Liesel Christ 100. Geburtstag
Schauspielerin Liesel Christ wäre am 16.April 2019 100 Jahre alt geworden. Bild © hr/Kurt Bethke

Als "Mamma Hesselbach" hat sie den hessischen Dialekt in ganz Deutschland bekannt gemacht und sich im Hessischen Rundfunk Ikonenstatus gesichert. Heute wäre Liesel Christ 100 Jahre alt geworden.

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Seit zwei Monaten im Unternehmen, seit zwei Wochen im Redaktionsalltag - ich bin Volontärin und stehe ganz am Anfang meiner Karriere. Ganz anders als die Frau, von der ich etwas lernen will: Liesel Christ.

Die Schauspielerin aus Frankfurt, die am 16. April vor 100 Jahren geboren wurde, ist eine Ikone im Sender. Chefredakteure und Planer bekommen glänzende Augen, wenn sie sich daran erinnern wie "Mamma Hesselbach" - mal adrett, mal im Schürzchen - ihren Kindern die Dates versaut und Babba Hesselbach zur Weißglut treibt.

Dass sie einmal glänzende Augen bekommen könnten, wenn sie an mich denken, ist ein guter Ansporn und so mache ich, was jede Millenial in meiner Situation tun würde: Ich gehe auf YouTube und ziehe mir unzählige Clips der Familie Hesselbach rein.

Frauchen oder Feministin?

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Die erste "Bestandsaufnahme" ist ernüchternd. Als bekennende Feministin hatte ich gehofft, "Mamma Hesselbach" als eine Frau zu erleben, die bereits in den 60er-Jahren für Gleichberechtigung kämpfte. Stattdessen: Klassische Rollenverteilung. Der Vater geht arbeiten, die Mutter bleibt zu Hause, bügelt Taschentücher und räumt - selbstverständlich ohne Hilfe der anderen Familienmitglieder - den Tisch ab. "Christ kreierte mit ihrem Part den Prototyp der deutschen Hausfrau und Mutter", heißt es dazu auf der Webseite des Volkstheater Frankfurt.

Die reale Liesel Christ hingegen war alles andere als ein Heimchen am Herd - sie machte Karriere. Dank einer Sondergenehmigung konnte sie schon mit 14 Jahren als jüngste Schülerin ihr Studium an der Frankfurter Hochschule für Musik und Theater aufnehmen. Nach vielen Jahren als Schauspielerin gründete sie 1953 die Landesbühne Rhein-Main mit und avancierte in kurzer Zeit zum Publikumsliebling.

Hustlen für das Volkstheater

Deutschlandweit bekannt wurde Christ mit ihrer Besetzung in Familie Hesselbach. Im Jahr 1971 erfüllte sie sich schließlich einen langjährigen "Herzenswunsch", wie sie es nannte. Sie gründete in ihrer Heimatstadt ihre eigene Mundartbühne, das Volkstheater Frankfurt, das sie bis zu ihrem Tod im August 1996 leitete.

Dass Christ ihre Karriere so zielstrebig verfolgte und es bis zur "Führungskraft" brachte, imponiert mir. Kürzlich habe ich gelesen, meine Generation Y sei besonders arbeitswillig. Obwohl uns Freizeit und Privatleben wichtig sind, seien wir bereit, ein Work-Life-Blending zu leben: Private Angelegenheiten sollen auch während der Arbeitszeit geregelt werden können, gleichzeitig seien Millenials auch bereit, bei Bedarf in der Freizeit zu arbeiten. Christ, so scheint mir, hat in ihrem Leben ebenfalls "krass gehustlet" (wie ich sagen würde) – oder "sich mäschtisch ins Zeuch geleescht" (wie sie wohl formuliert hätte).

Die Mamma war Mama

Zweifache Mutter wurde sie trotzdem - und sie war alleinerziehend. Auch das macht mir heute Mut. Ich bin Mitte zwanzig, Fragen nach der Familienplanung bleiben da nicht aus. Frauen wie Christ zeigen, dass sich Kinder und Karriere nicht zwingend ausschließen. Diese Vorbilder braucht es vielleicht mehr als je zuvor.

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Liesel Christ als Mama Hesselbach

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Im Väterreport von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) aus dem Jahr 2018 heißt es, das neue Verständnis von Vaterschaft wirke sich auch auf die Vorstellungen darüber aus, wie die Erziehungs- und Hausarbeit zwischen Eltern aufgeteilt sein sollte: In Umfragen sprechen sich Männer (ähnlich wie Frauen) "zunehmend deutlich für eine egalitäre Aufteilung von Erwerbs-, Haus- und Familienarbeit in der Partnerschaft aus". Trotzdem geht noch immer nur etwa ein Drittel aller Väter in Elternzeit. Die Care-Arbeit bleibt nach wie vor überwiegend an jungen Müttern hängen, welche ihre Karriere (ganz im Sinne der arbeitsliebenden Generation Y) dann eben neben den Kindern schaukeln müssen.

Eine Frau, zwei Gesichter

Je mehr ich über Liesel Christ lese und je mehr Episoden der Familie Hesselbach ich ansehe, desto stärker wird mein Gefühl, dass Bühnenfigur und Realperson nicht so recht zusammenpassen. Einen Liesel-Christ-Moment erlebt Mamma Hesselbach dann aber doch, nämlich dann wenn sie ihrem Ehemann in der ihr einzigartigen, aufbrausenden Art widerspricht. Sich "empowert" wie ich sagen würde – "uffmuggt" wie Christ wohl sagen würde.  

Dieses Aufbegehren gegen Konventionen, das Kämpfen für (und vielleicht auch manchmal mit) der eigenen Karriere ist das, was ich von Christ lernen kann. Danke, Liesel. Und Happy Birthday!