Menschen stehen in einer langen Schlange und warten. Im Hintergrund ein Gebäude mit einem Schild "Impfzentrum".

Menschenaufläufe wegen Corona-Impfungen, Mangel an Impfstoffen: Verbände und Mediziner kritisieren, dass es bei der Booster-Impfkampagne keine Priorisierung mehr gibt. Andererseits werden mittlerweile Impfungen angeboten, wo man nicht damit rechnet.

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Andrang auf Impfangebote

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Die Warteschlangen für Corona-Impfungen und Auffrischungen sind in Hessen vielerorts quälend lang geworden. Wer eine der begehrten Injektionen bekommen möchte, steht mitunter lange in der Kälte vor Praxen oder Impfzentren. Gerade für Ältere ein Kraftakt, den viele nicht mehr bewältigen können.

Zwei Probleme werden immer offenkundiger: Es mangelt auch in Hessen an raschem und reichhaltigem Nachschub mit Impfstoff. Und die Aufhebung der Impfpriorisierung nach Alter und Vorerkrankungen erweist sich als schwierig - vor allem für Ältere. Das sorgt für Spannungen in der Bevölkerung. Die Kritik aus dem Gesundheitswesen an der Politik wird lauter.

"Windhund-Rennen" um Impftermine

Der Hausärzteverband Hessen (HSGH) kritisiert die Impfstrategie der Politik. Seitdem Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) verkündete, dass sich jeder Volljährige, dessen Grundimmunisierung rund sechs Monate zurückliegt, boostern lassen solle, herrsche Chaos. "Das Windhund-Rennen ist eröffnet", kommentiert HSGH-Vorsitzender Armin Beck verärgert im Gespräch mit hessenschau.de.

Nun herrsche die Devise: Wer schneller und findiger ist, bekommt eine Impfung. Wer bedürftiger ist, werde nicht geprüft. "Es herrschen keine Regeln mehr. Die Logik bleibt auf der Strecke", sagt Beck: "Eine Ordnung beizubehalten wie bei den vorigen Impfungen, wäre hilfreich gewesen." Angesichts der "exorbitant gestiegenen Zahl an Impflingen" stünden nicht genug Impfstoff und Kapazitäten zur Verfügung.

Impfdruck von jüngeren Menschen

Der Mainzer Virologe Bodo Plachter findet: "Natürlich sollten Ältere zuerst geboostert werden. Aber es entsteht derzeit auch enormer Druck von jüngeren Menschen, die ihren Booster bekommen wollen. Das ist ein gesellschaftspolitisches Problem."

Zu Wochenbeginn wurden in Hessen erstmals mehr Unter-60-Jährige als Senioren geboostert. Am Montag und Dienstag haben sich rund 73.000 Menschen die Auffrisch-Impfung geholt. 54 Prozent waren jünger als 60 Jahre, 46 Prozent älter. Vor einer Woche waren noch die Senioren in der Mehrheit (56 Prozent). Das geht aus Zahlen des Robert-Koch-Instituts hervor. Demnach haben bisher rund 24 Prozent der Über-60-Jährigen in Hessen ihren Impfschutz aufgefrischt.

Nach Einschätzung der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KVH) ist es höchst problematisch, dass Noch-Bundesgesundheitsminister Spahn "die Priorisierung pulverisiert" habe. Diese Aufgabe nun den Praxen anzulasten, sei eine riesige Herausforderung. "Denn der Ansturm ist enorm", sagt KVH-Sprecher Karl Roth.

Kaum Andrang im frühen Herbst

Die Ständige Impfkommission (Stiko) am Robert-Koch-Institut sprach am 19. November ihre Empfehlung für eine Booster-Impfung für alle Volljährigen aus. Anfang Oktober empfahl sie eine dritte Spritze nur für Über-70-Jährige und Menschen mit Vorerkrankungen, weil bei ihnen die Immunisierung bekanntermaßen schneller nachlässt. Andrang vor den Impfstellen wie zuletzt gab es in der Folge zunächst kaum.

Das hessische Sozialministerium weist darauf hin, dass Pflegeeinrichtungen im August und Oktober angeschrieben und über das weitere Verfahren informiert worden seien. Impfungen erfolgten und erfolgen dort über Ärzte und mobile Teams. Zudem schrieb Minister Kai Klose (Grüne) zusammen mit der KVH die Ärzteschaft an, sie möge alle Personen ab 70 Jahren zur Auffrisch-Impfung einladen. Auch das Land schrieb alle aus dieser Altersgruppe an.

Warteschlangen speziell für Ältere

Nun legt Sozialminister Klose jüngeren Menschen nahe, Älteren den Vortritt zu lassen. "Es ist ja nicht so, dass der Impfschutz plötzlich am sechsten Monat plus einen Tag einfach aufhört", sagte er. Der Impfschutz baue sich erst langsam ab. Doch je älter die Menschen seien oder wenn sie eine Vorerkrankung hätten, desto schneller schwinde der Schutz.

Das Ministerium, so Klose, unterstütze die Ärzte und kommunalen Gesundheitsdienste dabei, Impftage eigens für besonders verletzliche Bevölkerungsgruppen abzuhalten. Dabei könnten auch Warteschlangen speziell für Ältere ("Fastlane") helfen, damit diese schneller zum Zuge kommen.

Tipps für Impftermine

Nur gut, dass es immer mehr Anlaufstellen für eine Versorgung gibt. Impfzentren, Haus-, Fach- und Betriebsärzte sind nicht mehr auf sich allein gestellt. Unterstützt werden sie von Kliniken und kommunalen Einrichtungen. Das Sozialministerium empfiehlt, auf Internetseiten der Städte und Kreise nach Impfangeboten und Sonderaktionen Ausschau zu halten.

Eine Übersicht zu stationären Impfstellen hat das Sozialministerum veröffentlicht. Impfende Praxen stehen im Verzeichnis der KVH . Helfen bei der Suche nach Impfterminen können auch folgende Internetseiten: Corona-Impftermine, Impf-Finder und Doctolib.

Zudem sind mobile Impfteams oder Impfbusse in Hessen unterwegs. Durch Frankfurt rollte bis vor kurzem ein Straßenbahn. Doch der sogenannte Impf-Express kann wegen fehlender Impfstoffdosen vorerst nicht mehr fahren.

Pieks bei der Bürgermeisterwahl

Dafür gibt es aber auf einmal Sonderaktionen an Orten, wo man mit Impfungen nicht rechnet. So wurde am vergangenen Sonntag in Romrod (Vogelsberg) die Bürgermeisterwahl zum Anlass genommen, um im Dorfgemeinschaftshaus auch Impfungen anzubieten. Kreuzchen machen und Pieks bekommen - beides war an einem Ort möglich.

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Was ist die neue Omikron-Variante

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Virologe Plachter sagt zur fast unüberschaubaren Vielfalt an Formaten und Orten: "Eine Vielzahl an Angeboten und niedrigschwellige Impfangebote sind absolut zu begrüßen. Wichtig ist, dass jetzt so viele Menschen wie möglich eine Impfung oder Auffrischung bekommen." Gerade angesichts einer neuen Virus-Variante wie Omikron sei Eile geboten. Es gibt schon nachgewiesene Fälle in Hessen.

Hinweis: In einer früheren Version stand, die Stiko-Empfehlung für Booster-Impfungen für Über-70-Jährige sei erfolgt, als die Impfzentren noch geöffnet hatten. Das war falsch. Seit Juli gab es allerdings Erkenntnisse aus Israel, dass Boostern den Immunschutz deutlich hebt. Wissenschaftler empfahlen es daraufhin.

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