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Audioseite Afghanische Künstler in Gefahr

Hunderte von Menschen vor dem internationalen Flughafen in Kabul, Afghanistan (Bild vom 17.08.21) (AP)

Das Zeitfenster für Evakuierungen aus Afghanistan schließt sich, umso größer ist die Angst, dass Menschen vergessen werden. Gerade Künstler hätten keine Lobby, sagt Elke Gruhn vom Wiesbadener Kunstverein und richtet einen dramatischen Appell ans Auswärtige Amt.

Yama Rahimi hängt seit Tagen am Telefon und im Internet. Unentwegt spricht der afghanische Künstler mit Kolleginnen und Kollegen in seiner Heimat - zumindest wenn dort nicht gerade wieder Internet und Stromnetz zusammengebrochen sind. "Seit gestern Abend habe ich mehr als 30 Künstler kontaktiert, die wollen alle raus", erzählt Rahimi, Student an der Hochschule für Gestaltung in Offenbach.

Gerade Künstlerinnen und Künstler zitterten um ihr Leben. Dass viele von ihnen sowie ihre Familien von den Taliban bedroht werden, weiß auch Elke Gruhn, Leiterin des Nassauischen Kunstvereins in Wiesbaden. Die Lage werde immer dramatischer, sagt sie: "Die Künstlerinnen und Künstler berichten, dass sie ihre Werke zerstören, dass ihre Familienangehörigen ihre Werke zerstören. Sie wollen ihre Spuren löschen und ihre Familien schützen."

Liste ans Auswärtige Amt geschickt

Yama Rahimi

Gruhn steht seit 2015 mit afghanischen Künstlerinnen und Künstlern in engem Kontakt. Die Direktorin des Nassauischen Kunstvereins zeigte Arbeiten bedrohter und geflohener Künstler, darunter auch die Werke von Yama Rahimi. Sie versucht nun, so wie Rahimi, Kunstschaffende zu retten.

Sie hat dem Auswärtigen Amt eine Liste mit 125 Namen geschickt - von Menschen, die in Lebensgefahr schweben und gerettet werden müssen. "Aktuell sind ja sehr viele Menschen akut bedroht in Afghanistan, aber gerade die Künstlerinnen und Künstler trifft es besonders hart, denn sie haben keine Lobby", betont Gruhn. Viele seien wiederum so bekannt, dass sie sich kaum verstecken könnten. "Darüber hinaus gibt es auch ihr Werk, das unmittelbar als Beweismittel gegen sie verwendet werden kann."

"Taliban suchen Leute"

Wie brenzlig die Lage für Kunstschaffende in Afghanistan ist, weiß auch Sara Nabil. Sie ist ebenfalls Künstlerin im Exil, ebenfalls aus Offenbach, wo sie an der Hochschule für Gestaltung studiert. Auch sie versucht ihren Landsleuten zu helfen. "Sie haben ihre Wohnung gewechselt, weil sie nicht mehr sicher sind, und sie haben große Angst weil die Taliban schon angefangen haben, die Leute zu suchen", berichtet sie.

Sara Nabil

Ein Angehöriger eines Journalisten der Deutschen Welle sei bereits ermordet worden, und das gleiche Schicksal erwarte viele Künstlerinnen und Künstler. Derzeit spitzt sich die Lage zu, denn das Zeitfenster für Evakuierungen schließt sich voraussichtlich Ende August. Wer nicht in Kabul ist, hat kaum eine Chance, noch ausgeflogen zu werden.

Erinnerung an gesprengte Buddhastatuen

Umso dringlicher müsse das Auswärtige Amt intervenieren, sagt Elke Gruhn vom Kunstverein in Wiesbaden, auch wenn die Lage immer komplizierter werde. "Es werden Kontakte auf den Telefonen gelöscht, E-Mails gelöscht, Fotos gelöscht", betont sie. Mit den Werken werde "eine ganze Generation von Kultur ausgelöscht. Mit der documenta 2012 durften wir ja alle erfahren, welche hohe Qualität gerade auch im zeitgenössischen Bereich in der afghanischen Kunst zu finden ist. Es ist ein schrecklicher Verlust."

Nicht nur in Kabul, das 2012 sogar "Außenposten" der documenta war, rechnen Kunstschaffende mit dem Schlimmsten. Wie wenig Respekt die Taliban vor nicht genehmer Kultur haben, sollte spätestens seit der Sprengung der legendären Buddhastatuen von Bamiyan im Jahr 2001 klar sein.

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