Bildkombination aus einem Portrait vom Thomas Ranft und einem Foto einer Demonstration zum Klimawandel. Im Vordergrund ist ein Schild zu sehen mit der Aufschrift: "Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt."

Der Klimawandel hat uns fest im Griff. Doch birgt diese Krise vielleicht auch eine Chance? hr-Wettermoderator Thomas Ranft spricht im Interview über den Erfolg von Fridays for Future und den Umgang mit Klimawandel-Leugnern.

Das Klima hat sich in der Geschichte der Menschheit schon oft verändert - doch nie so schnell. Innerhalb von 100 Jahren hat sich die Erderwärmung bereits um ein Grad erhöht. Hauptursache, da sind sich die Experten einig, sind die vom Menschen verursachten Treibhausgase wie CO2. Noch ist Zeit, das Ruder herumzureißen. Wie das möglich ist, erklärt hr-Klima- und Wetterexperte Thomas Ranft im Interview.

hessenschau.de: Herr Ranft, wie fühlt sich ein Grad wärmer an?

Thomas Ranft: Gar nicht. Man kann ein Grad Temperaturunterschied nicht fühlen. Dazu braucht es schon mindestes zwei Grad Unterschied. Außer wenn jemand die Haut eines anderen Menschen anfasst. Eltern merken es sofort, wenn ihr Kind eine erhöhte Temperatur hat. Ansonsten merkt man das nicht.

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Thomas Ranft

Thomas Ranft lebt in der Wetterau und wurde 1966 geboren. Er ist Klimabotschafter des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland und einem größeren Publikum unter anderem als Moderator der hr-Sendungen "alle wetter" und "Alles Wissen" bekannt. Am wohlsten fühlt er sich eigentlich bei Sommer-Temperaturen - doch deren Extreme bereiten ihm zunehmend Sorgen.

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hessenschau.de: Könnte das ein Grund sein, der es uns leicht macht, den Klimawandel zu verdrängen?

Ranft: Nicht nur. Denn Klimaerwärmung bedeutet nicht, dass es nur um ein Grad wärmer wird. Sondern dass Extreme zunehmen, auch wenn es im Mittel nur ein Grad wärmer ist. Nehmen wir die typische Temperaturverteilung, sie sieht aus wie eine Sinuskurve. Wenn ich am linken Rand der Kurve die Kälte habe und am rechten die Wärme, und die Kurve nur ein kleines bisschen nach rechts verschiebe, dann ist es fast nicht mehr zu kalt, sondern um ein Vielfaches heißer. Das macht die Klimaerwärmung: dass das eine Extrem zunimmt.

Die Grafik zeigt, wie sich die Klimakurve im Vergleich zu früher verschoben hat.

hessenschau.de: Sie verkünden nicht nur täglich das Wetter im hr-Fernsehen – auch das Thema Klimawandel beschäftigt Sie schon lange. Welches Phänomen in Hessen war für Sie bisher das prägnanteste Zeichen des Klimawandels?

Ranft: Gerade die Jahre 2018 bis 2020 zeigen, was Klimawandel tatsächlich bedeutet. In 2019 haben wir Hitzerekorde gebrochen mit einer Wetterlage, die es so auch in den 60er Jahren gab. Aber da war es nicht so heiß, da war es warm.

Im Rhein-Main-Gebiet gab es im Sommer 1956 nicht einen Tag mit 30 Grad, in den 50er und 60er Jahren im Schnitt rund 5 Tage mit 30 Grad. 2018 waren es 40 Tage, inzwischen liegt der Schnitt bei 17 Tagen mit 30 Grad. Es wird extremer. Das, was in den 60er Jahren fast undenkbar war, ist heute das neue Normal geworden. Das darf schon ein bisschen erschrecken.

hessenschau.de: Wenn wir weiterhin so leben wie bisher, wird sich die Erde laut einer UN-Studie bis Ende dieses Jahrhunderts um über 4 Grad erwärmen. Was würde so ein Szenario für uns bedeuten?

Ranft: Ich will eigentlich nicht darüber nachdenken. Das Ende der vergangenen Eiszeit war vor über 10.000 Jahren mit einem Temperaturunterschied von vier Grad kälter als jetzt. Jetzt reden wir über einen viel kürzeren Zeitraum, in dem sich das Klima verändert. Wir haben jetzt gerade innerhalb von 100 Jahren ein Grad Erwärmung und merken die Veränderung schon.

hessenschau.de: Die Folgen sind bereits spürbar. Wie argumentieren Sie gegenüber jemandem, der den Klimawandel trotzdem leugnet?

Ranft: Gar nicht. Wenn jemand das tatsächlich leugnet, hat er schon eine Meinung - und zwar eine, die in diesem Fall nicht auf Fakten beruht. Das ist wie bei allen Diskussionen, die wir zurzeit in der Gesellschaft haben, und zwar weltweit: Wenn Fakten nicht helfen, hilft es auch nicht, mit Fakten gegen eine andere Meinung zu argumentieren.

hessenschau.de: Was halten Sie von der Aktion Fridays for Future, bei der auch Schüler in Hessen dem Beispiel der schwedischen Klimaaktivistin Greta Thunberg folgen und für mehr Klimaschutz streiken?

Ranft: Sensationell! Wissenschaftler weisen seit Jahrzehnten auf den Klimawandel hin. Das hat bisher nicht gereicht. Man muss sich auch darüber bewusst sein, wie Menschen funktionieren. Es ist nicht der vernünftige Teil, der Entscheidungen trifft, sondern der emotionale. Das limbische System unseres Gehirns zeigt an: Diese Information schmeckt mir und diese schmeckt mir nicht. Deshalb hat Wissenschaft keine Chance gehabt, weil sie faktenbasiert ist. Fridays for Future argumentiert zwar auch mit Fakten, aber emotional.

Außerdem schlägt Fridays for Future den Pflock an einer anderen Stelle ein. Deren Aussagen sind nicht verbesserte Kompromisse, sondern klare Anforderungen, was die Welt braucht, damit wir Menschen weiter überleben können. Die Demonstranten sagen es eindeutig und laut und geben eine Messlatte vor, an der man sich entlang hangeln muss. Die uns dazu zwingt, über unser Handeln neu nachzudenken. Das hat die Politik bisher nicht geschafft - sie kann nur das tun, wofür die Gesellschaft bereit ist.

hessenschau.de: Um den Klimawandel aufzuhalten, müssen wir unseren Treibhausgasausstoß verringern. Welchem Ansatz zur Reduzierung der Co2-Emission räumen Sie die größten Chancen ein?

Ranft: Aus Klimasicht geht es darum, den Ausstoß bis 2035 um hundert Prozent zu vermeiden, wenn wir die Erderwärmung auf 1,5 Grad begrenzen wollen. Das heißt, wir haben 15 Jahre, um netto gar kein CO2 mehr auszustoßen. So dramatisch ist die Lage. Deswegen ist meine Überzeugung: Wir müssen CO2 einen nennenswerten Preis zuweisen, viel mehr als bisher.

Das würde in jeden Bereich unseres Lebens eingreifen. Wenn der Gaspreis so durch die Decke geht, dass ich ihn nicht mehr bezahlen kann, rechnet sich die Investition in eine Wärmepumpe und die Installation einer Solaranlage in meinem Haus. Genauso beim Auto: Wenn bei dem Elektroauto die Produktion der Batterie zu teuer ist, entscheidet der Hersteller, dass er das lieber mit Solarenergie löst.

hessenschau.de: Stichwort Auto: Nun wäre ja auch mit der Corona-Pandemie eine Möglichkeit gekommen, unsere Art der Fortbewegung grundlegend zu überdenken.

Ranft: Sie ist ein Chance umzudenken. Und sie hat auch schon etwas verändert. Es sind zum Beispiel mehr Pop-Up-Radwege entstanden und nur wenige werden zurückgedreht. Allerdings ist parallel dazu das Misstrauen in den Öffentlichen Personennahverkehr gestiegen, er wird weniger genutzt. In der Folge kaufen die Leute nun mehr Autos, weil sie im Winter ungern mit dem Rad fahren wollen. Das lässt sich im Moment nicht verhindern.

hessenschau.de: Auf was haben Sie verzichtet, um dem Klimawandel entgegenzuwirken?

Ranft: Das ist die falsche Frage. Wenn wir Menschen klar machen, dass Anpassungen an den Klimawandel Verzicht bedeuten, werden wir keine Zustimmung bekommen - und das ist falsch. Ich bin überzeugt, dass wir eine Veränderung brauchen. Sie kann unser Leben besser machen. Wir können gesünder leben, ohne auf etwas zu verzichten.

Beim Verkehr zum Beispiel: Wir könnten jetzt entscheiden, wo und wie jeder überall hinkommt, mit weniger Abgasen, weniger Lärm, weniger Drama. Oder die Sanierung eines Hauses. Sie kostet zwar Geld. Aber wie toll ist das denn, wenn man in einem wärmegedämmten Haus wohnt und im Winter nicht mehr mit einer Decke auf dem Sofa sitzen muss, um es warm zu haben? Das, worüber wir reden, kann dem Klima helfen. Es wird aber auch Geld kosten.

hessenschau.de: Sie selbst sind inzwischen ein begeisterter Elektro-Autofahrer geworden.

Ranft: Ja, das bin ich. Und wer mich kennt, weiß, dass ich ein absoluter Autonarr bin. Wenn es brummt, ist es toll, habe ich immer gesagt. Aber wenn man ein Elektro-Auto ausprobiert hat, sagt man: Das ist toll, das ist irgendwie besser. Leiser, entspannter, dynamischer, und es ist unbestritten ökologisch eindeutig sinnvoller.

Wenn man eine Zeitlang ein Smartphone hatte, ist es auch schwer, auf das Handy mit Tastatur zurückzugehen. Das Tastaturhandy von Nokia hat sich nicht durchgesetzt, obwohl man es seltener laden muss. Ich muss mein Auto auch häufiger laden, aber alles andere ist besser.

hessenschau.de: Ist der Klimawandel auch eine Chance, neu darüber nachzudenken, wie wir in Zukunft leben wollen?

Ranft: Wenn wir über Klimawandel reden, dürfen wir uns eine Welt ausmalen, die anders ist als heute. Unsere Welt heute ist nicht perfekt. Wir reden über Fahrverbote in Innenstädten, weil Autos so viel Dreck ausstoßen, wir stehen in Staus, bewegen uns zu wenig, Diabetes ist eine Volkskrankheit geworden, wir leben bequem.

Wir können uns eine bessere Welt ausmalen, die anders bequem ist und nicht schlechter, sondern besser für die Umwelt. Fangen wir an, darüber nachzudenken, was uns jetzt nicht gefällt. Das kann man ändern und etwas Gutes für das Klima tun.

Sendung: alle wetter, 16.11.2020, 19.15 Uhr