Collage: Ein Akorbat tritt im Tigerpalast auf (links), Mitbegründer und Direktor Johnny Klinke (rechts)
Collage: Der Balancekünstler Oleg Izossimov im Tigerpalast, Direktor und Mitbegründer des Varietés in Frankfurt: Johnny Klinke. Bild © Gaby Beck (hr)

Glamour, Tanz und Akrobatik auf höchstem Niveau: Seit 30 Jahren entführt der Tigerpalast in Frankfurt sein Publikum in die Welt des Varietés. Dafür erhielt das Theater am Samstag den mit 50.000 Euro dotierten Binding Kulturpreis.

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Johnny Klinke

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Tigerpalast-Chef Klinke: "Rund um die Uhr lebendig"

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Etwa 190 Zuschauer sitzen an kleinen Bistro-Tischen und staunen. Die Leckereien vor ihnen lassen sie erst mal stehen. Stattdessen heften ihre Blicke auf Oleg Izossimov. Der Akrobat balanciert im Handstand zu Opernarien. Hautnah schaut das Publikum zu, wie er sich mal auf einen Stock, mal auf zwei Stöcken mit handtellergroßen Flächen stützt. Und das grazil und gelassen zugleich. Izossimov zählt zu den besten Äquilibristen, wie die Gleichgewichtsartisten auch bezeichnet werden.

Sein Auftritt ist Teil der Jubiläumsshow "Weltstars des Varieté" im Tigerpalast in Frankfurt, eine Art Best-Of-Show mit herausragenden Künstlern aus aller Welt. Das Varietétheater in der Innenstadt feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Seit dem 30. September 1988 entführt es das Publikum an fünf Abenden in der Woche in die Welt des Varietés, immer begleitet von einem Live-Orchester.

"Wollten eine moderne Großstadtkultur entwickeln"

Seit den Anfängen hat sich wenig geändert, sagt Johnny Klinke. Gemeinsam mit Margarete Dillinger, Robert Mangold und dem inzwischen verstorbenen Kabarettisten Matthias Beltz gründete der Alt-68er in einem ehemaligen Saal der Heilsarmee in der Heiligkreuzgasse den Tigerpalast, um das Varieté "neu zu beleben und auch neu zu interpretieren", erzählt Klinke.

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zum Video Tigerpalast feiert Jubiläum

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Das Besondere am Programm: Neben Hochleistungsakrobatik gibt es Tango, Ballett, Flamenco und Kabarett. In Europa wohl eine einmalige Mischung, sagt Klinke: "In den 20er-Jahren waren Tanz, Kabarett und Varieté fein getrennt. Wir wollten damals aber nicht nostalgisch die 20er-Jahre nachspielen, sondern eine moderne Großstadtkultur entwickeln."

"Jeden Tag Abenteuer und Risiko pur"

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Tigerpalast in Frankfurt

Am 30. September 1988 eröffneten Margareta Dillinger, Johnny Klinke, Robert Mangold und der inzwischen verstorbene Kabarettist Matthias Beltz das erste internationale Varietétheater in Deutschland. Der Tigerpalast hat sich seitdem zu einer weit über die Grenzen Frankfurts bekannten internationalen kulturell-gastronomischen Institution entwickelt. Mehr als 150 Mitarbeiter beschäftigt das Haus. Der Eintritt kostet regulär 65 bis 70 Euro.

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Dass ihnen das gelungen ist, darauf sind Klinke und Dillinger, die den Tigerpalast heute noch gemeinsam leiten, stolz. Auch darauf, dass das Theater von Anfang an ohne finanzielle Zuschüsse ausgekommen ist. Heute zählt der Tigerpalast mit seinem dazugehörenden Gourmetrestaurant zu den bekanntesten Varietés in Deutschland.

Hinter allem steckt viel harte Arbeit - von den Künstlern, aber auch von den beiden Direktoren, und zwar von Anfang an: "Jeden Tag war das Abenteuer pur, das Risiko pur. Und wir sind so belohnt worden von den Künstlern aus aller Welt und auch vom Publikum", sagt Klinke.

Vom Straßenkampf zum revolutionären Varieté

Bevor er sich dem Varieté widmete, engagierte sich Klinke an der Seite von Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit 1968 zunächst im Straßenkampf und später als Hausbesetzer. "Öffentlicher Dienst kam für mich nicht in Frage. Wir wollten das pure Leben, und das ist es geworden", sagt er mit Blick auf seine einstigen Weggefährten.

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Linda Sander zeigt im Varieté-Theater Tigerpalast Artistik am Vertikalseil.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Tigerpalast-Direktor Klinke: "Hochleistungsartistik ganz hautnah"

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Statt Revolution also ein revolutionäres Varieté mit hochprofessioneller Akrobatik und artistischem Tanz. "Wir wussten nicht, was auf uns zukommt. Aber wir wussten, wie wir es machen: mit Leidenschaft, Herz und absoluter Entschiedenheit", erinnert sich Klinke.

Tigerpalast erhält Binding Kulturpreis

Fast drei Millionen Menschen hat der Tigerpalast in den vergangenen 30 Jahren verzaubert. Für ihre kulturellen Verdienste wurden Klinke und Dillinger bereits mit der Goetheplakette des Landes Hessen ausgezeichnet. Am Samstag erhielt das Theater nun den mit 50.000 Euro dotierten Binding Kulturpreis 2018.

An der Preisverleihung im Frankfurter Römer nahmen unter anderem die Vorstandsvorsitzende der Binding Kulturstiftung, Bergit Gräfin Douglas, sowie Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) und Ex-Oberbürgermeister Andreas von Schoeler (SPD) teil. "Es war eine würdige Feier", sagte eine Sprecherin des Tigerpalasts.

Das Programm mit herausragenden Artisten zeichne sich durch eine kontinuierliche, außerordentliche Qualität aus, begründete das Kuratorium der Binding-Kulturstiftung die Entscheidung. Zum Erfolgsgeheimnis gehöre aber auch die familiäre Atmosphäre im Tigerpalast, verrät Co-Direktorin Dillinger. "Die Artisten fühlen sich hier geborgen und wissen, dass es um ihre Kunst geht. Es geht hier im Haus um die Künstler", sagt sie.