Im Hintergrund sitzt eine nackte Frau mit dem Rücken zum Betrachter. Im Vordergrund ist eine Männerhand zur Faust geballt.

Nach einer Vergewaltigung sind die Betroffenen oft hilflos. Viele schämen sich, geben sich eine Mitschuld und suchen sich keine Hilfe. Dabei ist gerade die medizinische Betreuung nach der Tat extrem wichtig.

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zum hr-fernsehen.de Video Hohe Dunkelziffer bei Vergewaltigungen

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"Die erste Tat hat mein Leben komplett verändert. Ich habe eine Depression, eine posttraumatische Belastungsstörung, kann mich in meiner Stadt nicht mehr frei bewegen, habe Schmerzen, einen Tinnitus, Schlafstörungen."

Paula* (33) wurde zweimal vergewaltigt. Das erste Mal Anfang 2019 und dann Ende 2020. Beide Täter waren Bekannte von ihr. Studien belegen, dass dies in rund 80 Prozent aller Vergewaltigungen der Fall ist - dass Täter und Opfer sich kennen. Die erste Tat brachte Paula noch zur Anzeige. Die zweite Vergewaltigung schon nicht mehr.

Nur wenige Betroffene suchen Hilfe

Paula geht es wie vielen Opfern von Sexualdelikten. Nur wenige zeigen die Taten an. "Deshalb sind Statistiken zu Vergewaltigungen ungenau. Die Dunkelziffer liegt extrem hoch", sagt Andrea Bocian, Projektleiterin von "Soforthilfe nach Vergewaltigung" des Frauennotrufs Frankfurt. Sogenannte Dunkelfeldstudien haben ergeben, dass nicht einmal jede 15. Tat bei der Polizei angezeigt wird.

In Hessen wurden laut Bundeskriminialamt (BKA) im Jahr 2019 gerade mal 647 Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellen Übergriffen erfasst. Mit Blick auf die angenommene Dunkelziffer kommt man rechnerisch auf knapp 10.000 Taten jährlich.

Warum so viele Betroffene nach einem Übergriff nicht zur Polizei oder in ein Krankenhaus gehen, hat verschiedene Gründe. "Die Scham ist auch heute noch wahnsinnig groß", erklärt die Beraterin. Ein weiteres Problem sei, dass sich Menschen, die vergewaltigt wurden, oft eine Mitschuld gäben - zu Unrecht. "Schuld ist immer der Täter", bekräftigt Andrea Bocian.

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Handeln nach der Vergewaltigung

1. Sich bewusst machen: "Es ist nicht deine Schuld"
2. Mit einer Vertrauensperson sprechen, die unterstützend sein kann
3. Wenn eine Spurensicherung in Betracht kommt und man es aushält: Nicht duschen gehen, sondern
4. Medizinische Hilfe suchen (egal ob mit oder ohne Spurensicherung, am besten innerhalb von 24 Stunden nach der Tat, aber auch danach ist es immer sinnvoll) soforthilfe-nach-vergewaltigung.de
5. Wenn man eine Anzeige machen will: Polizei rufen
6. Eine Beratungsstelle kontaktieren

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Auch Paula hatte nach ihrer Vergewaltigung große Zweifel. "Die Hemmschwelle, sich einzugestehen, da ist was passiert, ich brauche vielleicht Hilfe, ist sehr hoch", erinnert sie sich. Sie wollte die Geschehnisse erst mal für sich einordnen und ist nach der ersten Tat nicht direkt zur Polizei, ins Krankenhaus oder zu einer Beratungsstelle gegangen. "Dass es Beratungsstellen gibt und dass ich die Hilfe brauche, war mir nicht gleich klar. Das ist ein Prozess." 

"Manche kommen erst Monate später"

Dass Betroffene die Gewalttaten erst einmal mit sich selbst ausmachen, erlebt auch Andrea Bocian: "Manche kommen erst Monate oder Jahre später zu uns." Gleichzeitig hätten viele Angst um ihre Gesundheit. Diese Menschen möchte der Frauennotruf mit seinem hessenweiten Projekt "Soforthilfe nach Vergewaltigung" erreichen.

"Jede Vergewaltigung ist ein medizinischer Notfall", betont die Projektleiterin. Die medizinische Versorgung sei wichtig, weil sie oft der erste Schritt in ein System sei, das Betroffene auffange. In der Beratungsstelle des Frauennotrufs Frankfurt steht der Wille der Betroffenen dabei im Zentrum. "Es ist okay, wenn jemand keine Anzeige erstatten möchte." Entscheiden sich Betroffene doch dazu, vermitteln die Mitarbeiterinnen ihnen Rechtsbeistände und unterstützen bei weiteren Schritten des Verfahrens.

Häufig steht Aussage gegen Aussage

Oft werden die Täter:innen nicht verurteilt, weil die Beweislage nicht ausreicht. Auch hier kann eine Untersuchung nach der Tat helfen, bei der beispielsweise Spermaspuren gesichert werden können. "Das ist aber kein Muss", macht Bocian klar. Denn am Ende, das sei leider die Realität, stehe trotzdem oft Aussage gegen Aussage. "Vielen tut es aber gut, eine Anzeige zu machen", berichtet sie. "Das hilft dabei, die schlimmen Erlebnisse abzuschließen."

Paula hatte mit ihrer ersten Anzeige keinen Erfolg. Trotzdem ist sie froh, sich in einer Beratungsstelle Hilfe gesucht zu haben: "Eigentlich habe ich nur jemanden gesucht, der mir hilft, das Wirrwarr in meinem Kopf zu beseitigen."

Die Beraterin sei sehr einfühlsam gewesen, habe aber auch deutliche Worte gefunden. "Ich weiß noch, dass ich den Täter in Schutz genommen habe und erst nach und nach verstanden habe, was da passiert ist", sagt Paula.

*Name von der Redaktion geändert

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