Corona-Proben im Labor

In einigen hessischen Landkreisen sind die Coronavirus-Fallzahlen im Verhältnis zur Einwohnerzahl sehr viel höher als im Landesdurchschnitt. Warum das so ist? Ein Erklärungsversuch.

Ausgerechnet in Hessens bevölkerungsärmsten Landkreis, dem Odenwaldkreis, wurden im Verhältnis zur Einwohnerzahl die meisten Infektionen mit dem Coronavirus gemeldet. Am Donnerstag waren es nach Angaben des Kreises 220 Fälle. Das sind umgerechnet 228 Fälle auf 100.000 Einwohner.

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Auch der Schwalm-Eder-Kreis ist besonders stark vom Coronavirus betroffen. Hier wurden am Donnerstag 405 Fälle gemeldet, also 225 auf 100.000 Einwohner. Zum Vergleich: hessenweit gab es zu diesem Zeitpunkt 105 bekannte Fälle pro 100.000 Einwohner. Im Odenwald und im Schwalm-Eder-Kreis waren die Fallzahlen also rund doppelt so hoch.

Schlüsselt man die Fallzahlen nach Altersgruppen auf, fällt auf, dass im Odenwald- und Schwalm-Eder-Kreis ältere Menschen besonders betroffen sind. Im Odenwald waren am Mittwoch gut die Hälfte aller gemeldeten Infizierten älter als 60 Jahre, im Schwalm-Eder-Kreis rund 36 Prozent. Zum Vergleich: in ganz Hessen sind mit knapp 30 Prozent deutlich weniger Corona-Infizierten älter als 60 Jahre. Grundlage hierbei sind die Zahlen des Robert Koch-Instituts, die wegen unterschiedlicher Datenerhebung leicht von denen des hessischen Sozialministeriums abweichen.

Odenwald: Fünf Altenheime in Quarantäne

Ein Grund für den schnellen Anstieg der Infektionszahlen im Odenwald sind nach Angaben des Landkreises mehrere Corona-Fälle in Seniorenheimen. Das erklärt auch, warum dort besonders viele Menschen im Alter von über 60 Jahren positiv getestet wurden. Im Odenwald stehen im Moment fünf Pflegeheime komplett oder zum Teil unter Quarantäne, weil sich dort Bewohner mit dem Coronavirus angesteckt haben.

Alte Menschen haben ein erhöhtes Risiko, schwer am Coronavirus zu erkranken. Von den 32 Verstorbenen im Odenwald (Stand Donnerstag), die positiv auf das Coronavirus getestet wurden, lebten nach Angaben des Kreises 23 in diesen Pflegeheimen.

Allerdings gibt ein Sprecher des Odenwaldkreises zu bedenken, dass ein Anstieg der Fälle auch damit zusammenhängen könnte, dass wegen der Ausbrüche in Seniorenheimen dort besonders viel getestet werde. Er vermutet: „Es werden bei uns mehr ältere Leute getestet, deshalb ist woanders die Dunkelziffer höher.“ Das gelte auch für Verstorbene. Wer nicht vor seinem Tod auf das Coronavirus getestet werde, tauche nicht in der Statistik auf.

Schwalm-Eder-Kreis: Vier Altenheime befallen

Auch der Schwalm-Eder-Kreis führt viele Corona-Fälle auf Ausbrüche in Seniorenheimen zurück. Der Kreis teilte am Donnerstag auf Anfrage mit, im Moment gebe es Corona-Fälle in vier Einrichtungen. Eines der betroffenen Heime suchte vergangenen Woche öffentlich Helfer, um ausgefallenes Personal zu ersetzen.

Insgesamt gibt es nach Angaben des Schwalm-Eder-Kreises 126 Corona-Infizierte in diesen Seniorenheimen, also rund ein Drittel aller Fälle im gesamten Kreis. In den Seniorenheimen gab es auch die meisten Corona-Todesfälle im Schwalm-Eder-Kreis, nämlich 15 von insgesamt 20.

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Sprunghafter Anstieg im Werra-Meißner-Kreis

Der Werra-Meißner-Kreis gehört bisher nicht zu den besonders betroffenen Landkreisen in Hessen. Allerdings hat sich hier die Fallzahl innerhalb einer Woche von 58 auf 119 (Stand Donnerstag) mehr als verdoppelt.

Ein Grund dafür ist auch hier, dass sich in einem Seniorenheim sowohl Bewohner und Pfleger mit dem Coronavirus angesteckt haben. 41 Fälle im Werra-Meißner-Kreis sind nach Angaben des Landkreises auf dieses Seniorenheim zurückzuführen.

Odenwald: Einfluss von Bayern und Baden-Württemberg

Im Odenwaldkreis gibt es noch eine weitere mögliche Erklärung für die vergleichsweise hohen Fallzahlen: die geografische Lage. Landrat Frank Matiaske (SPD) sagte dem hr vergangene Woche: "Wir haben sowohl zu Bayern als auch zu Baden-Württemberg eine gemeinsame Grenze. Und wenn man sich die Zahlen von dort seit Wochen anschaut, stellt man fest, dass wir im Vergleich über die Landesgrenze gar nicht so der Ausreißer sind." An dieser Einschätzung hat sich nichts geändert, bestätigte ein Sprecher des Kreises am Mittwoch.

Tatsächlich haben Baden-Württemberg und Bayern im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl deutlich mehr bestätigte Corona-Fälle als Hessen. In Baden-Württemberg waren es laut Robert Koch-Institut am Donnerstag 234 auf 100.000 Einwohner, in Bayern 269.

Stadt Offenbach: Weniger Skiurlauber?

Besonders auffällig sind die Zahlen auch in der Stadt Offenbach. Dort sind sie besonders niedrig. Hier zählte das Hessische Sozialministerium am Donnerstag 59 Fälle, also nur 46 auf 100.000 Einwohner. Dafür hat die Stadt einen Erklärungsversuch: "Wir haben eine andere Sozialstruktur als andere Städte", sagte eine Sprecherin dem hr. Es gebe in Offenbach viele Menschen mit Migrationshintergrund, außerdem viele arme Menschen.

So seien vermutlich weniger Menschen als in anderen Städten im Skiurlaub gewesen. In Skigebieten in Österreich und Italien hatten sich ja viele mit dem Coronavirus infiziert.

Auch der Zufall spielt eine Rolle

Trotz plausibler Erklärungsversuche spielt nach Ansicht von Experten bei unterschiedlichen Coronavirus-Fallzahlen im Moment auch immer der Zufall eine große Rolle. Der Virologe Christian Drosten sagte dazu dem NDR, man könne zu Beginn einer Epidemie aus einzelnen betroffenen Gebieten keine allgemeingültigen Befunde ableiten. "Da, wo zufällig gerade jemand aus Italien das Virus mitgebracht hat, da startet die Infektion. Das heißt aber jetzt nicht, dass diese Nachbarschaft, in der sie gestartet ist, sich in Grundeigenschaften von der anderen Nachbarschaft, wo sie nicht gestartet ist, unterscheidet", sagte Drosten.

Unterschiede in den Zahlen könnten auch durch unterschiedliche Virentest-Strategien in den Regionen zustande kommen. Je länger die Epidemie dauere, umso gleichmäßiger würden sich die Zahlen verteilen, prognostiziert Drosten.

Sendung: hr4, 15.04.2020, 12.45 Uhr