Gernot Minke und die Kuppel seines Wohnhauses.

Friedhof und Grabstein sind nichts für Gernot Minke. Der Architekt und Künstler plant sein eigenes Grab auf dem Waldgelände der Künstler-Nekropole in Kassel. Sein Traum: dass sich Menschen, Wandergruppen und Chöre hier treffen. Ein Interview.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Die Künstlernekropole in Kassel

Künstlernekropole Kassel - das aus Stahlplatten bestehende Grabmal des Künstlers Ugo Dossi.
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Helle Kiesel weisen den Weg zum Wohnhaus von Gernot Minke in der Ökosiedlung in Kassel. Hinter einer Wand aus Pflanzen taucht eine schmale Holztür mit einer messingfarbenen Klingel auf. Im Haus spannt sich hoch oben über dem Kopf ein riesiger Kuppelbau aus Lehm. Man spürt sofort die Temperaturveränderung, es duftet nach Erde. Durch die große Glaskuppel im Gewölbe fällt sanftes Tageslicht, Ruhe breitet sich aus.

Minkes Haus ist ein besonderer Ort. Diese Erfahrung machen derzeit nur die Gäste des 84-Jährigen, doch das wird sich ändern. Denn Minke plant einen weiteren Kuppelbau: sein eigenes Grabmal in der Kasseler Künstler-Nekropole. Dieses soll eine Begegnungstätte für Menschen werden. Der Architekt und Künstler hat Jahrzehnte an der Universität Kassel gelehrt, 2017 bei der documenta14 ausgestellt und Bücher geschrieben. Er gilt als Lehmexperte und hat mehr als fünfzig Lehmbauten weltweit errichtet - ein weiteres kommt jetzt in Kassel dazu.

hessenschau.de: Wie fühlt sich das an, sein eigenes Grab zu schaufeln?

Gernot Minke: Ich schaufele nicht selber, das überlasse ich meinen Nachkommen. Ich beschäftige mich dann gar nicht mehr damit. Ich überlasse ihnen meinen Wunsch, meine Asche da zu begraben.

Ich baue kein Grabmal für mich, ich baue eine Begegnungsstätte für die Öffentlichkeit. Es ist kein großer Unterschied, ob ich meine Asche unter einem Baum irgendwo etwas weiter weg begraben lasse, in einem Friedpark oder dort. Ich bin genauso in der Natur. Der Kontakt mit der Natur ist mein Antrieb.

hessenschau.de: Was sagt Ihre Familie dazu, dass Sie sich in der Künstler-Nekropole beerdigen lassen wollen?

Minke: Die finden das richtig gut, dass ich das so mache und mir nicht irgendwo einen Grabstein hinsetzen lasse. Ich wollte nicht auf einem Friedhof begraben werden mit so einem Granitstein davor.

hessenschau.de: Was kommt für Sie nach dem Tod?

Minke: Es ist ganz sicher, dass da was kommt. Aber eine genaue Vorstellung habe ich nicht. Und die brauche ich auch nicht, jedenfalls bedrückt mich das nicht. Ich bin da - noch zumindest - ganz zuversichtlich, dass es eher schöner wird nach dem Tod.

hessenschau.de: Ihr Grabmal wird begehbar sein - wie kann man sich das vorstellen?

Minke: Es wird auf einer Lichtung stehen und hat eine Kuppel ähnlich der Räume, in denen ich wohne. Die Kuppel wird einen runden Eingang haben und man muss sich etwas bücken, um reinzugehen. Wenn man sich dann streckt, erlebt man den Raum. Das ist für mich sehr wichtig. Denn nur so kann man den Raum auch in seiner Höhe richtig erleben.

Oben ist der Raum offen. Man kann die Vögel hören, die Wolken sehen. Rundherum sind 24 Sitze, so dass sich eine größere Gruppe, eine Wander- oder eine Sängergruppe dort treffen kann. Es soll ein Treffpunkt oder ein Ruhepunkt sein. Man kann sich dort hinsetzen und meditieren.

Dass meine Asche da irgendwo liegt, interessiert mich eigentlich gar nicht. Ich möchte diesen Raum schaffen und die Chance haben, ein Gebäude für die Öffentlichkeit zu bauen.

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Die Künstler-Nekropole in Kassel

Die Künstler-Nekropole im Kasseler Habichtswald liegt im Stadtteil Harleshausen. Hier entwerfen Künstlerinnen und Künstler zu Lebzeiten ihr eigenes Grabmal und lassen sich dann dort bestatten. Die Bedingung für ein Grabmal auf dem 6.000 Quadratmeter großen Waldgelände ist ein documenta-Bezug der Kunstschaffenden. Nach neun Jahren Pause werden Minke und E. R. Nele, die Tochter des documenta-Gründers Arnold Bode, dort ihre Grabkunst errichten. Erst kürzlich war mit dem Gedenkzeichen für den zweifachen documenta-Leiter Manfred Schneckenburger das zehnte Kunstwerk errichtet worden.

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hessenschau.de: Was fasziniert Sie so an Lehmkuppeln?

Minke: Sie haben eine andere Energie. Das kann man nicht erklären, das muss man spüren. Man spürt eine Geborgenheit, ohne den Charakter einer Höhle zu haben. Wenn die Kuppel oben geschlossen wäre, würde man wie in eine Höhle gehen. Hier hat man den Kontakt zum Himmel, zum Kosmos, und das ist etwas ganz anderes. So etwas erlebt man normalerweise nicht in Gebäuden.

hessenschau.de: Sie bauen einen Kuppelbau für die Künstler-Nekropole und haben 2017 bereits einen für die documenta errichtet - welcher Bau bedeutet Ihnen mehr?

Minke: Am Wohlsten fühle ich mich in meinem eigenen Haus. Hier habe ich fünf solcher Lehmkuppeln - große und einige kleinere. Zwei Kindergärten, die ich gebaut habe, liegen mir sehr am Herzen, auch weil ich weiß, dass die Betreuerinnen sehr zufrieden sind. Die hatten vorher ein Holzhaus mit einer furchtbaren Akkustik und sind jetzt in diesen Räumen. Sie haben gemerkt, dass die Kinder sofort ruhiger sind, nicht mehr so schreien. So hat diese Raumwirkung auch eine Wirkung auf das Verhalten von Kindern. Und von Erwachsenen auch. Man kann in solchen Räumen sehr gut konzentriert Musik hören und meditieren.

Die Bauten für die documenta und die Künstler-Nekropole sind völlig verschieden. In der Nekropole ist die Kuppel oben offen. Das ist viel stärker in die Natur integriert und hat einen größeren Eingang, der für mich sehr wichtig ist. Auf der documenta war der Eingang so ein Schlupf und innen gab es Musik, die extra dafür komponiert wurde. Das war schon etwas anderes.

Gernot Minke in seinem Wohnhaus, einem Lehmkuppelbau.

hessenschau.de: Sie haben mit Stroh gebaut, mit alten Autoreifen und immer wieder mit Lehm. Was zeichnet den Baustoff Lehm aus?

Minke: Am Lehm bin ich kleben geblieben. Ich habe alle paar Jahre das Thema gewechselt, wenn ich genug wusste und es nichts Neues mehr für gab, was mich noch faszinierte. Lehm ist der einzige Baustoff, den man einfach ausgräbt und damit baut.

Man muss natürlich auf die Zusammensetzung achten und ein bisschen Sand dazu mischen, aber es ist ein natürlicher Baustoff und man kann ihn immer wieder verwenden. Er belastet die Umwelt nicht, das ist schon faszinierend. Und wenn man ihn so gestaltet, dass er wettergeschützt ist, dann hält er Jahrtausende.

hessenschau.de: Sie werden "Lehmbaupapst" genannt, ihr Werk "Bibel des Lehmbaus" - warum hören Sie das nicht gern?

Minke: Das finde ich furchtbar. Mit der katholischen Kirche habe ich als Institution nicht so viel am Hut und diese Hierarchie und Struktur, die da durch den Papst und die Ebenen darunter aufgebaut sind, das stört mich einfach emotional.

Ich bin Lehmbauexperte, das ist okay, mehr muss ich auch nicht sein. Und ja, das Lehmbau-Handbuch wird "Bibel" genannt. Es wurde in zwölf Sprachen veröffentlicht und ist das Standardwerk. Aber muss man es dann "Bibel" nennen?

Das Gespräch führte Stefanie Küster.

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