Leuschner-Medaille an Lübcke

Der mutmaßlich von einem Rechtsextremen erschossene Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke ist posthum mit der Wilhelm-Leuschner-Medaille ausgezeichnet worden. Seine Familie nahm die höchste Ehrung des Landes ergriffen entgegen.

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Erstmals wurde am Sonntag die höchste Auszeichnung des Landes Hessen posthum vergeben: Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) überreichte die Wilhelm-Leuschner-Medaille der Familie des im Juni ermodeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke (CDU). Dieser habe sich "aus voller Überzeugung für Freiheit, Demokratie und soziale Gerechtigkeit eingesetzt", begründete Bouffier die Auszeichnung.

In seiner Laudatio im Wiesbadener Kurhaus berichtete der hessische Regierungschef von seiner Fassungslosigkeit, als er vom Mord an Lübcke erfahren habe: "Ich konnte es nicht glauben", sagte Bouffier: "Walter und ich, wir waren Wegbegleiter und Freunde über 40 Jahre."

Bouffier würdigt und mahnt

Dabei sei Lübcke auch wegen seiner Heimatverbundenheit und Bodenständigkeit parteiübergreifend geschätzt gewesen: "Familie, Gemeinschaft, Zusammenhalt, das war ihm wichtig", erinnerte Bouffier. "Er mochte die Menschen, und die Menschen mochten ihn."

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Gleichzeitig pflegte Lübcke "das offene Wort, war mutig und stand zu seinen Überzeugungen", sagte der Ministerpräsident. Für seine aufrichtige und unerschrockene Einstellung habe er mit seinem Leben bezahlen müssen. Der Mord zeige "wie durch ein Brennglas" die Herausforderungen für Freiheit und Demokratie durch den Rechtsextremismus: "Eine Bedrohung, die wir mehr als ernst nehmen müssen", mahnte Bouffier.

Lübcke-Sohn: "Aus Worten wurden Taten"

Lübckes Witwe und seine beiden Söhne nahmen die Auszeichnung entgegen. "Unser Vater fehlt uns allen sehr", sagte Jan-Hendrik Lübcke mit tränenerstickter Stimme zum Auftakt seiner Dankesrede. Nicht nur der Familie, auch Freunden und ehemaligen Mitarbeiten schmerze der tragische Verlust.

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Jan-Hendrik Lübcke erinnerte auch an das Jahr 2015 und die Herausforderungen, auf die sein Vater während der so genannten Flüchtlingskrise habe reagieren müssen. Das habe er aus christlicher Überzeugung heraus getan. Hasserfüllten Äußerungen sei er dabei stets entschieden entgegen getreten.

So auch bei einer Bürgerversammlung in Lohfelden (Kassel) im Herbst 2015, wie Lübckes Sohn erinnerte: Hier sei ein Halbsatz seines Vaters aus dem Kontext gerissen und ihm zum Verhängnis geworden. Ein Video dieses Halbsatzes, in dem Lübcke die deutsche Flüchtlingspolitik entschieden verteidigte, sei instrumentalisiert worden. "Aus Worten wurden Taten - die unbegreifliche Ermordung unseres Vaters."

Lübckes Sohn Jan-Hendrik appellierte an die Gesellschaft, sich Hass und Hetze entgegenzustellen: "Wir sind alle aufgefordert, demokratische Werte zu verteidigen."

"Waldecker Lied" als Verbeugung vor Lübcke

Zum Gedenken und "als Verbeugung" vor dem Ermordeten stimmten die rund 350 Gäste im Wiesbadener Kurhaus zum Abschluss der Feierstunde gemeinsam "Das Waldecker Lied" an - ein ungewöhnlicher Vorgang bei solchen Verantstaltungen. Die Hymne der Heimat des Verstorbenen sei "mehr als ein Lied", wie Ministerpräsident Bouffier erklärte: "Es ist Stück Bekenntnis zur Heimat, ein Stück der Identität." Lübcke sei tief verwurzelt mit dieser Region gewesen.

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Walter Lübcke war am 2. Juni dieses Jahres in seinem Haus in Wolfhagen-Istha (Kassel) erschossen worden. Der Generalbundesanwalt geht von einem rechtsextremen Hintergrund aus. Der Hauptverdächtige Stephan Ernst hatte die Tat zunächst eingeräumt, dann aber sein Geständnis widerrufen. Vor wenigen Tagen kündigte sein Anwalt ein neues Geständnis an.

Neue Auszeichnung angekündigt

Die Wilhelm-Leuschner-Medaille wird seit 1965 verliehen und würdigt den Einsatz für Demokratie, Freiheit und soziale Gerechtigkeit. Sie wird traditionell am hessischen Verfassungstag am 1. Dezember verliehen. In den vergangenen Jahren ging sie an Persönlichkeiten wie Karl Kardinal Lehmann, Salomon Korn oder Joachim Gauck.

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Das Land Hessen will zudem eine neue Auszeichnung vergeben. Mit dem "Walter-Lübcke-Demokratie-Preis" sollen künftig Persönlichkeiten, Vereine oder Institutionen geehrt werden, die sich in besonderer Weise für demokratische Werte einsetzen, wie Bouffier am Sonntag ankündigte.

Ziel sei es, gerade vor dem Hintergrund des "besorgniserregenden Ausmaßes" von Hass und Bedrohung "den gesellschaftlichen Zusammenhalt, das demokratische Miteinander und einen von gegenseitigem Respekt getragenen politischen Diskurs zu stärken", sagte Bouffier. Der Preis ist nach Angaben der Staatskanzlei undotiert.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 01.12.2019, 19.30 Uhr