Arzt Hendrik Halfar (rechts) und Krankenpfleger Markus Dienst bei der Behandlung eines Covid-19-Patienten im Uniklinikum Gießen

Erstmals hat die Uniklinik Gießen einen Reporter in ihre Covid-19-Station gelassen. Ärzte und Pfleger kämpfen dort in voller Montur um die Leben von derzeit 14 Schwerkranken und müssen gleichzeitig Schutzmaterial sparen. Eine Reportage.

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An der Glastür steht schlicht "Intensivstation 2.5". Von außen deutet hier im zweiten Stock des Universitätsklinikums in Gießen nichts darauf hin, dass hier die schwer erkrankten Corona-Patienten liegen. Aktuell sind es 14. Die Etage wurde seit März nach und nach geteilt, um Betten und isolierte Zimmer für Covid-19-Fälle zu schaffen. Aus einer großen Station sind zwei kleinere Stationen geworden. Sie sind durch Hygiene-Schleusen in den Fluren getrennt.

Hinter der Glastür kommt man nur bis zur ersten Schleuse. "Hier geht’s nicht rein", sagt Tobias Kempff, der den hr-Reporter und die Kamerafrau abholt. Er ist der Pflegedienstleiter in der Station. Wir müssen zur anderen Seite der Schleuse gehen. Kempff weist Besucher sonst streng ab. Kein Fremder darf die Station betreten, auch keine Angehörigen. Für den hr macht die Uniklinik an diesem Tag eine bislang einmalige Ausnahme.

Kempff hat dennoch Routine mit Neulingen. Fast jeden Tag kommen seit Ausbruch der Corona-Krise neue Helfer, die die Station unbedingt braucht. Corona-Patienten binden viel mehr Personal als normale Intensivpatienten.

Ein Drittel mehr Mitarbeiter auf der Station

In einem Raum mit vielen Spinden und Stationskleidung ziehen wir uns um. "Das war einmal ein Büro eines Oberarztes. Es wurde umgewidmet, wir brauchten Platz", berichtet Kempff. Platz für ein Drittel mehr Mitarbeiter. Standen vor März noch 65 Namen auf dem Einsatzplan der Intensivstation, sind es jetzt über 100. Ärzte, Pfleger und sogenannte Springer. Pro Schicht sind 20 Ärzte und Pfleger im Einsatz.

Wir laufen durch die Schleusen der streng abgeschotteten Intensivstation. Durch große Glasfenster können wir in die Patientenzimmer schauen und sehen, wie die Ärzte die Kranken versorgen. Höchstens zwei Patienten liegen in einem Zimmer. Alle hängen an Beatmungsgeräten. Viele liegen im künstlichen Koma, wie Pflegedienstleiter Kempff sagt.

Springer entlasten Ärzte und Pfleger

Ein Klinikmitarbeiter geht von Zimmer zu Zimmer. Er heißt Andreas Krüger und gehört zu den Springern. Sie helfen den Ärzteteams während der Behandlungen und Visiten, wie Krüger erklärt. Somit müssen Ärzte und Pfleger mit ihren umfangreichen Schutzmontur nicht ständig aus den Patientenzimmern hinaus, um etwa Medikamente oder Material zu holen. "Dann bestünde die Gefahr, dass sie unvorsichtig werden und die gesamte Station mit dem Virus kontaminieren", sagt Krüger.

Andreas Krüger, Pfleger auf der Corona-Intensivstation der Uniklinik Gießen, mit Desinfektionstuch an der Tür zu einem Patientenzimmer

Als Springer steht Krüger mit Desinfektionstüchern an der Tür zu einem Patientenzimmer bereit. Wenn jemand von innen an die Scheibe klopft, nimmt er beispielsweise Blutproben von drinnen entgegen und bringt sie zum Analysegerät. Oder er säubert den Gesichtsschutz eines Arztes, damit dieser ihn bei der Untersuchung des nächsten Patienten noch mal verwenden kann. Ein Pfleger kümmert sich jeweils um zwei Patienten.

Die Stationsleitung verständigte sich aus zweierlei Gründen auf dieses Vorgehen: Die Springer können so nur mit Mundschutz agieren. Die volle Ausrüstung mit professionellen FFP3-Masken, Taucherbrillen, Einmalschürzen und Handschuhen müssen nur die Ärzteteams in den Krankenzimmern tragen. So spart die Klinik viel Material, das im Moment ohnehin überall knapp ist.

Zehn Minuten dauern Umziehen und Desinfizieren

Wir sind in der Nachmittagsschicht auf der Intensivstation und verbringen fünf Stunden dort. Hendrik Halfar ist einer von vier Ärzten, die sich in dieser Schicht bis zum Abend die Station teilen. Wie geht es den Patienten? Tja, wie soll es ihnen gehen, sagt Halfar: "Bei uns sind die schweren Fälle." Der Zustand der meisten sei derzeit stabil. Einige schwebten in Lebensgefahr. Das Virus sei tückisch, Voraussagen seien schwierig, berichtet der Arzt. Viele, die hier waren, seien wieder genesen, manche aber auch gestorben.

Halfar zieht sich die komplette Schutzausrüstung an, damit er seine Arbeit beginnen kann, ohne sich selbst zu gefährden. Nach jedem angezogenen Teil - Haube, Brille, Maske, Anzug - muss er aufs Neue seine Hände desinfizieren. Eine Prozedur, die jedes Mal bis zu zehn Minuten dauert. Und wiederholt werden muss, bevor ein Pfleger oder ein Arzt ein Patientenzimmer verlässt. Noch in dem Zimmer müssen sie ihre Schutzkleidung größtenteils wegwerfen.

Arzt Hendrik Halfar auf der Corona-Intensivstation der Uniklinik Gießen

Halfar nimmt seine Atemschutzmaske, die an einer Fensterscheibe an der Wand hängt. Über dem Haken ist mit Filzstift sein Name geschrieben. Damit nur er sie heute benutzt. Die FFP3-Maske ist das einzige Teil seiner Schutzausrüstung, das er die ganze Schicht hindurch benutzt. Weil er sie nur an den Bündchen anfasst und weil der Bestand so knapp ist.

Wochen, bis die Patienten wieder selbst atmen können

Der Arzt schaut nach einem betagten Mann, der schon seit ein paar Wochen auf der Station liegt. Hendrik Halfar und der Krankenpfleger Markus Dienst bereiten den Patienten auf einen Luftröhrenschnitt vor. Das klinge schlimmer, als es ist. "Der ältere Herr ist über das Gröbste hinweg. Wir versuchen, ihn damit von der maschinellen Beatmung zu entwöhnen", erklärt der Arzt. Bis der Patient wieder selbstständig atmen kann, kann es noch einige Wochen dauern. Durch die künstliche Beatmung bilden sich um die Lungen herum die Muskeln zurück. Sie müssen wieder kräftig werden, damit der Körper die Atmung unterstützen kann.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Reportage von der Corona-Intensivstation in Gießen

Behandlung eines Patienten auf der Corona-Intensivstation der Uniklinik Gießen
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Details über die Patienten in den 15 Zimmern der Covid-19-Station der Gießener Uniklinik erfahren wir nicht. Datenschutz. Nach einer halben Stunde kommt Halfar aus dem Zimmer mit dem älteren Herrn. Er zieht sich wieder lange um, Schweißperlen stehen ihm auf der Stirn. "Wir halten es drinnen maximal eineinhalb bis zwei Stunden aus", sagt Halfar. Derartig eingepackt zu sein, schützt, hat aber Nachteile. "Schon nach wenigen Minuten ist es so heiß wie in der Sauna", sagt er. Sich da auf die Aufgabe zu konzentrieren, koste viel Kraft.

Um sich macht der Arzt sich keine Sorgen

Im Zimmer nebenan liegt eine Frau, sie ist geschätzt Ende 30. Sie liegt im künstlichen Koma. Hendrik Halfar berichtet, dass auf der Gießener Covid-19-Station schon körperlich fitte Menschen, die viel Sport treiben und ohne Vorerkrankungen waren, gelegen hätten.

hr-Reporter Franco Foraci und Ärzte und Pfleger auf der Covid-19-Station der Uniklinik Gießen

Macht er sich Sorgen, durch die Behandlung selbst einmal angesteckt zu werden? Viele Ärzte wurden bereits selbst zu Corona-Patienten. Die Frage erstaunt den 30-Jährigen darum auch nicht. "Ehrlicherweise, wegen unserer Schutzausrüstung, mache ich mir darüber keine Gedanken. Ich denke, wir sind hier besser geschützt als im Supermarkt, wo man einfach nicht weiß, wer es hat oder wer es nicht hat, wer Risikopatient ist. Hier ist man sich sicher", antwortet Hendrik Halfar.

Auf der Intensivstation fällt auf, dass jeder höllisch genau auf Hygiene achtet. Pfleger und Ärzte wischen immer wieder über Oberflächen und kommen sich, so gut es eben geht, nicht in die Quere. Trotz der angespannten Situation mit vielen Schwerkranken sind sie darauf bedacht, sich an die festgeschriebenen Abläufe zu halten. Damit keine Fehler passieren.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau, 29.04.2020, 19.30 Uhr