Krankenhauspersonal mit Mundschutz

Seit Mittwoch wird die Corona-Prämie in der Altenpflege ausgezahlt - die Krankenpflege geht leer aus. Hier berichten Pflegekräfte, was sie von dem Extra-Geld halten, von Applaus auf Balkonen und der Debatte um höhere Gehälter.

Mit Beginn der Corona-Pandemie rückten die Pflegekräfte verstärkt ins nationale Bewusstsein. Abends wurde für sie vom Balkon geklatscht, vor Kliniken wurden Plakate für die "Corona-Helden" aufgehängt, bei denen es sich meist um Heldinnen handelt.

Am Notstand in der Pflege hat sich freilich nichts geändert. Die Politik versprach Wertschätzung in Form einer Corona-Prämie von 1.500 Euro. Durchgesetzt wurde lediglich eine Prämie für die Altenpflege, je nach Bundesland schwankt die Höhe.

In Hessen begann die Auszahlung am Mittwoch, nach Angaben des Sozialministeriums erhalten 80.000 Arbeitskräfte in der Altenpflege das Geld. Krankenpfleger bekommen nichts.

Was sagen die "Corona-Helden"? Wie finden sie die Prämie? Wie sieht ihr Alltag mit und ohne Corona aus? Was halten sie vom öffentlichen Applaus für sie? Welche Veränderungen wünschen sie sich? Drei der Pfleger, die hier zu Wort kommen, baten darum, anonym berichten zu können. Ihre Namen sind der Redaktion bekannt.

"Wir fühlen uns beleidigt"

Mark Müller aus Marburg, 25 Jahre alt, Krankenpfleger, in Ausbildung zum Fachkrankenpfleger Anästhesie und Intensiv. Nettogehalt: 1.800 bis 1.900 Euro auf einer 100-Prozent-Stelle, mit Zuschlägen und Diensten bis zu 36 Stunden bis zu 2.400 Euro.

"Der Frust ist riesig, eigentlich fühlen wir uns sogar beleidigt. In Rheinland-Pfalz gab es als Dank Lavendel für die Pflege. Die Politik kümmert sich mit Krediten um die Autoindustrie und die Lufthansa. Wenn man einfach jeder Pflegekraft 1.500 Euro Corona-Bonus geben würde, wäre das im Vergleich sehr günstig. Für uns ist so was ein Schlag ins Gesicht.

Beim Klatschen für 'Corona-Helden' wollte man sich anderen Ländern anschließen, aber ich finde das schwierig: Vielen ist bewusst geworden, was es für Probleme gibt, aber mehr als Klatschen wollen sie nicht hergeben. Es gibt keine Bereitschaft, mehr Geld für unsere Arbeit zu zahlen oder dafür auf die Straße zu gehen. Das Klatschen ist mehr deutsche Höflichkeit. Vielen tut die Pflege nur leid, solange es für sie bequem ist.

Aktuell verschwindet auch die Angst bei den Leuten wieder, selbst krank zu werden. Ich habe Corona-Patienten betreut, in Marburg hat es uns aber nicht so hart getroffen. Die Intensivversorgung von Covid-Patienten ist wahnsinnig aufwendig, wir hatten Angst, dass ein großer Sturm kommt. Weil weniger Leute ins Krankenhaus gekommen sind oder nur die tatsächlichen Notfälle, hatte man plötzlich mal wirklich Zeit für Patienten.

Im OP haben wir in Teams inturbiert, weil das Risiko der Infektion hoch ist. Jeder wurde wie ein potenzieller Covid-Fall behandelt. Es gab massive Probleme, genug FFP2-Masken zu bekommen. Die, die wir genutzt haben, wurden wieder aufbereitet, also desinfiziert. Es hieß, der Schutz sei der gleiche, aber Schwarz auf Weiß hatten wir das nicht.

Wir bekommen finanziell gar nichts, es wird nicht mal darüber diskutiert. Arbeitgeber lassen sich nur auf Sachen ein, die refinanziert werden von Krankenkassen. Ich bin in der Gewerkschaft aktiv, aber insgesamt sind wir schlecht organisiert. Die Pflege wird es aus alleiniger Kraft nicht schaffen. Es fehlt an Nachwuchs. Ich sehe schwarz für die Pflege in den nächsten Jahren."

"Ich brauche keine einmalige Corona-Prämie, ich will ein höheres Brutto"

Altenpflegerin in der ambulanten Hilfe aus dem Rhein-Main-Gebiet, 59 Jahre alt. Nettogehalt: 1.550 Euro für 30 Stunden inklusive Wochenendzuschlägen, dazu ein 450-Euro-Job.

"In der Hochphase der Pandemie wurde ich ab und zu gegrüßt auf dem Weg zu einem Patienten. Wenn ich mal vor einem Garagentor parken musste, waren die Leute kulanter als sonst. Das hört allerdings schon wieder auf. Ansonsten musste ich Masken tragen. Getestet wurden wir nie, obwohl wir von Wohnung zu Wohnung eilen und das Virus auch weitergeben können.

Ich bekomme jetzt auch die Corona-Prämie, zumindest 75 Prozent davon - das entspricht meiner Arbeit in der ambulanten Hilfe, da verdiene ich 1.550 Euro. Weil das nicht reicht, habe ich noch einen Nebenjob auf 450-Euro-Basis. Ich stehe um 4.45 Uhr auf, am Wochenende mache ich auch Doppelschichten, da habe ich manchmal bis zu 30 Patienten.

Alles ist getaktet, in einem Gerät muss ich jeden Arbeitsschritt und jede Fahrt dokumentieren, eine ständige Kontrolle. Für Kompressionsstrümpfe sind zum Beispiel zwei Minuten vorgesehen, oft brauche ich länger. Ich mache manchmal das Gerät aus, wenn mal jemand traurig ist zum Beispiel, um auch mal sitzen bleiben zu können und zu trösten. Die Arbeit ist körperlich hart: Wenn ich etwa einen Patienten habe mit 150 Kilo, der muss in den Lifter, dann in die Dusche und wieder angezogen werden. An manchen Tagen bin ich wirklich geschafft. Ich bin nicht mehr die Jüngste.

Eine langjährige Klientin fand ich mal morgens um 7 Uhr tot in ihrer Wohnung, da habe ich die Frau gewaschen, gekämmt und sie auf die Reise geschickt, das Fenster aufgemacht, damit ihre Seele gehen kann - auf so etwas bin ich schon stolz. Das Klatschen für Pflegekräfte gab es bei uns im Dorf nicht. Das mit den 'Corona-Helden' war nur eine Zeit, das geht vorbei. Ich brauche keine einmalige Prämie. Ich will ein höheres Brutto, damit ich nicht noch einen Nebenjob machen muss, das wäre mein Zukunftswunsch."

"Als ich vom Pflegebonus hörte, war die Freude groß! Endlich Anerkennung! Sofort kamen mir aber Zweifel"

Monika May aus Schöneck (Main-Kinzig), 71 Jahre alt, leitete 30 Jahre lang eine Altenpflegeschule. Die Sozialwissenschaftlerin und Krankenpflegerin ist seit 45 Jahren in der Gewerkschaft und inzwischen im Ruhestand.

"Als ich vom Pflegebonus gehört habe, war die Freude groß! Endlich Anerkennung! Sofort kamen mir aber Zweifel. Seit Jahrzehnten erlebe ich, wie Krankenhäuser, Altenheime und andere Pflegeeinrichtungen sich an keinerlei Tarifgefüge mehr halten müssen. Kommunale, gemeinnützige und kirchliche Einrichtungen wurden privatisiert. Das Erste, was sie getan haben, war, aus Tarifverträgen auszusteigen. Tariflöhne, Zusatzversorgung im Alter, günstiger Wohnraum und ähnliches sind Vergangenheit.

Da können wir von den Piloten, den Ärzten, den Lokführern nur lernen, die sich viel stärker gewerkschaftlich organisieren und daher auch erfolgreicher sind, was ihre Forderungen betrifft. Ich bin auch der Meinung, dass manche Frauen leider immer noch nicht begriffen haben, wie wichtig es ist, sich für seine Rechte einzusetzen. Und der Pflegeberuf ist eben sehr stark von Frauen dominiert. Zynisch gesagt: Vielleicht hilft es, wenn wir eine Männerquote einführen."

"Wir arbeiten an der Front, aber keiner schützt uns"

Krankenpfleger in der ambulanten Altenhilfe aus Nordhessen, 29 Jahre alt. Nettogehalt: rund 1.700 Euro für eine 90-Prozent-Stelle.

"Fehlende Schutzkleidung war bei Corona ein ganz großes Problem, wir haben erst spät welche bekommen. Es gab Engpässe bei Desinfektionsmitteln und nicht genug Masken. Wenn wir uns nicht schützen können, können wir auch Patienten nicht schützen. Wir hatten Corona-Fälle bei Klienten. Wenn man beim Gesundheitsamt wegen Tests nachgefragt hat, hieß es: 'Ach so, Sie sind Pflegekraft, da müssen Sie weiterarbeiten, bis Sie Symptome haben.' Das hat zu Verärgerung geführt.

Wir haben uns ausgenutzt gefühlt. Wir machen die Arbeit an der Front, aber keiner schützt uns. Ich habe von anderen gehört, die trotz positivem Test, aber ohne Symptome, gearbeitet haben. Habe ich als Pflegekraft nicht das Recht, gesund zu bleiben?

Es gab zwar Masken, aber wir hatten nicht genug. Normalerweise soll man die Masken für 15 bis 20 Minuten tragen und bei jedem Patienten wechseln. Wir mussten sie natürlich immer tragen. In drei Stunden versorge ich manchmal zehn bis zwölf Patienten, konnte die Maske aber nicht wechseln. Überhaupt sind die Masken ein Problem bei der körperlichen Arbeit. Sie werden feucht, und viele haben nach dem Dienst Kopfschmerzen bekommen, waren kaputt und müde.

Das ganze Klatschen, der Dank: Plötzlich kommen die Leute auf die Idee, was für tolle Arbeit wir machen. Es wird sich aber nichts ändern beim Personalmangel und der schlechten Bezahlung. Die Bevölkerung hat jetzt gesehen, dass wir schlecht verdienen und schlechte Bedingungen haben. Jetzt will den Job erst recht keiner mehr machen. Und mittlerweile hört man auch schon nichts mehr zum Thema Pflege in den Medien.

Die Anforderungen an die Ausbildungen wurden heruntergesetzt, das macht es nicht besser, nach dem Motto: Das kann ja jeder. Da fühlt man sich veräppelt. Wenn ich sehe, was andere verdienen, und vergleiche, was wir für eine Verantwortung haben: Es braucht mehr Gehalt. Der Bonus ist eine nette Geste, aber er ändert nichts am Problem. In Frankreich bekommen die Pfleger wegen Corona 130 Euro Gehaltserhöhung, das wäre mal was."

„Helden unserer Stadt“ steht auf einem Banner vor den DRK-Kliniken Nordhessen, das von der Fangruppe Block 30 des Fußballvereins KSV Hessen Kassel vor dem Eingang aufgehängt wurde. Wegen der Corona-Krise gilt ein weitgehendes Kontaktverbot für Hessen. Es dürfen zur noch maximal zwei Personen gemeinsam nach draußen gehen.

"Zuletzt habe ich es in einem Klinik-Job drei Tage ausgehalten und sofort gekündigt"

Krankenpflegerin in einer Wohnheim für behinderte Menschen aus dem Rhein-Main-Gebiet, 36 Jahre alt. Nettogehalt: 2.300 bis 2.400 Euro für eine 85-Prozent-Stelle.

"Wegen Corona durften unsere Bewohner von heute auf morgen nicht mehr in die Behindertenwerkstätten. Plötzlich waren alle den ganzen Tag im Wohnheim. Sie durften drei Monate lang nicht die Wohnstätte verlassen. Viele sind noch jung, sie durften nicht nach Hause zu den Eltern, das geht erst seit kurzem wieder. Unsere Bewohner verstehen nicht, dass man Abstand halten muss oder Masken tragen. Es war schwer, ihnen die Situation zu erklären. Wir haben sie, so gut es ging, bespaßt. Körperlich ist diese Arbeit weniger anstrengend als im Krankenhaus, psychisch ist es anstrengender.

Für mich war das Krankenhaus keine Option mehr. Zuletzt habe ich es in einem Klinik-Job keine drei Tage ausgehalten: Am ersten Tag war die Kollegin, die mich einarbeiten sollte, krank. Ich stand da mit Praktikanten und sollte selbstständig arbeiten auf einer fremden Station. Das geht nicht, es fehlen einfach Mitarbeiter. Ich habe sofort wieder gekündigt. Im Krankenhaus habe ich wenig verdient, 1.500 Euro netto für eine 75-Prozent-Stelle ohne Schichtzulagen, damit vielleicht 1.800 Euro. Und ich habe 16 Jahre Arbeitserfahrung.

Vom Applaus für Corona-Helfer habe ich kaum was mitbekommen, ich dachte nur: Ich bin froh, jetzt überhaupt einen Job zu haben, ich werde niemals arbeitslos, dieser Job ist krisensicher. Aber niemand will den Krankenpflege-Beruf noch lernen. Er bietet nichts Attraktives, es gibt keine Feiertage, wenig Geld, und man macht sich seine Gesundheit kaputt. Das muss man schon lieben. Ich bin gerne Pflegerin, aber ich weiß nicht, ob ich den Beruf nochmal lernen würde."

Protokolliert von Sonja Süß.