiere sind verendet, weil sie scharfkantige Plastikteile über das Futter mit aufgenommen haben, vermutlich meist aus zerhäckselten PET-Flaschen.

Verletzung wird erst bemerkt, wenn es zu spät ist

"Die Kuh nimmt relativ zügig pro Tag 50 Kilogramm Futter auf und in der Ruhephase fängt das Wiederkauen an", erklärt Gerth. "Ihre vier Mägen sind immer in Bewegung und somit auch Plastikstücke, was dann an der Magenwand den Schaden verursacht." Wenn eine Kuh Presswehen hat und ein Kälbchen bekommt, könne sogar ein bereits im Magen verkapseltes Teil Schnitte verursachen.

Das Problem: Eine innere Blutung wird bei Kühen meist erst dann entdeckt, wenn es schon zu spät ist. Achim Gerth sieht das seinen Tieren dann an: "Sie bekommen relativ schnell eingefallene Augen, sie nehmen kein Futter mehr auf, der Kot ist durch das Blut pechschwarz." Dann sei nach der Diagnose des Tierarztes meist relativ schnell klar, dass das Tier eingeschläfert oder notgeschlachtet werden muss."

"Achtlos weggeworfener Müll wird zur Todesfalle"

Aber wie kommen diese Teile überhaupt ins Futter der Tiere? Gerths Hof liegt im Ronneburger Hügelland, durch die historische Ronneburg und die Stadt Büdingen ein beliebtes Ausflugsziel. An sich findet der Landwirt es wünschenswert, dass die schöne Landschaft Touristen anzieht. "Es wäre nur schön, wenn sie ihren Abfall auch wieder mit nach Hause nehmen und nicht einfach ins Feld werfen."

Plastikflasche auf grüner Wiese

Er zeigt auf eine Plastikflasche und eine volle Mülltüte, die um eine Bank herum im Gras am Feldrand verstreut liegen. "Der Müll wird achtlos weggeworfen und wird dann zur Todesfalle für unsere Kühe."

Finanzieller und emotionaler Verlust

Was ganz offensichtlich herumliege, räume er weg, sagt Gerth. "Aber wenn bei der Heumahd das Gras einen Meter hoch steht – keine Chance. Dann sieht man darin keine PET-Flaschen mehr." Der Feldhäcksler zerkleinere den Müll gemeinsam mit dem Gras. Besonders die harten Plastikflaschen würden so zu scharfkantigen Teilen, die dann ins Silo und von dort in den Stall und auf den Futtertisch wandern.

Der Verlust ist für ihn groß. Zum einen aus finanzieller Hinsicht: Pro verendete Kuh seien es rund 1.500 Euro. Das andere sei die emotionale Seite. "Man zieht ja so ein Kalb nicht groß, damit man es dann wegen einem Stück Plastik wegwirft." Seine Frau leide darunter noch mehr als er. "Wenn ein Tier zum Metzger geht oder eingeschläfert wird, dann ist sie nicht da."

Landesbauernverband: "Grundsätzliches Problem"

Auch der Wetteraukreis kennt das Problem. "Leider kommt es immer wieder mal vor, dass gerade an viel frequentierten Wegen Müll auf den Wiesen und Weiden landet, der dann von den Tieren entweder auf der Weide oder verarbeitet im Heu aufgenommen wird", so der Kreis. Genaue Todeszahlen gibt es keine, auch weil Fälle wohl häufig nicht gemeldet würden.

Der Hessische Bauernverband spricht bereits von einem "grundsätzlichen Problem." Der stellvertretende Vorsitzende Josef Benner berichtet, dass sich die Meldungen in letzter Zeit häufen würden. "Deshalb appellieren wir auch an die Mitbürger, sich bei Freizeitgestaltungen in der Natur entsprechend zu verhalten. Viele entsorgen ja auch gerne ihren Müll durchs Autofenster."

Mehr Müll in der Pandemie

Benner ist selbst Landwirt und Ortsvorsteher in Lich-Muschenheim (Gießen). In seinem Dorf gebe es seit drei Jahren regelmäßige Müllsammelaktionen auf den Feldern, erzählt er. "Auf zwei Kilometern kommen da inzwischen vier oder fünf Müllsäcke zusammen und ein Großteil sind wirklich diese PET-Flaschen", meint er.

Im vergangenen Jahr habe sich das Problem seiner Beobachtung nach nochmal verschärft, vermutlich weil viele Menschen während der Corona-Pandemie die Natur für sich wiederentdeckt hätten.

Landwirte müssen Ernteverhalten anpassen

Dass Tiere an Fremdkörpern sterben, sei zwar kein ganz neues Problem. Früher seien das aber eher Metallteile gewesen, zum Beispiel Schrauben, Nägel oder Maschinenteile. Diese könne man aber mit Magneten entfernen. Beim Plastikmüll sei es nun besonders problematisch, dass die Landwirte selbst kaum Abhilfe schaffen könnten.

Die einzige Lösungssansatz für Landwirte wie Achim Gerth könne derzeit sein, das Heu nicht ganz so klein zu häckseln, was jedoch wiederum Auswirkungen auf die Futterverdaulichkeit und den Nährwehrt des Futters habe. "Aber die Landwirte, die viel Futterfläche an Wegen haben, wo viele Menschen unterwegs sind, werden ihr Ernteverhalten etwas verändern müssen," ist sich Josef Benner vom Bauernverband sicher.

"Wie die Nadel im Heuhaufen"

Wie viel Plastik weiter in seinem Silo schlummert, weiß Landwirt Achim Gerth nicht. Er hat dieses Jahr seine Futtergewinnungsmethode bereits umgestellt - in der Hoffnung, dass die Kühe die gröberen Plastikteile nicht aufnehmen. Ob das funktioniert, müsse sich erst noch herausstellen.

Auch beim Füttern habe er die Sichtkontrollen erhöht, aber bei drei- oder viertausend Kilo pro Tag ist das eigentlich unmöglich, meint er. "Das ist ja wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen."  

Kuh im Stall, dahinter Frau mit Kind
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