Bild-Kombination: Auspuff eines Autos und Werner Seeger.
"Wissenschaftliche Organisationen gerieten in diesem medialen Hype vollkommen ins Hintertreffen", sagt Werner Seeger. Bild © Bodo Weissenborn (hr), picture-alliance/dpa

Alles halb so wild? Wochenlang dominierte eine Stellungnahme von Lungenfachärzten die Diskussion um Abgas-Grenzwerte. Werner Seeger, Sprecher des Deutschen Zentrums für Lungenforschung in Gießen, erklärt, warum sich viele Wissenschaftsorganisationen erst jetzt einschalten.

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Werner Seeger

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"Acht Fakten" heißt die Pressemitteilung, mit der sich das Deutsche Zentrum für Lungenforschung (DZL) Mitte Februar in die Debatte um Feinstaub und Stickoxide einschaltete. Der Verein mit Sitz in Gießen erklärt, man verfolge "mit großer Besorgnis" die aktuelle Diskussion zum Gesundheitsrisiko von Luftschadstoffen.

In dem Papier betonen die Wissenschaftler unter anderem, dass die derzeit geltenden Grenzwerte für bestimmte Abgaswerte wie Feinstaub oder Stickoxyde sehr wohl auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhten und dass Luftschadstoffe unzweifelhaft die Gesundheit der Bevölkerung gefährdeten. Zudem beklagen sie, dass "wissenschaftspopulistische Aussagen eine rasante mediale Aufwertung" erführen.

Angestoßen wurde das Papier von einer Stellungnahme, die zunächst 107 Lungenfachärzte unter Federführung des emeritierten Medizin-Professors Dieter Köhler im Januar veröffentlicht hatten. Darin erklärten die Mediziner unter anderem, es gebe keine wissenschaftliche Begründung für Feinstaub- und Stickstoff-Grenzwerte.

Werner Seeger ist Vorstandssprecher des Deutschen Zentrums für Lungenforschung und Ärztlicher Leiter des Universitätsklinikums Gießen.

hessenschau.de: Herr Professor Seeger, was war Ihr erster Gedanke, als Sie eines Tages im Januar die Bild-Schlagzeile gelesen haben: "107 Lungenärzte - Alles Lüge mit dem Diesel-Feinstaub!"?

Werner Seeger: Zunächst mal habe ich mich gewundert. Es geht hier um Umwelt-Epidemiologie, und das ist nicht das vorrangige Arbeitsgebiet von Lungenfachärzten, auch wenn die Lunge ein wesentlich betroffenes Organ ist.

hessenschau.de: Aber auch das Deutsche Zentrum für Lungenforschung (DZL), dessen Vorstandsvorsitzender Sie sind, hat sich in die Debatte eingeschaltet. Vergangene Woche kam ihre Pressemitteilung "Acht Fakten zu Luftschadstoffen" heraus.

Werner Seeger: Umwelt-Epidemiologie ist nicht der Kernbereich des DZL. Es gibt aber Berührungspunkte mit unseren Forschungsthemen, und wir haben im DZL Wissenschaftler mit einer ausgewiesenen Kompetenz zur Umwelt-Epidemiologie. Deren Meinung haben wir eingeholt.

hessenschau.de: Wie arbeitet denn Umwelt-Epidemiologie?

Werner Seeger: Umwelt-Epidemiologie ist die Wissenschaft, die fragt, welche Konsequenzen Umweltfaktoren und Lebensstil auf die Gesundheit von Menschen haben. Umwelt-Epidemiologen analysieren große Zahlen, stellen vergleichbare Situationen her, und unterscheiden mit mathematischen Methoden, was zufälligerweise gleichzeitig geschieht, und was ursächlich zusammenhängt. Alles andere wäre, als würde man sagen: In letzter Zeit haben die Störche wieder zugenommen und siehe da, es gibt auch mehr Kinder, also gibt es da einen ursächlichen Zusammenhang.

hessenschau.de: Jetzt sagen ja die genannten Lungenärzte - inzwischen sind es sogar noch ein paar mehr als die ursprünglichen 107 -, dass sie keine wissenschaftliche Begründung sehen für die aktuellen Grenzwerte bei Feinstaub und Stickstoff.

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„Es gibt keinen Grund, die Kompetenz des Gremiums infrage zu stellen, nur weil man sich, auf welchem Niveau auch immer, ein wenig damit beschäftigt.“ Zitat von Werner Seeger
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Werner Seeger: Da ist das Meinungsbild der im Rahmen des DZL arbeitenden Wissenschaftler eindeutig: Umweltschädigung hat einen Einfluss auf die Gesundheit des Menschen, und ein hochkarätig ausgewiesenes Gremium im Rahmen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) versucht, nach bestem Wissen und Gewissen einen Richtwert zu erstellen - den die Politik dann als Grenzwert setzen kann. Es gibt keinen Grund, die Kompetenz des WHO-Gremiums infrage zu stellen, nur weil man sich, auf welchem Niveau auch immer, ein wenig damit beschäftigt.

hessenschau.de: Auch wenn sich nun Lungenfachärzte geäußert haben und nicht Umwelt-Epidemiologen, hat die Stellungnahme eine enorme öffentliche Resonanz gefunden, sei es in Zeitungen oder in Talkshows. Spitzenpolitiker wie Verkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) oder FDP-Chef Christian Lindner haben sich dazu geäußert. Wie erklären Sie sich das?

Werner Seeger: Da kommen mehrere Faktoren zusammen. Erstens greift das Thema in das Leben vieler Menschen ein, teils auf sehr ärgerliche Weise. Zweitens: Bei solchen Belastungen gibt es keine schwarz-weiß-Grenze, einen Wert, unterhalb dessen alles unschädlich ist und oberhalb dessen der Tod folgt. Es ist ein Übergangsbereich, aber um handlungsfähig zu sein, muss man einen Grenzwert definieren. Die Konsequenzen daraus müssen jedoch politisch abgewogen werden. Drittens: Dass Ärzte sich in einer größeren Gruppe äußern, ist ja eher selten. Von außen ist es sehr schwer zu beurteilen, ob Lungenfachärzte auf dem Gebiet überhaupt kompetent sind, immerhin geht es ja auch um Lungenerkrankungen.

hessenschau.de: Das DZL hat sich erst Mitte Februar mit seinen "acht Fakten" geäußert. War das zu spät? Hätte das DZL sich vielleicht schon früher in die Diskussion einschalten müssen, um eben nicht den Positionen von Professor Köhler das Feld zu überlassen?

Werner Seeger: Das ist eine berechtigte Frage, die aber nicht nur das DZL betrifft. Wissenschaftliche Organisationen sind nicht so aufgestellt, dass sie kurzfristig in eine aufflammende mediale Debatte eingreifen können. So gerieten sie in diesem medialen Hype vollkommen ins Hintertreffen. Wir und andere Organisationen werden uns fragen müssen, ob wir uns anders aufstellen. Auf diesem Niveau schnell sprachfähig, reaktionsfähig und fast schon populistisch schlagfertig zu sein, ist nicht unsere Kernkompetenz.

hessenschau.de: Tatsächlich haben die Lungenfachärzte mit vielen griffigen Bildern gearbeitet, die in der Debatte sofort verfangen haben. Wäre es dann nicht an der Zeit, dass etwa auch das DZL mit solchen Bildern an die Öffentlichkeit geht?

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„Spitzenbelastungen lassen sich nicht mit Dauerbelastungen gegenrechnen.“ Zitat von Werner Seeger
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Werner Seeger: Das Problem ist: Man kann mit griffigen Bildern nicht nur die Wahrheit transportieren, sondern auch eine Meinung, die nicht auf Fakten gegründet ist. Wissenschaft will solide Fakten schaffen. Und wenn man griffige Bilder verwendet, läuft man Gefahr, den Inhalten zu schaden, weil "populistische Verpackungen" immer auch Vereinfachungen darstellen.

hessenschau.de: Eine viel zitierte Aussage war ja zum Beispiel, es sei noch niemand an dreckiger Luft gestorben. Wie könnte darauf aus Ihrer Sicht eine ebenso leicht verständliche Antwort aussehen?

Werner Seeger: Genauso leicht wäre es zu sagen, dass noch niemand an Zigaretten gestorben sei. Ich hatte jedenfalls noch nie die Situation, dass ein Patient zum Beispiel eine Zigarette "aspiriert" hat, sie dann verknäult in der Luftröhre steckt und das zum Tode führt. Der Patient stirbt an den Folgen des Rauchens, an Lungenkrebs oder Lungenemphysem, und es verlangt dann das epidemiologische Hintergrundwissen, dass beide Erkrankungen nach jahrelangem Zigarettenrauchen eben vielfach häufiger auftreten als bei Nichtrauchern. Im Einzelfall ist das aber nicht absolut beweisbar.

hessenschau.de: Zuletzt viel diskutiert wurde auch die Aussage, ein Raucher atme in zwei Monaten so viel Feinstaub ein wie jemand, der 80 Jahre lang an einer mit Schadstoffen belasteten Straße lebt - zumal hier offenbar auch noch ein Rechenfehler auftrat, wie ein taz-Journalist herausfand.

Werner Seeger: Es ist doch für jeden nachvollziehbar: Wiederholte Spitzenbelastungen lassen sich nicht mit Dauerbelastungen gegenrechnen. Um nur ein Beispiel zu nennen, das jedem geläufig ist: Wer mehrmals täglich körperlich trainiert und so Blutdruckspitzen erzielt, fördert die Herzgesundheit. Dagegen schädigt es das Herz, wenn der Blutdruck nur mäßig, aber dauerhaft erhöht ist.

Die Fragen stellte Bodo Weissenborn.