Ein Mädchen läuft Hand in Hand mit ihren Eltern am Strand entlang. (dpa)

Es gibt immer mehr Pflegekinder, aber zu wenige Pflegeeltern - selbst für Kleinkinder. Mit einer deutschlandweit einzigartigen E-Learning-Plattform will Hessen nun Pflegefamilien digital besser erreichen - und möglichst auch neue hinzugewinnen.

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E-Learning-Plattform für Pflegeeltern

hessenschau vom 07.07.2022
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Ein Bild davon, wer sie ist, hat Yvonne Horstmann jeden Tag vor Augen. Denn: Es klebt direkt neben der Dunstabzugshaube in ihrer Küche. Die Kinderzeichnung zeigt eine Art Lichtgestalt mit bunten Kleidern, roten Haaren und funkelnden Augen. Oben drüber hat eine Kinderhand geschrieben: Mama.

Insgesamt sechs Kinder zwischen 18 Jahren und 10 Monaten leben im Fachwerkhaus der Familie im nordhessischen Sontra (Werra-Meißner). Fünf davon haben die Horstmanns als Pflegekinder aufgenommen. Es ist ein volles Großfamilienleben mit vielen To-Dos, vielen Butterbroten, vielen Emotionen.

Eine Frau steht in der Küche und bereitet Brote zu.

"Jeder hat sein Päckchen mitgebracht", sagt Yvonne Horstmann. "Einer ein bisschen mehr, einer ein bisschen weniger". Aber genau darin habe die Familie ihr Glück gefunden. "Wir lieben sie, sie lieben uns – es ist einfach schön."

Mehr Kinder in Pflege und in Einrichtungen

Familien wie die Horstmanns sind immer schwerer zu finden – und das, obwohl es noch nie so viel Bedarf gab. Waren 2010 in Hessen noch 3.585 Kinder in Pflegefamilien untergebracht, waren es 2020 schon 4.079. Ein neuer Höchststand. Manchmal geben Eltern ihre Kinder freiwillig in Pflege, etwa weil sie sich überfordert fühlen oder erkrankt sind, manchmal führen aber auch Gewalt, Vernachlässigung oder Missbrauch dazu, dass Kinder vom Jugendamt aus ihren Familien genommen werden.

Die Grafik zeigt ein Balkendiagramm, welches die Zahlen von Pflegekindern in Hessen insgesamt und Pflegekindern in Einrichtungen darstellt.

Doch nicht nur die Zahl der Kinder in Pflegefamilien steigt, sondern auch die Zahl der Kinder, die eine bräuchten, aber keine finden: 2020 lebten in Hessen rund 200 Kinder unter 6 Jahren in Einrichtungen oder Wohngruppen - 16 Prozent mehr als noch vor 10 Jahren.

Zahlreiche Jugendämter in Hessen haben deshalb in letzter Zeit Such-Aufrufe gestartet, wie etwa die Stadt Rüsselsheim. Weil der Bedarf aber offenbar überall groß ist, wagt das Land Hessen nun mit einer deutschlandweit einzigartigen Online-Plattform neue Wege: Eine Pflegeeltern Online-Akademie soll interessierte Familien niederschwelliger erreichen und bereits bestehende Pflegeeltern unkomplizierter als bisher auch zu Hause fortbilden.

Selbst für kleine Kinder schwierig Platz zu finden

Entwickelt wurde die E-Learning-Plattform in Marburg von der Philipps-Universität und dem St. Elisabeth-Verein, der als freier Jugendhilfeträger seit vielen Jahren Pflegefamilien betreut. Auch Bertram Kasper vom St. Elisabeth-Verein stellt fest, dass derzeit überall gesucht wird. "Selbst für kleine Kinder und Neugeborene findet man inzwischen schwerer Plätze."

Die Gründe dafür, dass es so viele Pflegekinder gibt, seien vielfältig, meint Kasper: Einerseits sei Kinderschutz in den letzten Jahren mehr in den öffentlichen Fokus gerückt. Gleichzeitig gebe es andere gesellschaftliche Herausforderungen. "Der Druck auf Familien und insbesondere alleinerziehende Mütter ist größer geworden."

Der Pflegeeltern-Mangel wiederum liege unter anderem daran, dass es in Deutschland immer weniger "klassische Familien" mit zwei Elternteilen und Kindern gebe. Zwar gebe es inzwischen auch andere Modelle, aber sie würden weiterhin den größten Teil der Pflegefamilien ausmachen.

Mehr Support für Pflegeeltern

Kasper sagt: "Pflegeeltern haben eine sehr idealistische Aufgabe und brauchen den bestmöglichen Support." Er fordert deshalb, dass sich die Rahmenbedingungen für sie verbessern müssten – etwa was Rentenvorsorge oder bürokratische Hürden angeht.

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Pflegemutter sein: "Wir lieben sie und sie lieben uns"

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Weil es in Pflege um mehr gehe, als nur Platz für ein Kind zu haben, sei es wichtig, Familien gründlich darauf vorzubereiten und zu betreuen. "Das Ziel der Plattform ist, möglichst viel von dem zu ersetzen, was bisher in Präsenzfortbildungen passiert." Sie decke im Selbstlern-Modus die wichtigsten Grundlagen ab: beispielsweise emotionale Bindung, Umgang mit der Herkunftsfamilie oder frühkindlichen Traumata. Zudem können virtuelle Seminare belegt werden.

Screenshot aus E-Learning Portal

Persönliche Kontakte und Gruppenschulungen vor Ort seien weiterhin unersetzlich, betont Kasper. Jedoch könne man mit der Plattform auch Familien mit einem vollen Terminkalender leichter ansprechen. "Und weil es so etwas in Deutschland noch nirgendwo gibt, hoffen wir, dass in Zukunft auch noch andere Bundesländer mit aufspringen."

Land steuert eine Million Euro bei

Das Land Hessen steuert in den kommenden vier Jahren eine Millionen Euro zum Portal bei. In den kommenden Tagen sollen alle bereits aktiven Pflegeeltern in Hessen angeschrieben werden, Interessierte können über das örtliche Jugendamt einen kostenlosen Zugangscode erhalten. Menschen außerhalb Hessens können ebenfalls teilnehmen, müssen aber eine Gebühr zahlen.

Sozialminister Kai Klose (Grüne) sagte zur Veröffentlichung am Mittwoch: Es gehe darum, den Zugang zu Informationen zu erleichtern. Es handle sich um ein ergänzendes Zusatzangebot, die Plattform ersetze aber nicht die Beratung und das Anerkennungsverfahren durch die Jugendämter.

"Oft eine Hürde, mit dem Jugendamt zusammenzuarbeiten"

Yvonne Horstmann hat die Plattform bereits ausprobiert. Sie bestätigt: Mit fünf Kindern sei es tatsächlich oft zeitlich herausfordernd, an Fortbildungsterminen teilzunehmen. "Die Online-Module kann ich machen, wann es gerade passt – zum Beispiel auch morgens früh oder nachts." Sie habe dadurch einiges dazugelernt, auch mit ihrem Mann sei sie noch mal über neue Themen ins Gespräch gekommen.

Horstmann weiß außerdem aus Erfahrung: Für Interessierte sei der erste Schritt auf das Jugendamt zu oft eine Hürde. Sie könne sich gut vorstellen, dass das neue Angebot diese Hürde etwas abbaut. Sie selbst habe nie bereut, den Schritt gewagt zu haben.

Eine Frau sitzt in einem Stuhl, hält ein Kind in den Armen und lacht in die Kamera.
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