Newroz Duman, ein junge Frau mitte 20, mit sehr lockigen Haare, hat die Hände vor dem Mund wie zum Gebet gefaltet. Sie hält eine Schweigemiunte für die Ermordeten von Hanau ab.

Täglich gedenken Menschen in Hanau der Opfer des rechtsextremistischen Terroranschlags vom 19. Februar. Unter Angst und Trauer mischt sich zunehmend Wut. Ein Stimmungsbild.

"Und dann die Schüsse. Bam! Bam! Bam! Wie laut eine einzige Knarre sein kann!" Der junge Mann wischt sich mit der flachen Hand über den Backenbart. Als ob er nachfühlen müsste, dass es wirklich er selbst ist, der hier steht und berichtet. Dass er tatsächlich noch da ist. "Und die Menschen, die um ihr Leben schreien", sagt er, "das schlimmste Geräusch, das ich je gehört habe."

Der junge Mann steht im überdachten Eingang eines Wohnhochhauses in Hanau-Kesselstadt. Zu seinen Füßen dutzende Blumensträuße und Grablichter. Menschen kommen, legen Blumen ab, hören ihm zu, gehen wieder. Er bleibt. Es ist Freitagabend. Zwei Abende zuvor sind in einem Kiosk im Erdgeschoss dieses Wohnblocks fünf Menschen von einem Attentäter aus rassistischen Motiven erschossen worden. Ihre Fotos hängen an der Wand rechts vom Eingang.

Er kannte sie alle. "Der Ferhat", sagt er und zeigt auf eines der Bilder. Ferhat Ünver. "Die Mercedes." Mercedes Kierpacz. "Der Gogo. Mensch, der Gogo!". Gökhan Gültekin. Wieder streicht sich der junge Mann durch den Bart. Er ist noch da. Fünf Menschen, die er kannte, sind es nicht mehr. "Als wär's mein Blut", sagt er.

Kein Business as usual - aber doch Business

Nicht ganz zwei Tage nachdem der Attentäter Tobias R. erst neun Menschen mit Migrationsgeschichte und schließlich noch seine eigene Mutter und sich selbst erschoss, ist die Hanauer Innenstadt zu einer Art gespannter Normalität zurückgekehrt. Auch vor dem Brüder-Grimm-Denkmal liegen zahllose Blumen - genau wie in Kesselstadt.

Mahnwache vor der Midnight-Shisha-Lounge in Hanau

Die Bühne ist verwaist, auf der am Tag zuvor Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundesinnenminister Horst Seehofer und Oberbürgermeister Claus Kamisky den Familien der Opfer ihr Mitgefühl und ihre Solidarität aussprachen. Ein einzelner Polizeiwagen steht am Rande des Marktplatzes.

Das Bild ändert sich schlagartig, wenn man sich der Straße "Heumarkt" nähert. Lange Ketten geparkter Polizeitransporter, Gruppen von Polizisten an jeder Ecke. Die Gegend um die Shisha-Bar "Midnight", in der Tobias R. zuerst zuschlug, ist weiträumig mit rot-weißem Flatterband abgesperrt. Die ersten umliegenden Läden haben wieder geöffnet. Die Spielotheken, der City-Kiosk, der Dönerladen. Kein Business as usual, aber doch Business.

Gegen 16.30 Uhr haben sich an der Ecke Krämerstraße und Heumarkt rund 200 Menschen versammelt, die dem Aufruf des Bündnisses "Solidarität statt Spaltung" zu einer Mahnwache für die Ermordeten gefolgt sind. Dazu zahlreiche Journalisten aus dem In- und Ausland. Familienangehörige eines der Ermordeten wollten ursprünglich sprechen, sagten den Auftritt aber im letzten Moment ab. Noch ist der Schmerz zu groß.

Zur Zielscheibe gemacht worden

Eine Demonstration bewegt sich begleitet von wenigen Polizisten die Straße herab. Das Fronttransparent hat die Parole; "Faschismus und Rassismus töten überall"

Das Wort führt stattdessen Bündnis-Sprecherin Newroz Duman. Umkreist von Freunden der Toten, die Fotos in die Höhe halten, versucht sie zusammenfassen, was die Anschläge vom 19. Februar in den migrantischen Gemeinschaften der Stadt hervorgerufen haben: "Wir sind unendlich wütend und unendlich traurig."

Trauer und Wut - sind die beiden allgegenwärtigen Komponenten der Hanauer Stimmungslage an diesem Freitag. Während Duman erklärt, dass der Terrorakt "nicht vom Himmel gefallen" sei, dass Migrantinnen wie sie durch die Politik "zur Zielscheibe von Rassisten" gemacht worden seien, ringen um sie herum die Freunde der Getöteten mit den Tränen. Geschichten machen die Runde. Von jenen, die an diesem Abend zufällig nicht im Midnight waren, 20 Minuten vor den Schüssen gegangen sind, mit einem der später Getöteten noch telefoniert haben. Die Geschichten jener, die noch da sind und selbst nicht ganz verstehen warum.

Die Veranstaltung ist ein Kontrapunkt zu jenen Reden, die betonen, dass der Anschlag "uns allen" gegolten habe und dabei außer Acht lassen, dass sich der Attentäter seine Opfer gezielt ausgesucht hat. "Betroffen sind wir vielleicht alle", sagt Newroz Duman, "aber ermordet werden wir Migranten."

"Das hier ist ein Mischgebiet"

Eigentlich, sagt Murat Melek, habe er sein Restaurant auch an diesem Freitag nicht öffnen wollen. Seit vier Jahren betreibt er sein Kebab & Pizza-Haus - 50 Meter von dem Kiosk entfernt, in dem fünf Menschen getötet wurden. Auch er kannte sie alle: Die Mercedes, den Ferhat, den "Gogo". "Meine Frau meinte, ich soll öffnen. Da komme ich auf andere Gedanken, hat sie gesagt."

Das Wohnhochhaus in Hanau-Kesselstadt, in dem sich der Kiosk befindet, in dem Tobias R. um sich schoß.

Es sind viele Gedanken, die Murat Melek durch den Kopf gehen. Was wäre passiert, wenn Tobias R. seinen Laden ins Visier genommen hätte? Seit vier Jahren betreibt er das Restaurant. Am Heumarkt, wo Tobias R. zuerst zuschlug, gehört ihm ein Kiosk, der von seiner Frau geführt wird. Als dort die Schüsse fielen, rief sie ihn an. Gerade als er losfahren wollte, um nach ihr zu sehen, begann Tobias R. im Kiosk um sich zu schießen. "Warum hat so jemand einen Waffenschein?" Eine von vielen Fragen, die Murat Melek sich stellt.

"Das ist ein Mischgebiet", sagt der Restaurantbesitzer über Kesselstadt. Er meint, damit das Zusammenleben von Menschen unterschiedlichster Herkunft. Türken, Afghanen, Deutsche. Mit allen komme man hier gut aus. Doch auch Tobias R. hat hier gelebt. Murat Melek kann sich nicht erinnern, ihn je gesehen zu haben. "Er hatte aber nur muslimische Bürger als Zielscheibe", sagt Melek.

Die Namen schreien

Melek hat einen seiner Mitarbeiter auf den Platz vor dem Wohnblock geschickt, um Pizzastücke an die Teilnehmer der Mahnwache vor dem Wohnblock zu verteilen. Nach der Kundgebung auf dem Heumarkt sind die Teilnehmer in einer Demonstration nach Kesselstadt gezogen. Ein leiser Protest, ohne Parolen. Am Ziel ist die Teilnehmerzahl nach Polizeiangaben auf rund 600 angewachsen.

In der Abenddämmerung wiederholt Newroz Duman ihre Ansprache vom Heumarkt: "Wir werden uns nicht einschüchtern lassen, wir werden uns verteidigen." Dann werden erneut die Namen der Getöteten verlesen. Ihre überlebenden Freunde schreien sie heraus.

"Menschen sind starke Tiere"

Ein improvisierte Gedenkstätte im Eingangsbereich eines Wohnhochhauses in Hanau-Kesselstadt. Ein Mann beugt sich über unzählige auf dem Boden abgelegte Blumen und Grablichter.

Auf dem Betonplateau vor dem Hochhausblock in Kesselstadt kommen sich Wut und Trauer an diesem Abend noch einmal sehr nahe. "Nein, das war der nicht allein", erzählt ein Mann vor dem Kiosk. Vor ihm stehen Familienmitglieder der ermordeten Mercedes Kierpacz. "Die Medien lügen. Außerdem hat der Typ den Kiosk ausgeguckt. Er war schon hier." Die Verwandten von Mercedes Kierpacz regen sich über etwas anderes auf. "Die schreiben auch alle, Mercedes war schwanger. Warum schreiben die das?"

Die Menschen im Viertel werden zusammenhalten und die Anschläge verkraften, glaubt Restaurantbesitzer Murat Melek. "Ich sage immer: Menschen sind starke Tiere." Auf die Fensterscheibe des nahegelegenen Kiosks hat jemand mit Filzstift eine Botschaft geschrieben: "Unsere Liebe ist stärker als ihr Hass". Man muss genau hinsehen, um sie in der Dämmerung entziffern zu können.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 22.02.2020, 19.30 Uhr