Laura Drösch untersucht mit Hausarzt Dirk Wetzel einen Patienten

Hausarzt auf dem Lande - was mal ein lukrativer Traumjob war, schreckt längst viele Nachwuchsmediziner ab. Trotz unzähliger Stellenausschreibungen stehen auch in Nordhessen viele Praxen leer. Also müssen neue Anwerbe-Methoden her.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kreis Kassel wirbt um Nachwuchslandärzte

Schild mit Aufschrift "Landarztpraxis"
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Allgemeinmediziner lassen sich seltener auf dem Land nieder, trotz günstiger Mieten, schöner Natur und freier Kassensitze. Die Sorge vor zu langen Arbeitszeiten und schlechterer Infrastruktur als in der Stadt schreckt viele ab. Auch der Werra-Meißner-Kreis leidet unter dem Landärztemangel, obwohl es sogar ein vom Land gelobtes Leuchtturmprojekt gib.

Ein Gesundheitszentrum in Sontra (Werra-Meißner), das im Herbst 2019 startete, soll auch die Kommunen Herleshausen, Nentershausen und Cornberg versorgen. Aber es gibt eben einen "Wermutstropfen", wie Sontras Bürgermeister Thomas Eckhardt (SPD) berichtet. Vier Arztstellen im Zentrum sind noch immer nicht besetzt.

"Unbedingt ursprünglich" zog nicht

Die Verantwortlichen haben einfach noch niemanden gefunden. Dabei hatte eine Stellenausschreibung die Region doch mit Slogans wie "unbedingt ursprünglich" und "spürbare Entschleunigung" rhetorisch ins beste Licht gerückt. Golfen, Wasserwandern, Willkommenskultur - Medizinerherz, was willst Du mehr.

Aber das zog nicht. Also müssen neue Werbemethoden her. Sontra hat deshalb gerade ein Youtube-Video mit Senioren als Laiendarstellern gedreht. Eine Frau mit Rollator schleppt sich vor eine Arztpraxis, rüttelt an der Tür und seufzt verzweifelt "Die Praxis, geschlossen, für immer - ach du liebe Zeit!." Eine Gruppe älterer Patienten warten auf einen Arzt, der nicht kommt. Der ironische Titel: "Ärzteschwemme auf dem Land." Mit dem Video hofft Bürgermeister Eckhardt auf mehr Aufmerksamkeit - und im besten Fall auf vier neue Ärzte.

Landkreis Kassel lockt mit gratis Fahrten und Übernachtungen

Auch der Landkreis Kassel hat verstanden: Er muss in die Offensive gehen, um attraktiv zu werden für junge Ärzte. Damit Studierende aus Marburg oder Göttingen ein zweiwöchiges Praktikum in einer Landarztpraxis machen, gibt es seit Februar finanzielle Anreize. Fahrtkosten werden erstattet und Übernachtungen bezahlt. Medizinstudentin Laura Drösch aus Göttingen macht bei Hausarzt Dirk Wetzel in Zierenberg (Kassel) ein Praktikum. Sie gibt zu: "Ich habe Zierenberg erst einmal googeln müssen. Ich wusste nicht mal, wo das liegt."

Die Vorteile hat sie aber schnell erkannt. Die Arbeitszeiten und Bedingungen seien besser als in der Klinik, die Dorfgemeinschaft persönlicher als anonyme Städte. Arzt Wetzel hat beobachtet: Viele Studenten kommen mit geringen Erwartungen an. "Und am Ende gehen die hier mit einem Lächeln raus und haben gelernt, dass Hausarzttätigkeit sehr spannend sein kann"."

Wer bleibt kleben?

Der Landkreis hoffe auf einen "Klebe-Effekt", sagt sein Sprecher Harald Kühlborn. Den Studenten soll im besten Fall das Praktikum so gut gefallen, dass sie zur Facharztausbildung wiederkommen. Das wäre auch dringend nötig. "Wir stehen zur Zeit am Beginn des Problems, in den nächsten fünf bis zehn Jahren werden 60 Prozent der niedergelassenen Ärzte die Altersgrenze von 65 Jahren erreichen", sagt Kühlborn.

Gegen diese alarmierende Zahl zieht der Landkreis auch mit einem Stipendienprogramm ins Feld. "Fünf Stipendiaten wird das gesamte Studium finanziert, wenn sie sich verpflichten, danach fünf Jahre hier zu bleiben." Pro Student kostet das rund 65.000 Euro.

Rund 290 Arztsitze in Hessen unbesetzt

Hausärztliche Versorgung

Der Ärztemangel ist aber nicht nur in Nordhessen ein Problem: Neben der Region um Sontra braucht es besonders in Idstein (Rheingau-Taunus) und Allendorf (Waldeck-Frankenberg) dringend Ärzte. Hier liegt der Versorgungsgrad unter 75 Prozent - noch schlechter als im Rest von Hessen. Das zeigt eine Statistik des Landesausschusses der Ärzte und Krankenkassen, die Zahlen zur Hausarzt-Versorgung erheben.

Den aktuellsten Zahlen vom Oktober 2019 zufolge sind in Hessen 289,5 Arztsitze unbesetzt. Niedergelassene Ärzte müssen einen sogenannten Kassensitz bei der Kassenärztlichen Vereinigung beantragen, ein Arzt kann auch einen halben Kassensitz haben.

Und nicht allein der ländliche Raum ist betroffen, sondern auch die ein oder andere Stadt. Hanau zum Beispiel hat 20 freie Arztsitze. In Wiesbaden, Wetzlar oder Kassel herrscht hingen eine Überversorgung an Hausärzten.

Landesärztekammer: "Besorgniserregend"

Die Landesärztekammer kritisierte zuletzt wiederholt, dass die Zahl aller Ärzte in Hessen nur minimal steige. Von Januar 2019 bis Januar 2020 kamen nur 59 Ärzte in Hessen dazu. Insgesamt gibt es 38.125 Ärzte in Hessen.

"Besorgniserregend" seien die Nachwuchsprobleme, zumal sich immer weniger Ärzte niederlassen würden, heißt es in einer Mitteilung. Der Präsident der Landesärztekammer, Edgar Pinkowski, fordert deswegen, die Zahl der Studienplätze deutlich zu erhöhen, um den Bedarf decken zu können.

Sendung: hr4 für Nordhessen, 10.03.2020, 15.30 Uhr