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"Wunder der Wirklichkeit" zeigt das Rüsselsheim der 1980er-Jahre

Menschen steigen in eine Propellermaschine ein.

Vor 30 Jahren stürzte ein Flugzeug mit einem Rüsselsheimer Filmteam ab. Thomas Frickel hat den Film der Crew damals fertiggestellt und Jahre später eine Dokumentation über den Absturz gedreht. Was hat ihn angetrieben? Ein Interview.

Am 22. Dezember 1991 bricht das Rüsselsheimer Filmteam um den Künstler und Filmemacher Martin Kirchberger und seine Produktionsfirma "Cinema Concetta" auf zu den letzten Dreharbeiten zum Kurzfilm "Bunkerlow". Er soll eine Satire werden über Sicherheitsfanatiker, die einen Kriegsbunker kaufen wollen.

Für die Szenen, die einen Werbe-Verkehrsflug zeigen, steigt die Crew in ein historisches Flugzeug vom Typ DC 3. Im Odenwald über Heidelberg kommt es bei dichtem Nebel zum Absturz. 28 Menschen sterben, nur vier Passagiere überleben. Es ist der folgenschwerste Unfall, der sich je bei einer deutschen Filmproduktion ereignet hat.

Der Rüsselsheimer Regisseur Thomas Frickel vollendet damals "Bunkerlow" und dreht 2017 - 25 Jahre danach - einen Film über das tragische Unglück und die Hintergründe: Für "Wunder der Wirklichkeit" erhält er den hessischen Filmpreis für den besten Dokumentarfilm. Am Mittwoch jährt sich der Absturz der Propellermaschine zum 30. Mal. Im Interview mit hessenschau.de berichtet Frickel, wieso er die Geschichte so viele Jahre nach dem Unglück noch einmal filmisch aufgearbeitet hat.

Zwei ältere Männer sitzen in einem Auto.

hessenschau.de: Wir erleben Sie die Zeit rund um den Jahrestag?

Thomas Frickel: Das ist schon eine Zeit voller Erinnerungen, wobei ich natürlich nicht in der ersten Reihe stand, ich war in die Dreharbeiten selbst gar nicht eingebunden. Aber einige von denen, die dabei waren, haben das jetzt in diesen Tagen auch über Social-Media-Kanäle noch mal kommuniziert. Insbesondere natürlich der Toningenieur, der damals den Unfall an Bord dieses Flugzeugs überlebt hat.

hessenschau.de: Martin Kirchberger ist gerade mal 31 Jahre alt geworden. Was war er für ein Typ?

Frickel: Im Film sage ich, dass er eine Wunderkerze war, die an beiden Enden brannte. Er war unheimlich aktiv und hatte dauernd irgendwelche Ideen und hat dabei alle möglichen Leute angesprochen und sie überzeugt, sodass sie gerne mitgemacht haben bei seinen Projekten.

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Er war ein sehr vielseitiger Mensch und hat zum Beispiel Wandbilder gemalt, die zum Teil in Rüsselsheim noch erhalten sind, obwohl sie sukzessive auch verschwinden. Er hat Musik gemacht in einer Rockgruppe, er hat Aktionskunst gemacht und er hat natürlich diese Filmarbeit gemacht zusammen mit Freunden, die damals mit verunglückt sind.

hessenschau.de: In dem satirischen Kurzfilm Bunkerlow, der damals gedreht wurde, ging es um Sicherheitsfanatiker, die einen Bunker kaufen wollten. Der Bunker wird aus dem Flugzeug bombardiert und es soll gezeigt werden: Der ist wirklich sicher. Und während des Fluges sehen sich die Passagiere diese Bilder an. 

Frickel: Das ist besonders zynisch. Die Filmgeschichte ist die, dass dieses Flugzeug regelmäßig mit Interessenten an einem hochwertigen Luftschutzbunker den Truppenübungsplatz in Baumholder überfliegt und dort mit einem Einverständnis der Bundeswehr aus diesem Flugzeug heraus Bombenabwürfe macht. Und unten im Bunker sitzt ein Bodenreporter, der live berichtet, dass ihm gar nichts passiert ist und dass es nur ein bisschen gewackelt hat.

Eine sehr kuriose Geschichte, die man sehen muss vor dem Hintergrund der Zeit. Da war der Golfkrieg gerade angesagt und es gab in der Tat eine Kriegsangst und eine Unsicherheit bei den Menschen. Das haben die Jungs um Martin und Cinema Concetta ins Groteske übersteigert.

hessenschau.de: Mit "Bunkerlow" waren Martin Kirchberger und seine Cinema Concetta drauf und dran, den Durchbruch ins kommerzielle Filmgeschäft zu schaffen. 

Frickel: Für einen Kurzfilm hatte dieser Filme sehr hohe Unterstützung, vor allen Dingen von der Filmförderung in Hamburg. Das waren 90.000 Mark. Zum Vergleich: Ich selbst habe in der Zeit Kurzfilme gedreht mit vielleicht der Hälfte dieses Geldes oder noch weniger. Die hessische Filmförderung hat auch noch mal einen Betrag von 7.000 Mark draufgelegt. Sie waren gut ausgestattet, und der Film sollte der Start sein in das kommerzielle Arbeiten.

Wir haben rückblickend gesagt, mit Sicherheit hätte man von diesem Team in der deutschen Filmbranche noch mehr gehört. Denn dieser Ansatz damals, Mockumentaries zu drehen, also erfundene Dokumentarfilme, der hat sich später erst in vielen bemerkenswerten Beispiel kultiviert. Da war das Team Cinema Concetta sozusagen auf der Pionierstrecke und hat zudem einen sehr eigenwilligen Stil entwickelt.

Drei Männer laufen hintereinander, sie tragen Filmequipment wie ein Mikrofon und eine Kamera.

Dieser Ansatz, satirische Kurzfilme zu drehen, hat letztlich nach der Katastrophe dazu geführt, dass die Hinterbliebenen die Versicherungsgelder, die sie bekommen haben, zusammengelegt und eine Stiftung gegründet haben. Die veranstaltet jetzt jährlich ein Filmfestival in Rüsselsheim, die sogenannten Rüsselsheimer Filmtage. Da werden satirische Kurzfilme vorgeführt und vom Publikum prämiert. Das ist der Versuch, die Idee von Cinema Concetta weiterzutragen und diese doch für alle sehr schmerzhafte und bittere Erfahrung ins Positive zu wenden und damit umzugehen.

hessenschau.de: Der Film "Bunkerlow" war so gut wie abgedreht, es fehlte noch die Szene im Flugzeug. Die Angehörigen haben sich nach dem Absturz gewünscht, dass der Film fertiggestellt wird und Sie darum gebeten. Wie war das, diesen Film zu Ende zu bringen?

Frickel: Ich habe natürlich nicht gezögert, weil ich mich da in der Pflicht sah. Ich habe viele von den Leuten, die an Bord waren, gekannt. Nicht nur das Filmteam, sondern auch die Mitwirkenden, die zum großen Teil so im Bereich Family and Friends in Rüsselsheim rekrutiert wurden, alles Leute, die irgendwie eine Rolle gespielt haben in der Stadt und im Kulturleben. Von daher war das für mich keine Frage, dass ich dieser Bitte nachkomme.

Die Schwarz-Weiß-Aufnahme zeigt acht Personen, die vor einer Propellermaschine stehen.

Es war deshalb möglich, weil die eigentlichen Dreharbeiten schon an den Wochenenden vor dem Absturz auf dem Flugplatz in Egelsbach entstanden sind. Der Rundflug mit dieser historischen Maschine sollte gewissermaßen ein Dankeschön für die Mitwirkenden sein und es sollten noch letzte Aufnahmen im Cockpit gemacht werden. Das Flugzeug ist nicht aus großer Höhe abgestürzt, diese Propellerflugzeuge fliegen ja nicht besonders hoch, sondern im Nebel gegen einen Berg geflogen. Dadurch war es möglich, dass vier Leute den Absturz überlebt haben und auch die Filmkassette und das Tonband erhalten geblieben sind. Deswegen konnten wir die Aufnahmen aus dem Cockpit, die kurz vor dem Absturz entstanden sind, rekonstruieren.

Das ist so unglaublich, dass da Aufnahmen existieren von Menschen, von denen man weiß, sie sind kurze Zeit später nicht mehr am Leben. Da habe ich gedacht, das muss man der Öffentlichkeit zugänglich machen und dabei die ganze Geschichte von diesem Film erzählen. Es war ein beklemmendes Gefühl für mich.

hessenschau.de: 2017 haben Sie eine Doku darüber gedreht. Warum haben Sie das gemacht, so viele Jahre später?

Frickel: Das waren Bilder, die mich nicht mehr losgelassen haben. Ich dachte immer, dass diese Geschichte erzählt werden muss. Auch deshalb, weil sich bei den Rüsselsheimer Filmtagen, einem Festival, das im ganzen deutschsprachigen Raum jährlich ausgeschrieben wird, viele Leute fragen, was das für Hintergründe hat. Das ist es wert, diese Geschichte in dem Zusammenhang mal zu erzählen und zu zeigen, was das für Menschen waren, was Martin Kirchberger noch so getan hat und auch ein Zeitbild zu schaffen dieser 1980er-Jahre.

Da ich so dicht dran war, sowohl an dem verunglücktem Filmteam als auch an den Angehörigen, die mich damals gebeten haben, diesen Film zu Ende zu produzieren, lag es nahe, dass ich dieses Thema aufgreife. Denn es ist bei so einer sensiblen Geschichte natürlich wichtig, dass man einen Zugang zu den Leuten hat, mit denen man redet und sie nicht von außen bittet, ihre Erlebnisse auf den Punkt zu bringen.

Das Bild zeigt einen dunklen Wald, in dem Trümmerteile eines Flugzeugs liegen.

hessenschau.de: Martin Kirchberger ist sehr jung gestorben. Was hat Rüsselsheim, was hat die dortige Kulturszene mit ihm verloren?

Frickel: Es verbietet sich natürlich, da zu spekulieren. Aber ich bin fest davon überzeugt, dass man von Martin und von diesem Cinema-Concetta-Team in der deutschen Filmbranche einiges gehört hätte. Ihr Ansatz war einfach zu originell, als dass man ihn ignorieren könnte.

Martin hat sein kurzes Leben fast lückenlos dokumentiert seit er anfing, Aktionskunst zu machen. Das hat es möglich gemacht, diesen Film mit sehr viel Archivmaterial zu spicken. So erfährt man nicht nur etwas über ihn und über dieses schreckliche Flugzeugunglück, sondern auch etwas über die Zeit. Vielleicht kann man dadurch ermessen, warum er sich gegen seine Zeit so aufgelehnt hat mit seinen künstlerischen Aktionen.

Ein rotes Auto steht vor einem Haus, auf dem ein Wandbild angebracht wurde.

hessenschau.de: Unter den 28 Toten waren auch viele junge Menschen aus dem Filmteam und vor allem viele Freunde und Verwandte von Ihnen, die als Komparsen mitgespielt haben. Ist da ein kollektives Trauma entstanden?

Frickel: Das war es am Anfang auf jeden Fall. Es gab eine große gemeinsame Trauerfeier damals im Stadttheater, die von der Stadt ausgerichtet wurde. Da kamen Betroffene zusammen. Es gab eine große Zahl von Beerdigungen. Aber danach haben einige die Trauer individuell verarbeiten wollen.

Der Film hatte letzten Endes noch einmal etwas Integratives und mit dem Abstand von damals 25 Jahren, heute 30 Jahren, konnte man mit ein bisschen mehr Distanz darüber reden. Wobei Eckehard Kuchenbecker, der Tonmann, der den Absturz überlebt hat, dieser Tage geschrieben hat: Das ist etwas, das ihn jeden Tag begleitet.

hessenschau.de: Es war ein sehr schweres Unglück und es liegt noch gar nicht so lange zurück, aber es ist merkwürdigerweise nicht mehr sehr präsent. Wie erklären Sie sich das? Wird des Unglücks ausreichend gedacht?

Frickel: Da habe ich lange darüber nachgedacht, ohne dass ich eine richtige Erklärung dafür habe. Zum einen mag es sein, dass es kurz vor Weihnachten ein bisschen untergegangen ist, obwohl damals natürlich alle Medien darüber berichtet haben. Es war nicht nur einer der schwersten Flugunfälle, die in Deutschland passiert sind bis dahin, sondern es war sicherlich auch der schlimmste Unfall, den es in Deutschland bei einer Filmproduktion gab.

Dadurch, dass Cinema Concetta noch nicht verankert war in der professionellen Szene, hat die Filmszene das nicht so zur Kenntnis genommen, wie diese Katastrophe es verdient hätte. Daher war es wichtig, noch einmal daran zu erinnern. Da waren letztlich Kolleginnen und Kollegen an Bord, auch wenn es meistens Laienschauspieler waren. Die Filmszene sollte das schon zur Kenntnis nehmen und es ist inzwischen auch so, dass das innerhalb der hessischen Filmlandschaft sehr präsent ist.

Das Gespräch führte Juliane Orth.

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"Wunder der Wirklichkeit"

Am 22. Dezember um 20.15 Uhr zeigt das Kino des Deutschen Filmmuseums in Frankfurt Frickels Dokumentarfilm aus dem Jahr 2017. On demand ist er auch in der ARD Mediathek verfügbar.

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