OP-Saal in Kreisklinik Groß-Gerau

Kliniken dürfen wieder mehr planbare Operationen durchführen und müssen weniger Intensivbetten für Corona-Patienten vorhalten. Die Entscheidung fiel prompt, die Umsetzung dauert länger. Und wie viele Patienten wollen derzeit ins Krankenhaus?

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hs
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Vor wenigen Tagen wollte Hessen noch abwarten. Die Landesregierung verlängerte die Verordnung vom 16. März, mit der sie den Krankenhäusern "die Durchführung von medizinischen Eingriffen und Behandlungen, für die derzeit keine dringende medizinische Notwendigkeit besteht", untersagte, bis zum 10. Mai. Das ist nun hinfällig.

Man habe die Verordnung angepasst, teilte Sozialminister Kai Klose (Grüne) am Montag mit. Bis zu 70 Prozent der OP-Kapazitäten in hessischen Kliniken stehen ab sofort wieder für so genannte planbare Eingriffe zur Verfügung. Nur noch ein Viertel - und nicht mehr die Hälfte - der vorhandenen Intensivbetten müssen die Häuser für Covid-19-Patienten vorhalten.

Großer Planungsaufwand

Die weitgehende Rückkehr zur Regelversorgung ist allerdings mit erheblichem Planungsaufwand verbunden, wie zahlreiche Kliniken auf hr-Anfrage berichteten. Die Krankenhäuser wünschen sich eine möglichst zügige Rückkehr zu einem gewissen Grad an Normalität, weil leere Betten und aufgeschobene Operationen für große finanzielle Einbußen sorgten.

Zugleich müssen sie darauf vorbereitet sein, dass die Zahl an Covid-19-Patienten infolge der Lockerungen steigt. Das Frankfurter Universitätsklinikum gab dazu Auskunft: "Daher stellen wir unsere Versorgungsstruktur zum jetzigen Zeitpunkt nicht grundlegend um, damit wir auch weiterhin über ausreichende Kapazitäten für die Versorgung von Covid-19-Patienten verfügen."

Auch im DRK-Krankenhaus in Biedenkopf will man "dosiert vorgehen". Die niedergelassenen Ärzte, die im Belegkrankenhaus operieren, hätten schon Patienten kontaktiert. Das Offenbacher Sana-Klinikum teilte mit, die Vorbereitungen liefen, "um optimal vorbereitet zu sein". Diese Auskünfte erfolgten, noch bevor Sozialminister Klose die Vorgaben für die Kliniken lockerte.

Im St. Vinzenz-Krankenhaus in Limburg sah man schon bisher etwas Spielraum, weil "die Entscheidung, ob eine Behandlung dringend medizinisch notwendig ist, die Ärzte des Krankenhauses treffen". Man habe "mit Augenmaß jeden Eingriff auf Notwendigkeit geprüft und an die aktuelle lokale Situation angepasst", sagte ein Sprecher.

Verteilung von Patientenbetten, Öffnung von OP-Sälen

Verlangte die Corona-Krise den Kliniken massive Umstellungen ab, müssen sie ihre Abläufe in umgekehrter Richtung erneut anpassen. Die Geschäftsführung der Lahn-Dill-Kliniken in Wetzlar, Dillenburg und Braunfels bildete - wie andere Häuser auch - eine Arbeitsgruppe dafür.

Die Kliniken Frankfurt-Main Taunus mit Standorten in Bad Soden, Hofheim und Frankfurt-Höchst wollen mithilfe eines mehrstufigen Plans auf Vorgaben der Politik und auf das Patientenaufkommen schnell reagieren können. Es gehe primär um die Verteilung der Patientenbetten, die Öffnung von OP-Sälen und den Einsatz der medizinischen Teams.

Das Diakonie-Krankenhaus im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen verfolgt eine zweigleisige Strategie. Sie verlange Patienten und Mitarbeitern große Flexibilität ab, "da bei möglicherweise erneut steigenden Infektionszahlen Eingriffe erneut verschoben werden müssten".

Patienten mit hohem Leidensdruck zuerst

Zuerst sollen diejenigen Patienten in der Corona-Warteschleife operiert werden, bei denen das besonders dringlich ist. "Entscheidend ist der Gesundheitszustand der Patienten", berichtete etwa die Orthopädische Fachklinik Vitos in Kassel.

In der Kreisklinik Groß-Gerau, wo zuletzt 30 Prozent der sonst üblichen Eingriffe durchgeführt wurden, haben Patienten mit "einem erheblichen Leidensdruck" Vorrang. Fälle, bei denen jeder weitere Aufschub die Prognose verschlechtert, und Patienten mit Schmerzen werden in allen angefragten Häusern vorrangig behandelt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Kreisklinik Groß-Gerau bereitet sich auf mehr planbare Operationen vor

Patientenbetten in der Kreisklinik Groß-Gerau
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Angst vor Ansteckung? Unbegründet, sagen die Kliniken

Unklar ist, wie schnell sich die Operationssäle füllen werden. Einerseits wurden viele Eingriffe seit Mitte März aufgeschoben. Andererseits gehen einige Kliniken davon aus, dass Patienten eine stationäre Behandlung selbst bei erheblichen Beschwerden meiden - aus Angst vor einer Ansteckung mit dem neuartigen Coronavirus.

Die Furcht ist aus Sicht der Krankenhäuser unbegründet. Die Stationen mit Covid-19-Patienten sind überall streng vom übrigen Betrieb abgeschirmt.

Klinikum Darmstadt war fast ausgelastet

Besonders für Krebspatienten kann die Scheu vor Behandlung schnell gefährlich werden. Das Onkologische Zentrum am Klinikum Darmstadt ruft daher dazu auf, "Arzttermine in einer Praxis oder im Krankenhaus wahrzunehmen".

Das Darmstädter Klinikum ist ein Beispiel dafür, dass die Corona-Einschränkungen nicht alle Krankenhäuser gleich stark getroffen haben. Als Haus der höchsten Notfallversorgungsstufe muss es stets freie Betten für Notfälle aller Art bereit halten. Wie die Klinikleitung berichtet, wirkte sich die Corona-Verordnung des Landes hier kaum aus. Man habe zuletzt 80 Prozent der gewöhnlichen Anzahl an Operationen durchgeführt - eine Auslastung, von der andere Krankenhäuser nur träumen konnten.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 10.05.2020, 19.30 Uhr