Sängerin Mia Julia im Lokal Bierkönig am Ballermann auf Mallorca

Weniger Kreuzfahrtreisen und Apres-Ski-Partys, mehr Rücksicht auf die Natur. Das Coronavirus könnte vorantreiben, woran Fridays for Future bisher scheiterte, glaubt der Frankfurter Zukunftsforscher Matthias Horx.

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Zum Artikel auf hr-inforadio.de Matthias Horx – Zukunftsforscher über die Welt nach Corona

Matthias Horx
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"Die Welt nach Corona" heißt das aktuelle Buch von Matthias Horx, der in Frankfurt und Wien sein renommiertes Zukunftsinstitut betreibt. Horx malt diese Welt durchaus in hellen Farben. "Die Corona-Krise legt offen, was vorher schon faul war, und sie hat das Zeug, uns zum Besseren zu verändern", schreibt der 65-Jährige darin.

Im Gespräch mit hr-iNFO führt er aus, warum ihm um die Zukunft nicht bange ist trotz steigender Arbeitslosigkeit und der größten Rezession seit den 1930er Jahren. Zunächst aus Prinzip, wie er sagt: "Angst vor der Zukunft bringt uns nicht weiter, sondern führt zu Desorientierung und Dummheit." Sicher seien infolge der Pandemie viele Menschen arbeits- oder beschäftigungslos geworden - unter anderem er selbst. "Aber was nutzt es uns, das Negative noch mal zu betonen", fragt Horx rhetorisch.

Ekel vor Exzessen mit vielen Menschen

Der Trendforscher, der für seine positiven Prognosen bekannt ist und große Unternehmen berät, sieht aber auch konkrete Belege für einen hoffnungsfrohen Blick in die Zukunft: "Viele Menschen fragen sich doch derzeit: Ischgl-Party, Ballermann, 20-Euro-Flüge in europäische Städte - brauche ich das alles?" Horx rechnet fest mit distanzierteren Formen des Umgangs miteinander als Folge der aufgrund von Corona gebotenen Abstandsregeln.

Horx glaubt nicht, dass Kreuzfahrtreisen und Apres-Ski-Partys mit vielen Menschen auf engem Raum verschwinden werden. "Aber Menschen werden einen Ekel vor diesen Exzessen entwickeln", sagte er im hr-iNFO-Interview: "Wir brauchen eine soziokulturelle Veränderung, sonst werden wir uns in einer globalisierten Welt immer wieder mit irgendeinem Virus anstecken."

"Vergangenes ist nicht automatisch gut"

Grundsätzlich hält Horx fest: "Das Vergangene ist nicht automatisch gut." Darin liege die Chance einer Krisensituation: dass die Menschen sich entscheiden müssten, was wirklich wichtig ist für sie. Sicher werde es Leute geben, die "Ich will aber" sagen und ihr lieb gewonnenes Konsumverhalten wieder aufnehmen wollen. Horx hält sie für kindisch: "Solcher Infantilismus bringt die Gesellschaft nicht weiter."

Er habe vielmehr beobachtet, dass viele Menschen während des Lockdowns ungewohnte Naturerfahrungen gemacht hätten. Die Corona-Krise könne beschleunigen, woran die Klimaschutz-Bewegung Fridays for Future bislang eher gescheitert sei - Massen zur Veränderung ihres Konsum- und Reiseverhaltens zu bewegen. "Jetzt sehen doch alle, was es für das Klima und den CO2-Ausstoß heißt, wenn kein Flugzeug mehr fliegt und deutlich weniger Autos fahren", sagt Horx: "Corona zeigt uns, dass Verhaltensänderung uns und das Klima besser macht."

Neuer Generationenvertrag?

Womöglich erwachse daraus ein neuer Generationenvertrag, überlegt Horx: Die Jüngeren hätten ihre Lebensweise in der Corona-Krise deutlich eingeschränkt, um die Gesundheit der Älteren zu schützen, und könnten nun von diesen umgekehrt ein klimafreundlicheres Verhalten einfordern.

Sendung: hr-iNFO, Das Interview, 10.06.2020, 19.35 Uhr