Eine Frau mit Kopftuch wartet im Ankunftszentrum in Gießen

Hessen hat in diesem Jahr weniger Flüchtlinge aufgenommen als zuvor. Die Zahl der Betroffenen sinkt voraussichtlich erstmals seit Jahren auf unter 10.000. Die meisten Menschen kommen aus der Türkei.

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Für das zu Ende gehende Jahr zeichnen sich in Hessen erneut sinkende Flüchtlingszahlen ab. Von Januar bis einschließlich 4. Dezember wurden laut Sozialministerium 8.510 asylsuchende Männer und Frauen registriert. Die Gesamtzahl für das ganze Jahr 2018 hatte nach Behördenangaben noch bei rund 10.200 gelegen, 2017 bei knapp 12.000.

Der Rückgang vollzieht sich bundesweit: Bis Anfang Dezember seien knapp 114.000 Schutzsuchende in Deutschland neu registriert worden. Im Jahr zuvor waren es 142.800 gewesen.

Nachdem die Zahl der Flüchtlinge im Herbst und Winter des Jahres 2015 auf einen Höchststand gestiegen war, setzt sich damit eine Entwicklung fort: Es kommen nach und nach weniger Schutzsuchende, nicht zuletzt durch die Abschottung der Balkanroute.

Erstaufnahmeeinrichtungen zum Teil leer

Hier die Details der Bilanz:

  • Im monatlichen Durchschnitt kommen zurzeit rund 770 Flüchtlinge nach Hessen - gegenüber 850 im vergangenen Jahr und mehr als 1.300 im Herbst 2015.
  • In den fünf hessischen Erstaufnahmestellen und der Außenstelle am Frankfurter Flughafen hält Hessen das Land derzeit 6.480 Plätze bereit. 2.713 Plätze davon waren Ende November belegt. Zum Vergleich: Ende September 2015 gab es in festen und provisorischen Aufnahmestellen 19.000 Plätze.
  • Wegen der sinkenden Flüchtlingszahlen stehen also Erstaufnahmeeinrichtungen teilweise leer. Sukzessive hat das Land schon viele geschlossen. Noch gibt es Einrichtungen in Gießen (3.000 Plätze), Neustadt (1.100), Büdingen (1.000), Rotenburg an der Fulda (800 Betten),  Kassel-Niederzwehren (480) und am Frankfurter Flughafen (100).
  • Die meisten der Untergebrachten, fast zwei Drittel, sind Männer. Der Anteil der Kinder beträgt laut Sozialministerium etwa 26 Prozent.
  • In diesem Jahr kamen bis Oktober mehr als 16 Prozent aller Schutzsuchenden aus der Türkei. Damit werden Türken wohl wieder die größte Gruppe der in Hessen registrierten Asylbewerber ausmachen – wie schon 2018.
  • Viele der Asylsuchenden sind nach Angaben von Flüchtlingsorganisationen Kurden oder Anhänger des Predigers Gülen. Er wird von der türkischen Regierung für den Putschversuch verantwortlich gemacht.
  • Nach massiven Einschränkungen bei der Meinungsfreiheit in der Türkei sind laut Pro Asyl auch Friedensaktivisten, Intellektuelle und Akademiker unter den Asylsuchenden, erläuterte der Experte. Die Chancen von Türken, vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge anerkannt zu werden, lägen bei knapp 36 Prozent.
  • Die zweitgrößte Gruppe von Asylbewerbern kommt laut Ministerium aus Afghanistan (12 Prozent), gefolgt von den Herkunftsländer Iran (knapp 12 Prozent) und Syrien (11 Prozent).

Vom Flüchtling zum Asylbewerber

Hessenweit ist seit November 2016 das Ankunftszentrum in Gießen für die Organisation und Steuerung der Erstaufnahme von Flüchtlingen zuständig. Dazu gehören zunächst die Registrierung und die Erfassung biometrischer Daten. Es folgt eine medizinische Erstversorgung, bei der unter anderem getestet wird, ob eine Tuberkulose-Erkrankung vorliegt. Die Flüchtlinge bekommen außerdem Unterkunft und Verpflegung und werden über die rechtlichen Rahmenbedingungen des Asylverfahrens aufgeklärt.

Sobald ein Schutzsuchender beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) einen Asylantrag gestellt hat, gilt er als Asylbewerber. Das BAMF ist ebenso im Ankunftszentrum vertreten wie das Jugendamt oder die Bundesagentur für Arbeit. Die Entscheidungen über einen Asylantrag dauern einige Wochen bis Monate.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 30.12.2019, 17.50 Uhr