Miriam Ecker im Labor

Als die Infektionszahlen im März in die Höhe schnellten, richteten die Kliniken binnen weniger Tage Corona-Stationen ein. Studierende sprangen ein, als Pflegekräfte oder im Labor. Drei von ihnen erzählen von ihren Erfahrungen.

"Ich habe Vollzeit Patienten gepflegt und nebenbei noch studiert"

Stephanie Steffes, 26 Jahre alt, studiert Agrarwissenschaften und arbeitet seit April im Corona-Team der Uniklinik Gießen.

Stephanie Steffes in Schutzkleidung

"Vor meinem Studium habe ich eine Ausbildung zur Gesundheits- und Krankenpflegerin gemacht. Zu Beginn der Corona-Pandemie hatte die Uniklinik Stellen für Medizinstudenten ausgeschrieben. Ich dachte, das ist meine Chance, wieder in den Bereich reinzukommen. Ich hatte aber auch ein bisschen Bammel. Man hatte ja die Bilder aus Italien mitbekommen - Zeltlager, die von Patienten überschwemmt wurden. Das war bei uns dann ja Gott sei Dank nicht der Fall.

Innerhalb von zwei Tagen hatte die Klinik einen langen Flur im Altbau geräumt. Rechts waren die Zimmer der Corona-positiven Patienten, links die der Verdachtsfälle. Jeder musste in einem Einzelzimmer liegen, da waren wir mit zwölf Zimmern pro Seite schnell voll. Aber wir hätten immer die Möglichkeit gehabt, weitere Stationen zu öffnen.

Anfangs hatte ich ein bisschen Sorge, mich selbst mit dem Coronavirus anzustecken. Aber wenn wir in die Schleuse vor den Patientenzimmern reingegangen sind, haben wir immer unsere komplette Schutzausrüstung getragen: Handschuhe, Kittel, FFP3-Maske, Haube und Schutzbrille. Und wir wurden regelmäßig abgestrichen. Alle aus meinem Team waren negativ.

Zitat
„Wenn sich der Zustand eines Patienten verschlechtert hat, mussten wir sehr schnell handeln.“
Zitat Ende

Bei den Verdachtsfällen mussten wir uns nach jedem Patienten umziehen. Da ist man nicht mal schnell ins Zimmer gehuscht, wenn die Klingel geht. Bei den positiven Patienten konnten wir alles anlassen. Das war auch nicht unbedingt schön, weil es unter den Kitteln und der Maske wirklich heiß ist. Wir mussten uns mehrmals am Tag umziehen, weil wir komplett durchgeschwitzt waren.

Manche Patienten konnten nach fünf, sechs Tagen in die häusliche Quarantäne gehen, andere waren nach vier Wochen noch positiv. Wenn sich der Zustand verschlechtert hat, mussten wir sehr schnell handeln. Deswegen haben wir die Vitalzeichen in jeder Schicht gemessen – also Blutdruck, Sauerstoffsättigung, Atemfrequenz. Gestorben ist auf unserer Station niemand. Wie es auf der Intensivstation aussah, weiß ich nicht.

Nachdem die Neuinfektionen etwas rückläufig waren, konnten wir die Corona-Station schließen. Wir haben den Corona-Bereich jetzt in eine andere Station integriert, können aber jederzeit zurück. Studium und Arbeit zu vereinen, ist für mich nach wie vor eine Herausforderung. Im April habe ich 38 Stunden in der Woche auf der Station gearbeitet und nebenbei noch studiert. Jetzt habe ich eine Festanstellung und arbeite überwiegend in Nachtdiensten. Das kann ich besser mit meinem Studium vereinen."

"Bei uns wird Corona überhaupt nicht kleiner"

Miriam Ecker ist Medizinstudentin im fünften Jahr an der Kassel School of Medicine und der University of Southampton (England). Außerdem hat sie einen Master in medizinischer Mikrobiologie. Sie arbeitet im Labor des Klinikums Kassel.

Miriam Ecker

"Für meinen Job braucht man Laborerfahrung. Die hatte ich im Rahmen meiner Bachelor- und Masterarbeit bereits hier im Labor gewinnen können. Als Corona dann akut wurde, bin ich gefragt worden, ob ich unterstützen kann. Mit den Patienten habe ich nicht direkt zu tun. Die Pfleger oder Ärzte nehmen die Abstriche und schicken die Proben zu uns.

Wir führen dann die PCR-Tests durch, untersuchen also mit einer Sonde, ob die Probe die RNA (= Ribonukleinsäure, Träger der Erbinformation, Anm. d. Red.) des Coronavirus SARS-CoV-2 enthält. Vom Probeneingang bis zum Befund dauert es mindestens drei bis vier Stunden. Dabei können wir maximal 200 Proben gleichzeitig bearbeiten.

Das Testverfahren kannte ich schon von anderen Infektionserregern. Trotzdem war die Arbeit in der Hochphase, von März bis Mai, ganz schön heftig. Unsere Arbeit geschieht völlig im Hintergrund, das finde ich schon ein bisschen schade. Ich glaube, niemand kann sich vorstellen, wie viel Arbeit da auf einen zukommt, wenn ein Laborbereich, der sonst vielleicht 50 Proben am Tag untersucht hat, auf einmal 300 bis 400 Proben am Tag bearbeiten muss.

Zitat
„Das Labor ist vielleicht sogar der sicherste Ort.“
Zitat Ende

In der Hochphase wurde mein Studium wochenlang unterbrochen, sodass ich Vollzeit im Labor arbeiten konnte. Als die Onlinevorlesungen losgingen, war ich noch etwa jeden zweiten Tag hier. Aber die Proben werden nicht weniger. Dadurch, dass zum Beispiel jeder abgestrichen werden muss, der ins Krankenhaus kommt, untersuchen wir inzwischen mehr Proben als im März oder April. In der Gesellschaft wird das Coronavirus unbedeutender, habe ich das Gefühl. Bei uns aber nicht.

Angst, mich mit dem Coronavirus anzustecken, habe ich bei der Arbeit nicht. Das Labor ist vielleicht sogar der sicherste Ort, weil die Proben ja immer geschlossen sind und wir sie nur mit Handschuhen anfassen und dabei Masken tragen. Die Arbeit hat mich vielmehr darin bestätigt, dass ich das Richtige studiert habe. Nach dem Studium werde ich als Ärztin arbeiten. Infektiologie steht hoch im Kurs."

"Die Todesfälle waren das Intensivste"

Ein Medizinstudent im achten Semester, der anonym bleiben möchte, erzählt von seinem Praktikum, das er im April und Mai auf der Corona-Intensivstation der Frankfurter Uniklinik absolviert hat.

Behandlung eines Patienten auf der Corona-Intensivstation der Uniklinik Gießen

"Ich habe auf der Intensivstation angefangen, als erwartet wurde, dass es so langsam richtig schlimm wird. Die Krankenhäuser haben sich auf die große Welle vorbereitet. Mitte März wurde an den Unis die Präsenzlehre verboten. Dass bedeutete für uns auch, dass alle Blockpraktika abgesagt wurden. Über ein Uni-Portal konnten wir uns stattdessen als freiwilliger Helfer melden: bei Gesundheitsämtern, Testzentren oder eben einer Klinik. Die geleisteten Stunden wurden uns als Wahlfach angerechnet.

Zusammen mit neun anderen Studierenden bin ich auf der chirurgischen Intensivstation C1 gelandet, die zu dem Zeitpunkt komplett für Corona-Patienten reserviert war. Am Anfang war das Praktikum aufregend. Als uns das erste Mal erklärt wurde, wie man die Schutzkleidung anlegt, hatte ich schon Angst, etwas falsch zu machen. Aber weil wir ja eigentlich keine Aufgaben übernommen haben, bei denen wir großartig Fehler hätten machen können, habe ich mich nicht überfordert gefühlt.

Wir Studierenden haben vorrangig der Pflege zugearbeitet, zum Beispiel Blut abgenommen, unter Aufsicht Medikamente aufgezogen und beim Lagern der Patienten auf Rücken oder Bauch geholfen. Das war körperlich anstrengend, vor allem in der Schutzkleidung. Darunter hat man sich gegenseitig nicht mehr erkannt, deswegen haben wir uns immer noch bunte Streifen aufgeklebt.

Zitat
„Es wird nie alltäglich sein, dass Menschen sterben.“
Zitat Ende

Die Todesfälle waren das Intensivste, was ich aus der Zeit auf der Intensivstation mitgenommen habe. Mir ist ein Fall besonders in Erinnerung geblieben, weil es ein Patient war, der noch keine 60 Jahre alt war und auch keine relevanten Vorerkrankungen hatte. Ich habe ihn mehrere Tage betreut, bevor er an Covid-19 gestorben ist.

Ich weiß nicht, ob man auf so etwas vorbereitet werden kann. Aber die Ärztinnen und Ärzte haben das davor und danach mit uns besprochen. Man hätte währenddessen auch nicht anwesend sein müssen. Natürlich wird es nie alltäglich sein, dass Menschen sterben. Für mich wäre Intensivmedizin aber auf jeden Fall die richtige Berufswahl."

Protokolliert von Anja Engelke.