Zwei Selbstporträts von Timur mit Blume von seinem Instagram Account

Depression? Angststörung? Viele wollen darüber lieber nicht sprechen. Timur aus Kassel sagt im Interview: Seit er offen auf Instagram über seine Krankheit redet, führe er ein freieres Leben.

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zum Video Warum Timur auf Instagram offen über seine Angststörung und Depressionen spricht

Timur steht in einem Park und erzählt über Instagram und psychische Probleme
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Timur ist 24, Lehramtsstudent in Kassel und nach eigenen Angaben "angstgestört, nicht mehr so depressiv und ganz lustig". So steht es auf seinem Instagram-Account Timurs Time. Dort spricht er öffentlich und offen über seine psychische Erkrankung, seine Therapie und seinen Kampf gegen Angst und Depressionen.

Und das bei einem Thema, das viele andere sogar vor Freunden geheim halten. Seit Jahren steigen die Krankschreibungen wegen Depression und Angststörungen massiv an - die Tabus und das Stigma bei psychischen Problemen aber bleiben. So will auch Timur seinen Nachnamen in der Öffentlichkeit nicht nennen.

In Sozialen Netzwerken ändert sich dennoch etwas: Auf Twitter und Instagram gibt es immer mehr Menschen, die von ihren Schwierigkeiten berichten, etwa unter dem Hashtag #NotJustSad (#NichtNurTraurig).

hessenschau.de: Viele verheimlichen ihre psychische Erkrankung und Probleme eher. Sie reden stattdessen öffentlich auf Instagram darüber - warum?

Timur: Vor meinem ersten Post habe ich lange überlegt: Kann ich das jetzt machen? Ich hatte immer einen Satz im Kopf: Niemand würde das hinterfragen, wenn ich eine körperliche Beschwerde hätte, etwa einen gebrochenen Arm. Ganz am Anfang habe ich mir überlegt, dass das mein Projekt ist und Teil meines Heilungsprozesses, wie ein Blog.

Irgendwann habe ich gemerkt, es interessiert die Leute - und besonders: Es geht vielen ähnlich. Je mehr ich das verstanden habe, desto mehr habe ich auch Hemmungen verloren und gemerkt, es gibt keinen Grund, zu schweigen.

hessenschau.de: Was hat sich geändert in Ihrem Leben durch diese Offenheit?

Timur: Es hat mein Leben krass vereinfacht. Vorher war ein Teil meines Lebens auch, sich für die Angststörung und Depression Ausreden auszudenken, weil ich bestimmte Sachen nicht machen konnte, teils auch nicht wollte. Für andere war das nicht greifbar. Ich dachte, wahrscheinlich ist da auch gar kein Verständnis für psychische Beschwerden. Ich musste mir immer was ausdenken: Ich habe eine Grippe, ich kann nicht raus, ich muss zu Hause bleiben.

Durch das öffentliche Reden weiß nun jede Person, mit der ich zu tun habe, dass ich mit der Angststörung zu kämpfen habe. Ich kann es ganz offen sagen, sogar meine Chefin weiß Bescheid. Es gibt weniger Scham, mein Leben ist freier und erleichtert.

hessensschau.de: Hunderte liken Ihre Posts. Welche Reaktionen bekommen Sie noch?

Timur: Ich bekomme eine krasse Resonanz, mit der ich nicht gerechnet habe. Mir schreiben Leute, die sehr dankbar sind und mich supporten. Manche schreiben, dass sie ähnliche Probleme haben, aber sich nicht trauen, darüber zu sprechen.

Ich mache ganz oft Empowerment, wenn es um Therapie geht. Ich schreibe selbst über meine Therapieerfahrung und bin sehr hinterher, dass sich alle, die die Möglichkeit haben, wirklich therapeutische Hilfe holen. Ich erkläre auch, wie das funktioniert.

Social Media ist etwas unverbindlicher und auch einfacher, als bei der Krankenkasse anzurufen - eine Nachricht bei Instagram fällt leichter. Viele holen sich so Tipps von anderen Betroffenen. Ich habe es genauso gemacht. Aber ich sage auch immer: Ich bin kein Experte, das sind nur meine Erfahrungen.

hessenschau.de: Gibt es auch negative Kommentare?

Timur: Es kommt vor. Manche haben Nachrichten geschickt wie: Hey, vergiss nicht, dass es anderen Leuten viel schlechter geht. Das ist nicht unbedingt böse gemeint. Ich sehe die Intention, aber das ist absolut nicht hilfreich während einer Depression.

Wenige Male gab es Kommentare, es gebe "keinen Grund, so rumzuheulen". Aber das zeigt mir auch das Problem: Es gibt zu wenig Awareness und Aufklärung über psychische Erkrankungen.

hessenschau.de: Am Anfang der Corona-Pandemie haben Sie eine 21-Tage-Challenge gestartet, an der sich viele Ihrer Follower beteiligt haben. Es gab Aufgaben wie "Liebesbrief", "Frühjahrsputz" oder "Alles neu".

Timur: Das habe ich zuerst für mich gemacht: Strukturen sind wichtig für einen Heilungsprozess bei psychischen Erkrankungen, Rituale, an denen man sich festhalten kann. Zu Lockdown-Zeiten war das plötzlich unmöglich. Viele haben gestruggelt, weil sie ihren Tagesablauf nicht mehr hatten.

Es ging nicht darum, produktiv zu sein. Es gab jeden Tag eine Aufgabe, bei der alle mitmachen konnten. Alle hatten damals Angst wegen Corona. Deswegen war die erste Aufgabe, einen Liebesbrief an sich selbst zu schreiben, mit den Ängsten und Befürchtungen für die nächste Zeit - und den dann 21 Tage später noch mal zu lesen.

Beim "Frühjahrsputz" ging es darum, sich irgendeine Baustelle zu suchen, den Dachboden auszumisten oder auch nur das Bett zu beziehen oder zu putzen. Es haben viele mitgemacht. Das war cool zu sehen: Das digitale Zeitalter führt dazu, dass wir diese verrückte Episode irgendwie zusammen erleben: Zum Beispiel zu fünft einen Frühjahrsputz machen, in verschiedenen Wohnungen, jeder alleine zu Hause, aber aus dem gleichen Grund.

hessenschau.de: Glauben Sie, Hashtags wie #NotJustSad und Menschen wie Sie, die auf Twitter und Instagram offen mit ihrer Krankheit umgehen helfen, können tatsächlich Stigmata und Tabus zu bekämpfen?

Timur: Auf jeden Fall! Wir leben im Jahr 2020 und Social Media ist die beste Möglichkeit, eine breite Masse zu erreichen. Instagram ist ein riesiger Kanal. Es gibt viele, die ähnlich wie ich über psychische Erkrankungen sprechen und dabei eine große Reichweite und Community haben.

Das Reden über die eigene Erfahrung mit so einer breiten Masse führt dazu, dass die Tabus gelockert werden und die Leute merken: Hey, es gibt viele andere, die das auch haben. Darüber sprechen hilft und hat keine negativen Konsequenzen! Ich denke, das hilft, Krankheiten zu entstigmatisieren.

hessenschau.de: Beobachten Sie, dass sich schon etwas verändert?

Timur: Es gab schon einen Wandel in den letzten Jahren. Die jüngere Generation wächst anders heran bei dem Thema. Wir lassen uns oft erdrücken von so einem Stigma. Oft weiß man nicht, was passieren würde, wenn man einfach drüber sprechen würde. Manche wissen gar nicht, dass sie an einer Krankheit leiden. Darüber öffentlich zu reden, heißt auch: Aufklärung leisten, und am Ende können andere profitieren.

Das Gespräch führte Sonja Süß.