Eine äußerst ungewöhnliche Mitteilung der Marburger Staatsanwaltschaft schlägt bei Eltern und Erziehern hohe Wellen: Ein wegen Kindesmissbrauchs verurteilter Mann könnte derzeit versuchen, sich in Mittelhessen als Babysitter oder Kita-Praktikant zu bewerben.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Eltern und Erzieher beunruhigt über verurteilten Sexualstraftäter

Schatten eines schaukelnden Kindes.
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Der Fall ist nicht nur besonders ungewöhnlich, sondern auch besonders kompliziert. Auslöser ist eine Mitteilung der Staatsanwaltschaft Marburg vom Juni, die nun über soziale Medien an die Öffentlichkeit gelangt ist. Darin werden verschiedene Einrichtungen und Behörden in Gießen und Marburg über einen 21-Jährigen informiert: Der Mann sei wegen Missbrauchs verurteilt und könnte nun versuchen, sich als Babysitter oder Kitapraktikant zu bewerben.

Es handelt sich um keine öffentliche Fahndung, sondern um eine sogenannte "Mitteilung in Strafsachen". Der Hintergrund: Der mutmaßliche Pädophile wurde vom Marburger Landgericht im Juni 2019 wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie des Besitzes kinderpornographischer Schriften zu acht Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Wie die Oberhessische Presse berichtete, soll er sich als Babysitter einem Kind "unsittlich genähert" haben. Der Richter legte außerdem fest, dass er sich nicht in der Nähe von Spielplätzen, Grundschulen oder Kindergärten aufhalten und keine Arbeit mit Kindern unter zehn Jahren ausüben darf.

Mann ist auf freiem Fuß und bewirbt sich als Praktikant

Weil sich der Angeklagte bis Prozessbeginn lange in U-Haft befunden hatte und der Richter eine Bewährungsstrafe verhängte, kam der junge Mann direkt nach dem Prozess wieder auf freien Fuß. Er hat außerdem Revision eingelegt, das Urteil ist deshalb noch nicht rechtskräftig.

Laut Staatsanwaltschaft Marburg könnte es Monate dauern, bis der Bundesgerichtshof über die Revision entschieden hat. Das bedeutet konkret: Der Mann hat derzeit keinen entsprechenden Eintrag im polizeilichen Führungszeugnis. Auch die Anordnung des Richters zum Kontakt mit Kindern ist noch nicht offiziell gültig.

Im Internet als Babysitter angeboten

Der Fall ist insofern besonders, weil der Mann offenbar "große Anstrengungen" unternehmen könnte, sich mit Kindern zu umgeben, insbesondere mit Kindern vom Kleinkindalter bis zu einem Alter von etwa 10 Jahren. So heißt es zumindest in einem nun öffentlich gewordenen Brief der Stadt Gießen an ihre pädagogischen Einrichtungen, basierend auf der Mitteilung der Staatsanwaltschaft.

In dem Brief wird Bezug auf ein psychiatrisches Gutachten im Strafverfahren genommen. Dort steht auch: Die Staatswanwaltschaft gehe davon aus, dass er sich in einer "Vielzahl von Kindertagesstätten" bewerben könnte, in zwei Fällen habe er das offenbar bereits in Gießen und Marburg versucht. Er biete sich auch Internet als Babysitter an und verwende möglicherweise einen falschen Namen, heißt es da.

Polizei hat kaum Möglichkeiten

Weder die Polizeistellen in Gießen und Marburg noch die Marburger Staatsanwaltschaft wollten den Inhalt der Mitteilung konkret kommentieren und auch nicht mitteilen, wann und wo genau der Mann diese Versuche unternommen haben soll. Die Gießener Polizei bestätigt jedoch: "Wir befassen uns mit dem Mann." Laut der Mitteilung sei eine Gefährderansprache durchgeführt worden, also eine Kontaktaufnahme von Seiten der Polizei. Darüber hinaus habe die Polizei strafrechtlich gesehen derzeit keine anderen Möglichkeiten.

In den sozialen Medien ist die Beunruhigung groß. Ein entsprechender Facebook-Beitrag wurde hundertfach geteilt und mit Kommentaren versehen wie: "Das ist doch krank" oder "Wir verstehen ganz ehrlich nicht, dass so jemand frei rumlaufen darf." Auch Claudia Boje, die Pressesprecherin der Stadt Gießen sagte, dass es in Gießen noch nie einen vergleichbaren Fall gegeben habe und derzeit viele Anfragen von Bürgern dazu eingehen würden. "Die Leute fragen vor allem, ob das Fake ist oder nicht."

Kein öffentlicher Pranger

Auch in den Kitas der Region ist der Fall Gesprächsthema. Hilka Kronstedt, die Leiterin des Kindergartens Badestube in Marburg, nennt die Mitteilung "äußerst ungewöhnlich". Die Kita-Leiterin sieht jedoch eher Privatpersonen gefährdet, die einen Babysitter suchen, und weniger die Kindergärten: "Wir stellen ohnehin nur Praktikanten ein, die in einer pädagogische Ausbildung sind und haben vorher immer Kontakt mit der Schule." Der Name des Mannes oder eine nähere Beschreibung seien ihr nicht mitgeteilt worden, deshalb sei ihrer Meinung nach auch nicht besonders viel mit der Mitteilung anzufangen.

Die Stadt Marburg und die Stadt Gießen teilten mit, dass ihnen die konkreten Personendaten des Mannes vorlägen. Bei Verdacht sollten sich Einrichtungen Ausweise vorzeigen lassen und bei den Beamten melden. Die Pressesprecherin der Stadt Gießen betonte jedoch, dass es sich hier um keinen öffentlichen Pranger handle: "Niemand soll jetzt anrufen und fragen, ob der Nachbar ein Pädophiler ist."

Sendung: hr4 , 1.11.19, 11.45 Uhr