Eine Kombination aus zwei Fotos: auf dem linken sind Musiker beim Musizieren zu sehen, auf dem rechten sind Hände zu sehen, wie sie eine gelb-rote Stickerei auf einem blauen Stoff anfertigen.

Die Sorge vor dem Virus, die Einsamkeit im Lockdown, das Warten auf den Impfstoff: Das Corona-Jahr 2020 hat uns einiges abverlangt. Das Soundprojekt "This too shall pass" in Frankfurt reflektiert diese Erfahrungen in einer eigenen Hymne.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found So klingt das Jahr 2020

Portrait von Emeka Ogboh, wie er auf einem Sofa sitzt.
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Unter dem Titel "Auch das geht vorbei" verwandelt das Projekt des nigerianischen Künstlers Emeka Ogboh die Frankfurter Innenstadt bis Anfang Oktober in eine Klanglandschaft. Ogboh widmet die Klänge dem Jahr 2020 und der Stadt Frankfurt. Im Mittelpunkt steht das gemeinsame Singen. In Auftrag gegeben wurde das Projekt von der Kulturstiftung der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN). Und es bietet Gedankenanstöße, sich anders mit dem vergangenen Jahr auseinanderzusetzen. Wer sich auf das Klangexperiment einlässt, wird Dinge entdecken, die das Jahr 2020 auch ausmachten.

1. Das Projekt analysiert das Jahr 2020

Es gibt vieles, das 2020 nicht so lief wie gewünscht: Die Pandemie durchkreuzte Pläne, brachte viele Herausforderungen mit sich, Kranke und Tote. Der Sound der Installation transportiert aber nicht einfach negative Gefühle. Die von Chören aus Frankfurt und aus Lagos in Nigeria eingesungene Hymne bildet vielmehr ab, was viele Menschen 2020 bewegt hat. Angefangen hat alles mit einer Datenanalyse.

"Die Geschichte des Projekts hat damit begonnen, Daten aus Nachrichten-Überschriften zu sammeln und daraus dann Schlagworte zu generieren", erklärt Ogboh. "Diese Worte haben wir dann genutzt, um den Text für eine Hymne zu schreiben." Viele der Schlagworte sind eng mit der Pandemie verknüpft: Corona, Gesundheit oder Lockdown. Andere Themen sind etwa Finanzhilfen, die Rezession oder politische Proteste.

2. Das Projekt zeigt, was 2020 gefehlt hat

2020 sind Kunst, Kultur und Musik in der Stadt nahezu verstummt. Das Soundprojekt erobert den Raum jetzt zurück – und zeigt so noch einmal auf, was im "Corona-Jahr" fehlte. Für Künstler Emeka Ogboh ist der Sound wie bei vielen seiner Werke entscheidend. "Ich komme von einem Ort, an dem Musik eine große Rolle spielt, schon in der Tradition", sagt er. Für Ogboh ist klar: Wer der Stadt lauscht, der erfährt viel. "Sie erzählt dir zum Beispiel, ob Menschen unterdrückt werden oder nicht", sagt er. "Und sie wird nur erzählen, was sie preisgeben darf."

Ein Boot mit der aus Lautsprechern bestehenden Soundinstallation des Künstlers Emeka Ogboh fährt über den Main.

Für den Künstler aus Lagos klingt Frankfurt wie viele andere europäische Städte auch – außer Kirchenglocken und Martinshorn sehr klanglos im Vergleich zu der Millionenstadt in Nigeria. Doch auch wenn Frankfurt leise ist, das Stadtbild mit dem Main bietet die Kulisse für die Sounds – zu entdecken zum Beispiel bei einem Spaziergang am Fluss. Dort kann man an den Wochenenden auch das Soundboot erleben, das die drei Installationsorte und den Westhafen verbindet.

3. Das Projekt konserviert 2020 langfristig

Home-Office, Social Distancing, digitale Feiern und Parties: Das Jahr 2020 hat für viele Menschen online stattgefunden. Das gilt auch für Informationen und Nachrichten. Vor allem über soziale Medien wie Twitter sind Geschichten des Corona-Jahrs um die Welt gegangen. Emeka Ogboh bricht mit diesem Trend: Er setzt in seiner Ausstellung ganz analog auf gewebte Stoffe und Tücher - eine Tradition aus seiner Heimat Nigeria.

Dort wird Zeitgeschichte in Symbolen auf großflächige Tücher gewebt und die Erlebnisse der Menschen so langfristig konserviert. Der Brauch kommt aus der Igbo-Kultur. Emeka Ogboh erklärt die Symbolik an einem der sattgrünen Tücher, die in Handarbeit angefertigt wurden: "Wir haben das Symbol für den Lockdown, das sieht aus wie eine Gefängnistür. Dann haben wir das Symbol für Corona, das Symbol fürs Impfen, das aussieht wie eine Spritze. Und wir haben das Symbol für Hoffnung, das sind zwei Hände."

Ein gewebter Stoff (orange) hängt an der Dreikönigskirche in Frankfurt.

Die Tücher in Handarbeit herzustellen sei sehr zeitaufwändig und teuer. Gerade deshalb war es für den Künstler wichtig, sie in seine Kunstinstallation einzubauen. Auf den Tüchern ist die Geschichte des Jahres 2020 nun eingeschrieben und sie verbinden die deutsche und die nigerianische Kultur - trotz Abstand und Social Distancing.

4. Das Projekt verbindet jetzt, was 2020 noch getrennt war

Emeka Ogboh hat es selbst erlebt: Geschlossene Grenzen zwischen seinen beiden Heimatorten Berlin und Lagos haben das Jahr 2020 für ihn schwierig gemacht. Die Pandemie trennte ihn von einem Teil seiner Familie. Doch die Klanginstallation zeigt gleichzeitig, welch starke Verbindung zwischen den Kulturen entstehen kann - und zwar durch gemeinsames Singen. Die Hymne singen ein deutscher Kirchenchor und ein Chor aus Lagos.

Eigentlich sollten die Chöre sich treffen und gemeinsam singen. Die Pandemie jedoch ließ nur ein digitales Zusammenkommen zu. "Der Song wurde von 16 Menschen auf beiden Seiten performt", erklärt Ogboh: "Auf Englisch, Deutsch und Igbo." In seiner Hymne verwebt er die drei Sprachen zu einer gemeinsamen Komposition. So ist letztlich nicht mehr zu hören, dass die beiden Chöre räumlich mehrere tausend Kilometer trennen.

5. Das Projekt zeigt, dass 2020 mehr war als nur das Virus

Vom "Corona-Jahr" 2020 ist oft die Rede. Das Soundprojekt in Frankfurt zeigt, dass 2020 noch viel mehr passierte. Für den Künstler Emeka Ogboh ist "Protest" das wichtigste Schlagwort in der Hymne, dargestellt durch eine Faust auf den bunten Stoffen. "Es gab viel Protest, auf der ganzen Welt", sagt Ogboh. "Aber für mich waren die Proteste in Nigeria das größte Event 2020. Dort, wo ich herkomme. Dort wurden sogar Protestierende vom Militär erschossen."

Auch George Floyd, dessen Mord durch Polizisten der Auslöser für die neu aufflammende Debatte über Rassismus in den USA war, war eines der zentralen Schlagworte für 2020, die das Projekt aufgreift.

Was die Zuhörenden letztlich mit den künstlerisch gewebten und gesungenen Symbolen und Schlagworten verbinden, das bleibe jedem selbst überlassen, sagt Ogboh. "Da stecken ganz viele Geschichten drin. Es sind die Geschichten von zwei Kulturen. Geschichten von 2020, Geschichten aus unserem Leben. Und es ist das, was wir daraus machen."

Weitere Informationen

Klanginstallation "This too shall pass"

Vom 9. Juli bis zum 3. Oktober 2021
An drei Orten in Frankfurt:
An der Fried-Lübbecke-Anlage (täglich 8 bis 22 Uhr)
Am Main (Sa und So 10 bis 18 Uhr)
In der Dreikönigskirche (Mo 13 bis 18 Uhr, Di bis Fr 10 bis 18 Uhr, Sa 10 bis 15 Uhr)
Zu der Ausstellung gibt es ein Begleitprogramm, unter anderem an der Mole am Westhafen.

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