Struwwelpeter Cover

Als der Struwwelpeter vor 175 Jahren erschien, war er ein Weihnachtsgeschenk. Der Arzt Heinrich Hoffmann wollte seinem Sohn eine Freude machen. Die meisten Geschichten spielen in Frankfurt. Eine Übersicht.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Auf den Spuren des Struwwelpeters in Frankfurt

Karte zeigt Spielorte des Struwwelpeter in Frankfurt
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Kinder lieben ihn, Pädagogen sehen ihn eher kritisch - der Struwwelpeter polarisiert. Aber wie auch immer, er ist wahrscheinlich eines der bekanntesten Kinderbücher der Welt. Entstanden sind die Geschichten um unerzogene Kinder und ihr krasses Schicksal vor 175 Jahren in Frankfurt. Die Vorlage für die Figuren waren oft Menschen aus dem Umfeld von Heinrich Hoffmann, ihren Spuren kann man noch heute in Frankfurt folgen.

"Die gar traurige Geschichte mit dem Feuerzeug" und Paulinchen

„...und Minz und Maunz die Katzen erheben ihre Tatzen...“ Die Geschichte vom Paulinchen, das sich selbst abfackelt, hat ein ganz reales Vorbild: Pauline Schmidt war die Tochter eines Arztfreundes, nur wenig älter als Hoffmanns Sohn Carl und wohnte in der Nachbarschaft. Sie hatte mit etwa fünf Jahren eine Packung Zündhölzer in die Finger bekommen, diese angezündet und dabei die Vorhänge der Wohnung entflammt. Außer der Wohnung kam bei diesem Brand zum Glück niemand zu Schaden. Pauline starb mit 15 Jahren an Tuberkulose. Ihr Grab auf dem Hauptfriedhof wird gerne von Kindergartenkinder mit kleinen gebastelten Geschenken geschmückt.

Das Grab von Hoffmanns Paulinchen, bekannt aus dem Struwwelpeter.

"Die Geschichte vom Zappel-Philipp" ist auch Hoffmanns Geschichte

Auch für den Zappel-Philipp gibt es ein reales Vorbild, nämlich das Kind eines Arztkollegen Hoffmanns, Philipp Fabricius, der offenbar gerne mit dem Stuhl kippelte. Fabricius selbst sammelte nach dem Tod Heinrich Hoffmanns für ein Denkmal des Verstorbenen und unterzeichnete seine eigene Spende mit "Urbild des Zappel-Philipp".

Die Geschichte des Zappel-Philipp gilt als erste Beschreibung eines ADHS-Patienten und offenbar hatte auch Hoffmann selbst Symptome, weiß die Leiterin des Struwwelpeter-Museums in Frankfurt, Beate Zekorn-von Bebenburg. In einem Protokoll einer Zusammenkunft aus der Zeit stehe die Bemerkung "der ewig zappelnde Hoffmann".

Grab vom Zappelphilipp/ Struwwelpeter

"Die Geschichte vom Daumenlutscher" und die Schere der Zensur

Nicht nur Cholera, Diphtherie oder Typhus waren zu Heinrich Hoffmanns Zeit lebensgefährliche Krankheiten, sondern eigentlich jede kleine Infektion. Als Arzt musste er oft erleben, dass Menschen aus mangelnder Hygiene starben. Seine kleinen Patienten versuchte er deshalb mit der überzogen-satirischen Geschichte vom Daumenlutscher davon abzubringen, die ungewaschenen Finger in den Mund zu stecken.

Beate Zekorn-von Bebenburg vom Struwwelpeter-Museum weiß aber auch von Anspielungen, die speziell für Erwachsene gedacht waren. "Die Geschichte wird als Satire auf die Zensur gedeutet, denn da kommt ganz groß die Schere ins Bild und die war in allen zeitgenössischen Karikaturen Symbol für Zensur. Außerdem kann man ohne Daumen auch nicht mehr schreiben." Kinderbücher seien die einzigen Veröffentlichungen gewesen, die nicht mit Zensur belegt wurden.

Struwwelpetermuseum in der neuen Altstadt Frankfurt

"Hanns Guck-in-die-Luft" fällt in der Innenstadt ins Wasser

Die Frankfurter Historikerin und Stadtführerin Silke Wustmann hat das Vorbild vom Hanns Guck-in-die-Luft in einem Erlebnis des Philosophen Arthur Schopenhauer gefunden. Bei seinem tägliche Spaziergang wurde Schopenhauer demnach Zeuge, wie ein kleiner Junge aus Unachtsamkeit in den Rechneigraben-Weiher fiel. Schopenhauer lebte zu dieser Zeit in der schönen Aussicht am Mainufer, war also ein direkter Nachbar und außerdem ein Bekannter des Struwwelpeter-Autors. Historiker gehen davon aus, dass er Hoffmann von dem Vorfall erzählte.

Heinrich Hoffmann verlegte den Spielort der Geschichte allerdings an den Main, da ist sich Museumsleiterin Zekorn-von Bebenburg sicher. "Die Laternen, die auf den Zeichnungen zu sehen sind, die sieht man tatsächlich auch auf alten Ansichten des Mainkais." Zudem habe Hoffmann mit seiner Familie selbst am Mainufer nahe der alten Brücke gelebt.

Der "Suppen-Kaspar" als ironische Replik

"'Nein, meine Suppe ess’ ich nicht!' - und nach vier Tagen war der Kaspar tot...." Auch diese tagebuchartige Darstellung hat Heinrich Hoffmann nicht selbst erlebt, aber gelesen. Und zwar in einem medizinischen Fachblatt von dem wichtigsten Gerichtsmediziner der Zeit. Der beschreibt detailliert, wie sich ein Häftling im Hungerstreik über mehrere Tage zu Tode hungert. "Der Autor des Artikels war ein Herr Kaspar. Den kannte Hoffmann ganz bestimmt, weil er ja auch als Anatom und Leichenbeschauer arbeitete zu dieser Zeit", sagt die Leiterin des Struwwelpeter-Museums Zekorn-von Bebenburg. Sie könne sich den Suppen-Kaspar als "ironische Replik auf diesen Herrn Kaspar" vorstellen.

Heinrich Hoffmann/ Struwwelpeter Cover Originalausgabe

Der "Fliegende Robert" vor Taunuskulisse

Fliegen zu können - diesen Traum hat wahrscheinlich jedes Kind schon gehabt. Von daher brauchte der Autor hier keine realen Vorbilder. Trotzdem scheint auch diese Geschichte eindeutig in Hessen, genauer gesagt im Taunus verankert zu sein, da ist sich die Museumsleiterin des Struwwelpetermuseums in Frankfurt nach eigener Auskunft sicher: Als in der Struwwelpeter-Geschichte der Wind den aufgespannten Schirm von Robert erfasst, sieht man im Hintergrund eine Hügelkette. "Da bieten Altkönig und Feldberg die Kulisse, das ist eindeutig der Blick, wenn man gegen Norden guckt."

"Die Geschichte von den schwarzen Buben" thematisiert Rassismus

"Bemerkenswert ist diese Geschichte deshalb, weil sie die erste in der Geschichte der Kinderliteratur ist, die auf Rassismus hinweist", betont Beate Zekorn-von Bebenburg. Drei Buben hänseln einen Schwarzen und werden zur Strafe vom großen Nikolas in ein Tintenfass getunkt. Wahrscheinlich war diese Geschichte von Hoffmanns Freunden inspiriert, die sich in einem Komitee für die Abschaffung der Sklaverei in Amerika einsetzten. Denn Sklaverei passte nicht zu ihren demokratischen Ideen des Vormärz oder zu ihrem Vorbild Amerika, das eine in ihren Augen so bewunderungswürdige Verfassung hatte.

Übrigens war der damalige Zar von Russland, Nikolaus I., ganz und gar nicht begeistert von dieser Geschichte, weil der Mann am Tintenfass seinen Namen trägt. Vielleicht verstand er das Schwärzen der frechen Buben auch als eine Anspielung auf die Zensur in seinem Land. Jedenfalls durfte der Struwwelpeter lange nicht in Russland veröffentlicht werden und später wurde in der Übersetzung der Name 'Niklas' durch 'der graue Mann' ersetzt.

Weitere Informationen

Struwwelpeter-Erfinder Heinrich Hoffmann

Heinrich Hoffmann (1809-1894 ) lebte bis auf die Studienzeit immer in Frankfurt. Er war Arzt, Leichenbeschauer, Lyriker, Spieleerfinder und Kinderbuchautor. Er verwendete auch die Pseudonyme Heulalius von Heulenburg, Reimerich Kinderlieb, Peter Struwwel sowie Polycarpus Gastfenger. Auch seinen Struwwelpeter hat er erst unter Pseudonym veröffentlicht, weil er fürchtete, seine Reputation als Arzt könnte leiden.

In seinem Alltag als Armenarzt musste Hoffmann vor allem seinen kleinen Patienten oft die Angst nehmen. Seine Taktik war oft, eine kleine Zeichnung auf ein Papier zu kritzeln und dazu eine Geschichte zu erzählen.

Diese Geschichten, vermischt mit den Lebensumständen seiner Patienten und viel Witz, packte Hoffmann dann in ein Heft, das er seinem Sohn Carl 1844 zu Weihnachten schenkte. Die Zeichnung des Struwwelpeters war in dieser Fassung auf dem letzten Blatt des Heftes zu finden, quasi als Füllsel. Erst später wurde der Struwwelpeter das Titelbild und gab dem Buch den Namen. Mittlerweile ist der Struwwelpeter eines der berühmtesten deutschen Kinderbücher, wurde in ca. 40 Sprachen übersetzt und begeistert noch heute seine Leser.

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Sendung: hr-iNFO, 16.12.2020, 06.20 Uhr