Ausgrabungen Hanau Gräber
Der spektakulärste Fund ist ein Grab, in dem sechs Menschen gemeinsam beerdigt wurden. Bild © Sascha Piffko - Archäologische Untersuchungen

Auf einer Baustelle für ein neues Wohngebiet in Hanau haben Wissenschaftler 5.000 Jahre alte Gräber entdeckt. Besonders ein Fund gibt den Forschern Rätsel auf: Ein Grab, in dem sechs Menschen gemeinsam beerdigt wurden, auffällig liebevoll arrangiert.

Videobeitrag
hessenschau

Video

zum Video Grabstätte aus der Jungsteinzeit entdeckt

Ende des Videobeitrags

Eng umschlungen sind die beiden Skelette im Grab drapiert, fast sieht es aus, als würden sie sich küssen. Direkt neben den beiden liegen die sterblichen Überreste eines Kindes. Auf der anderen Seite sind weitere Knochen sichtbar, sie stammen von einer Frau und zwei Kleinkindern. Eins liegt am Rücken der Frau, das andere an ihrem Bauch. Eine Kette umschließt alle drei.

Für Archäologin Marthe Gundelach, die bei der Entdeckung dieser Grabstätte in Hanau (Main-Kinzig) dabei war, ist dieser Fund ein einmaliger Glückstreffer. "Das ist sehr spannend, sowas hat man wahrscheinlich nur einmal im Leben. Vor allem dieses liebevolle Arrangement bringt einen ein Stück weit persönlich an diese Menschen heran."

Ungewöhnliche Grabstätte

Das Grab mit den sechs so auffällig angeordneten Personen ist der spektakulärste Fund auf der Baustelle im Hanauer Stadtteil Mittelbuchen, auf der ein neues Wohnviertel entsteht. Schon erste Voruntersuchungen hatten darauf hingedeutet, dass die Erde dort archäologische Funde birgt.

Ausgrabungen Hanau Gräber
Skizze der gemeinsamen Grabstätte Bild © Sascha Piffko - Archäologische Untersuchungen

Bei ihren Ausgrabungen entdeckten die Wissenschaftler auf dem ehemaligen Acker 18 Gräber mit insgesamt 24 Skeletten. Alle stammen aus der Jungsteinzeit und sind damit rund 5.000 Jahre alt sind. Zu dieser Zeit wurden die Menschen schon auf speziell dafür ausgelegten Flächen begraben, ähnlich zu unseren heutigen Friedhöfen.

Dass mehrere Personen gemeinsam in ein Grab gelegt wurden, ist untypisch für diese Zeit und gibt den Forschern noch Rätsel auf. "Bisher haben wir keine Indizien, ob die Leute verwandt sind. Sie sind auf jeden Fall einer Gemeinschaft zugehörig, sonst hätte man sie nicht zusammen bestattet. Aber letzten Endes können wir noch nichts über die persönlichen Verhältnisse sagen", erklärt Anthropologin Chiara Girotto. Auch die besondere Anordnung der Skelette sei auffällig.

Gleichzeitig bestattet

Nun hoffen die Wissenschaftler, dass sie aus den Knochen genügend DNA für weitere Untersuchungen gewinnen können, um zu erfahren, ob die sechs Personen zu einer Familie gehörten. Sicher scheint bisher nur, dass sie entweder zeitgleich oder kurz nacheinander begraben wurden.

Ausgrabungen Hanau Gräber
Insgesamt haben die Archäologen 18 Gräber entdeckt. Bild © Sascha Piffko - Archäologische Untersuchungen

Woran sie starben, ist noch offen, sagt Chiara Girotto. "Es gibt keine offensichtlichen Zeichen dafür, dass die Leute zum Beispiel ermordet wurden. Die meisten Krankheiten kann man nicht so schnell erkennen, besonders die, die einen sehr schnell hinraffen wie eine Grippeepidemie oder die Pest."

Auch die 18 weiteren Skelette, die das Forscherteam auf der Baustelle entdeckt hat, werden nun untersucht, unter anderem auf Alter und Geschlecht. Das soll weitere Rückschlüsse ermöglichen, wie die Menschen damals lebten, erklärt die Anthropologin. "Wir hoffen darauf, so ein bisschen was über die Bevölkerung an sich zu erfahren. Wie viele Kinder und Erwachsene gab es? Was war das durchschnittliche Sterbealter? Und wenn wir weiterkommen, stellt sich auch die Frage: Welche Krankheiten gab es und wie häufig waren sie?"

Hoffen auf weitere Funde im nächsten Jahr?

Mit etwas Glück könnten die Wissenschaftler im nächsten Jahr noch weitere archäologische Schätze finden, denn dann wird der Boden im zweiten Bauabschnitt des Wohnviertels abgesucht. Voruntersuchungen lassen auch hier darauf schließen, dass sich unter der Erde weitere Gräber verbergen könnten.

Gräber Hanau Junsteinzeit
Das Baugebiet liegt in Hanau-Mittelbuchen Bild © Sascha Piffko - Archäologische Untersuchungen

Verzögern werde sich der Bau der Häuser und Wohnungen dadurch nicht, sagt Wolfgang Ries, Vorstand der zuständigen Baugesellschaft Bien-Ries AG. Denn man arbeite bei solchen Projekten sehr vorausschauend. "Wir informieren die Landesdenkmalbehörde schon lange bevor wir das Grundstück kaufen. Es gibt dort schon Verdachtskarten, wo man sagen kann, da könnte etwas sein. Das ist eine sehr enge Zusammenarbeit." Da die Grabungen sehr zügig voran gingen, könnten die ersten Kunden wie geplant Ende 2019 einziehen.