Wo beginnt der Antisemitismus, wo endet die Kunstfreiheit? Die documenta 15 steht wegen palästinensischer Teilnehmer in der Kritik und plant nun ein Diskussionsforum. Gut so! Aber das reicht nicht, meint unsere Redakteurin Tanja Küchle.

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Allerdings, documenta: "We need to talk!"

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Da prallen mächtige Gegner aufeinander, mit gewichtigen Ansprüchen auf die Deutungshoheit. Hier die Streiter gegen den Antisemitismus. Dort die Verteidiger der Kunstfreiheit. Es wird ein spannender Kampf - und ein äußerst relevanter. Die documenta darf Künstlerinnen und Künstlern auf keinen Fall ein Forum bieten, um anti-semitische oder anti-zionistische Positionen zu verbreiten.

Aber die Politik in Person von Kulturstaatsministerin Claudia Roth (Grüne), darf auch nicht in die Kunstfreiheit eingreifen, sofern die besagte Kunst nicht gegen Gesetze verstößt. Das tut sie nur im Falle der Volksverhetzung, wozu auch aggressiv verbreiteter Antisemitismus gehören kann. Genau das, Israel- und Judenfeindlichkeit, werfen Mitglieder des "Bündnis gegen Antisemitismus" aus Kassel einer Gruppe aus Palästina vor.

Doch kaum einer kann schon zu diesem Zeitpunkt gesichert sagen, inwiefern mit ihrer jemals irgendwo irgendwann geäußerten Israelkritik oder Sympathie für die Boykottbewegung BDS der Schritt zum Antisemitismus vollzogen worden ist: von Mitgliedern der documenta-Leitung, des Beirats, der Findungskommission oder von zur documenta eingeladenen Künstlerinnnen und Künstlern oder Kollektiven. Geschweige denn, dass klar wäre, wie die präsentierte Kunst auf der documenta genau aussehen wird.

Diskussionsforum kann Bereicherung für documenta sein

Die documenta-Leitung begegnet den Antisemitismus-Vorwürfen daher mit einem Forum, das sie in Absprache mit der Stadt Kassel und dem Land Hessen angekündigt hat, und das "zeitnah" umgesetzt werden soll. Unter dem Motto "We need to talk!" sollen Experten aus Holocaust- und Antisemitismusforschung, aus Rassismus- und Kolonialismusforschung, der Rechtswissenschaft, Künstler und weitere Fachleute eingeladen werden, um die Grenzen von Kunstfreiheit und Antisemitismus zu diskutieren.

Dieses Forum bereichert die 15. documenta sogar. Denn es nimmt eine Debatte ins Programm auf, die nicht geplant war, die aber in der Kunst- und Kulturszene seit längerem schwelt. Denn die anti-israelische Boykottbewegung BDS hat in der Kunst- und Kulturszene besonders viele Anhänger, vor allem in den USA und Großbritannien. Daneben werden auch antisemitische Narrative in postkolonialen Diskursen zu Recht regelmäßig problematisiert. Eine wirklich große, gebündelte Debatte aber gab es bisher hierzulande nicht.

Vernünftiger Faktencheck muss sein

Doch die documenta 15 braucht noch etwas viel dringender als die Metaebene eines internationalen Forums. Sie braucht jetzt eine neutrale Jury, die sehr genaue Faktenchecks vornimmt, um den konkreten Vorwürfen gegenüber einzelnen Personen auf den Grund zu gehen und sie, wenn möglich, zu entkräften. Vieles erwies sich nämlich nach wenigen Klicks durchs Internet als falsch oder zumindest dem Kontext entrissen. Nur so lässt sich zeigen, was hier wirklich Sache ist - oder bloß inszeniert.