Schatten von Händen einer erwachsenen Person und der Kopf eines Kindes an einer Wand eines Zimmers
Kindesmisshandlungen werden meist von denen begangen, die den Kindern eigentlich am nächsten stehen. Bild © picture-alliance/dpa

Die Fälle von Kindesmisshandlungen in Hessen haben im vergangenen Jahr entgegen dem Bundestrend zugenommen. Das geht aus neuesten Zahlen des Bundeskriminalamts hervor. Ärzte und Experten schlagen Alarm und fordern Konsequenzen.

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Allein in Hessen hat es im Jahr 2018 insgesamt 311 Opfer von vollendeter Kindesmisshandlung gegeben. Entsprechende Recherchen von hr-iNFO bestätigte das Bundeskriminalamt am Donnerstag. Ein Jahr zuvor waren es in Hessen 278 Opfer gewesen. Bundesweit wurden im Jahr 2018 insgesamt 4.129 Fälle gemeldet, im Vorjahr 4.208 Fälle.

Weitere Informationen

§ 1631, Absatz 2, BGB

"Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperliche Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Maßnahmen sind unzulässig."

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"Für Hessen ist das ein negatives Ergebnis - auf Bundesebene gibt es seit Jahren kaum Veränderungen", sagte Rainer Becker, Vorstandsvorsitzender der Deutschen Kinderhilfe, dem hr.

"Besser ein Fehlalarm als ein totes Kind"

Becker appelliert für mehr Zivilcourage an den Kitas, Schulen und dem nahen Umfeld von Kindern und so früh wie möglich Hinweisen nachzugehen. Oft gebe es eine Scheu, Auffälligkeiten anzuzeigen. "Ich sage immer: besser ein Fehlalarm als ein weiteres totes Kind."

Ein Hinweis auf Misshandlungen seien zum Beispiel Verletzungen, für die es keine plausible Erklärung gibt oder wenn Eltern und Kinder widersprüchliche Angaben zu einem Vorfall machen, bei dem ein Kind verletzt wurde. "Zum Beispiel wenn ein Kind angeblich einen Topf mit heißem Wasser vom Herd heruntergerissen haben soll, aber die Verbrühungen am Rücken hat - das passt nicht", erklärt Becker.

Misshandelt von denen, die dem Kind am nächsten stehen sollten

Das Strafmaß für Kindesmisshandlung beträgt von sechs Monaten bis zu zehn Jahren Freiheitsstrafe. Kindesmisshandlungen würden meist von denen begangen, die den Kindern eigentlich am nächsten stehen, so Becker. Zum Beispiel Eltern, Lebensgefährten eines Elternteils, Pflegeeltern, Betreuern oder Pflegepersonal. Dabei handele es gerade bei Misshandlungen meist um Wiederholungsfälle.

Viele der Fälle hinterließen auch für Außenstehende sichtbare Spuren und dauerhafte Verletzungen, die ärztlich behandelt werden müssen. "Wir kennen Fälle, in denen Kinder verbrannt werden, ihnen die Zähne herausgebrochen und sie verbrüht werden", so Becker. "Kindesmisshandlung lässt sich nicht so einfach kaschieren."

So viele Kinder wie nie in Kinderschutzambulanz

Tatsächlich sind im vergangenen Jahr so viele Kinder wie nie in die Kinderschutzambulanz des Frankfurter Universitätsklinikums gebracht worden. 2018 wurden in der Ambulanz 271 Verdachtsfälle auf Missbrauch, Misshandlung oder Vernachlässigung versucht, wie aus der Antwort des hessischen Wissenschaftsministeriums auf eine Kleine Anfrage der FDP hervorgeht.

Die meisten der Minderjährigen, 170, wurden vom Jugendamt in die Ambulanz zugewiesen. 54 kamen über Ärzte, 27 über Angehörige oder Polizei und Gerichte in die Ambulanz. Die Zahl der dort erfassten Fälle steigt von Jahr zu Jahr: Die Kinderschutzambulanz wurde im November 2010 gegründet, bis Ende 2018 zählten die Mitarbeiter insgesamt 1.784 Fälle.

"Ein besorgniserregender Trend"

"Wenn das so weitergeht, ist das ein sehr besorgniserregender Trend", sagt Dr. Marco Baz Bartels, Oberarzt der Kinderschutzambulanz, dem hr. " Viele Fälle ließen sich aufklären und es stecke keine Kindeswohlgefährdung dahinter - aber bei einigen doch. "Es sind Fälle, die einen nicht immer unberührt lassen, sondern auch mitnehmen."

Kinderschutzexpertin Maud Zitelmann von der Frankfurt University of Applied Sciences sieht auch die Landesregierung in der Pflicht. "Wir brauchen den Kinderschutz als Pflichtfach für tatsächlich alle Berufe, die mit Kindern zu tun haben, die geschützt werden müssen." Bislang vermittle kaum eine der Hochschulen in Deutschland das Wissen und Können zum Fachgebiet Kinderschutz, das für die Praxis notwendig sei, um Warnsignale zu erkennen.

Kinderschutz als Pflichtfach gefordert

Dazu gehörten Grundkenntnisse für alle Erzieher und Lehrer, Spezialkenntnisse für Familiengerichte, Jugendamtsmitarbeiter, für Sachverständige von Gerichten, für Mediziner. "In all diesen Ausbildungsgängen ist der Kinderschutz noch nicht verankert, wir brauchen ihn dort dringend als Pflichtfach – und eine Landesregierung, die sich darum kümmert, dass er Pflichtfach wird."

Sendung: hr-iNFO, 06.06.2019, 8.00 Uhr