Lina Habicht und Jules Elting sind Unterzeichner von #actout

185 Schauspielerinnen und Schauspieler haben sich unter #actout gemeinsam geoutet. Sie fordern mehr Akzeptanz und Sichtbarkeit - auch in der Branche. Unter ihnen sind auch hessische Vertreter.

Audiobeitrag

Podcast

Zum Artikel auf hr-inforadio.de #actout – Coming Out in der Kulturszene

LGBTQ - Regenbogenfahne
Ende des Audiobeitrags

Lina Habicht hatte gerade ihr Coming Out - zumindest ihr öffentliches. Was sie in ihrem Privatleben schon länger offen lebt, will die Schauspielerin vom Hessischen Staatstheater Wiesbaden jetzt auch auf beruflicher Ebene tun. Deshalb ist sie eine der 185 Unterzeichnerinnen und Unterzeichner der Kampagne #actout, die sich vergangene Woche in der Süddeutsche Zeitung gemeinsam outeten und mehr Anerkennung in Theater, Film und Fernsehen forderten.

"Ich habe keine drei Sekunden darüber nachgedacht, weil ich es für einen sehr wichtigen Schritt halte", sagt Habicht über die Entscheidung, an der Aktion teilzunehmen. Im Job spiele sie zu 98 Prozent heterosexuelle Frauen. Sie könne zwar unterschiedliche Rollen ausfüllen. "Oftmals fühle ich mich aber nicht ernst genommen mit meiner Form der Sexualität", erklärt sie.

Kaum Rollen abseits heterosexueller Standards

So wie Habicht geht es auch den anderen Filmschaffenden, die die Aktion unterstützen. Unter den Unterstützern finden sich prominente Namen wie Ulrich Matthes, Maren Kroymann und Ulrike Folkerts. Ihr Ziel: eine Debatte über fehlende Diversität im Bereich Schauspiel anstoßen. Sie berichten von negativen Erfahrungen in der Branche bezüglich ihrer sexuellen Orientierung und Identität und kritisieren, es gebe schlicht zu wenige Rollen abseits des heteronormativen Standards.

Habicht findet, lesbische junge Frauen würden in der Schauspielszene oft verniedlicht, teilweise werde ihre sexuelle Orientierung sogar provokativ aufgefasst. "Also passen wir uns der Heterorolle an und fallen nicht besonders auf", folgert sie. So wünsche sie sich mehr eigenständige Frauenfiguren, mehr Thematiken rund um Identität und sexuelle Orientierung - und dass diese Felder nicht immer als "Problemthema" dargestellt werden.

Weitere Informationen

Non-binäre Menschen identifizieren sich mit keinem Geschlecht

Weil die Pronomen "sie" und "er" in der deutschen Sprache geschlechtsbezogen sind, bevorzugen Non-binarys es, ausschließlich mit ihrem Namen angesprochen zu werden oder benutzen andere Begriffe, zum Beispiel "sie/er" oder das englische "they/them". Jules Elting benutzt für sich keine Pronomen, weshalb wir auch in diesem Artikel darauf verzichten.

Ende der weiteren Informationen

Jules Elting hat zwar schon oft queere Rollen gespielt - allerdings immer in absoluten Ausnahmesituationen: im Weltraum oder als fantastische Figur. Immer ganz weit weg von der Gesellschaft. Elting ist in Frankfurt aufgewachsen und wirkt in internationalen Filmproduktionen mit - als Schauspieler*in. Eine selbstgewählte Bezeichnung, denn Elting ist non-binär und fühlt sich weder dem weiblichen noch dem männlichen Geschlecht zugehörig. "Ich würde mir wünschen, mal einen Menschen porträtieren zu dürfen, der in dieser Welt lebt, so wie ich auch. Mit der Identität, die die Person hat, als selbstverständlicher Teil der Gesellschaft und nicht als eine alienhafte Andersartigkeit", so Elting.

Filmbranche muss vielfältige Gesellschaft abbilden

Hierzulande sieht Elting besonderen Nachholbedarf: "Ich habe noch nie eine non-binäre Figur im deutschen Fernsehen oder Film gesehen. Das ist traurig, denn es gibt uns und wir sind nicht wenige." Die Kampagne #actout sei für die Gruppe der Schauspielerinnen und Schauspieler auch deshalb eine unglaubliche Erfahrung, weil sie nun Gespräche führen könnten mit Menschen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Eine Unterhaltung ist bei Elting besonders hängengeblieben: "Die Mutter eines Transgender-Kindes hat gesagt: 'Ich hoffe so sehr, dass mein Kind aufwächst und nicht denkt, es ist falsch und dass es Menschen oder Geschichten sieht, die belegen: Ja, du bist Teil dieser Gesellschaft und du bist okay, so wie du bist'."

Denn auch darum geht es bei #actout: darauf aufmerksam zu machen, dass Rollen und Figuren in Filmen oder Theaterinszenierungen die Gesellschaft noch nicht in ihrer Vielfalt abbilden. Dafür gibt es aktuell viel Zuspruch - nicht nur von Privatpersonen. Auch der Bundesverband Schauspiel und der Verein Pro Quote Film stellen sich hinter die Forderungen der Initiatorinnen und Initiatoren. Das erste Ziel der Kampagne ist damit erfüllt: Eine Debatte ist angestoßen. Als nächstes muss die Branche Taten folgen lassen.

Sendung: hr-iNFO, 12.02.2021, 20:35 Uhr