Dokudrama zum Lübcke-Mord: Robin Sondermann spielt Lübckes mutmaßlichen Mörder Stephan Ernst.

Der Mord am Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke erschütterte Deutschland. Der hr hat den Fall nun verfilmt. Im Interview berichtet der aus Kassel stammende Regisseur Raymond Ley, wie nah ihm der Mord persönlich ging.

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hessenschau vom 04.12.2020
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Am 1. Juni 2019 gegen 23.30 Uhr fällt in Wolfhagen-Istha (Kassel) ein Schuss, der eine Zäsur in der Bundesrepublik bedeutet. In dieser Nacht wird der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke ermordet. Eine DNA-Spur führt die Ermittler zu dem mutmaßlichen Schützen, dem vorbestraften Rechtsextremisten Stephan Ernst.

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ARD-Film

Das Dokudrama ist in der ARD-Mediathek abrufbar. Das Erste strahlt den Film am 4. Dezember um 22.15 Uhr aus.

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Dieser erste Mord an einem deutschen Politiker durch einen Rechtsextremisten in der Nachkriegszeit ist Grundlage für das Dokudrama "Schuss in der Nacht - Die Ermordung Walter Lübckes". Der Film mischt szenische Elemente mit dokumentarischem Material und basiert auf intensiven Recherchen und Gesprächen mit Beteiligten vor Ort. Regie führte Raymond Ley ("Meine Tochter Anne Frank"). Warum er in dem Fall ein massives Behördenversagen sieht, erklärt er im Interview.

hessenschau.de: Herr Ley, wie kamen Sie darauf, ein so sensibles Thema in ein Dokudrama zu verwandeln?

Raymond Ley: Ich komme aus Kassel und ich fand es mehr als interessant, die Orte meiner Kindheit aus einem ganz anderen Blickwinkel zu sehen - eine dunklere Seite Kassels zu betrachten. Ich habe vorher schon in Kassel recherchiert, wegen unseres Films über Beate Zschäpe. Ein NSU-Mord ist ja in Kassel 2006 passiert. Und so fand ich es noch einmal wichtig, mich für ein Projekt einzusetzen, das über die Ermordung Walter Lübckes berichtet.

hessenschau.de: Und wie sind Sie bei der Recherche vorgegangen?

Ley: Wir haben versucht, nahe an die Familie ranzukommen, auch mit unmittelbaren Freunden, mit politischen Wegbegleitern zu sprechen. Ich wollte auch mit Vertretern der örtlichen CDU sprechen, um zu sehen, wie Lübckes Worte in Lohfelden wahrgenommen wurden, wie man dort die Flüchtlingskrise 2015 sieht. Bei einer Bürgerversammlung dort ist er 2015 von Pegida-Mitgliedern aus Kassel attackiert worden.

Dokudrama zum Lübcke-Mord: Schauspieler Joachim Król ist der Ermittler Norbert Bartels.

Sie hatten ihn provoziert, so dass er letztendlich sagte: "Es lohnt sich in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten. Und wer diese Werte nicht vertritt, kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Das ist die Freiheit eines jeden Deutschen." Also, da haben wir den Recherchebogen schon sehr weit gespannt - haben dann mit Feuerwehrleuten, Pfarrern, Lokalpolitikern und Weggefährten und anderen Interviews geführt.

hessenschau.de: Haben Sie auch mit der Witwe gesprochen?

Ley: Die Familie hat sich ja bisher - zurecht - meist jeder Berichterstattung verweigert und nur über ihren Anwalt Verlautbarungen herausgegeben. Ich hatte zwar ein Hintergrundgespräch mit einem der beiden Söhne verabredet, aber dann begannen die Vorbereitungen für den Prozess und die Familie war an anderer Stelle sehr gefordert. Ich kann ohne weiteres verstehen, dass man sich da zurückzieht.

hessenschau.de: Es ist wahrscheinlich sowieso schwierig, zu recherchieren, solange der Prozess noch läuft. Konnten Sie mit dem mutmaßlichen Täter, Stephan Ernst, sprechen?

Ley: Wir haben den Prozess in Frankfurt sehr eng beobachtet und uns dem ersten Geständnis gewidmet, was in kompletter Länge dort vorgeführt wurde. Und seine erste Vernehmung ist ein ganz zentraler Bestandteil des Films. Seine Position wird also mehr als deutlich. Natürlich geht es in diesem Geständnis darum, wer die Tat verübt hat, aber natürlich auch um die Motivation von Stephan Ernst. Seine rassistische Grundierung ist aus dem ersten Geständnis sehr gut herauszulesen: Wie er sich permanent motiviert, auf den Bürgerkrieg vorbereitet, sich bewaffnet hat und Herrn Lübcke als jemanden sieht, der für dies alles verantwortlich ist inklusive der Flüchtlingskrise 2015.

Regisseur Raymond Ley im Interview, Skyline im Hintergrund

hessenschau.de: Sie gelten mittlerweile als Spezialist für Dokudramen. Was ist für Sie der Reiz an dieser Form?

Ley: Ich glaube, wir machen eigentlich eher Fernsehfilme mit einer starken journalistischen Grundierung. Wir machen zum Teil Filme, die zu 80 Prozent aus Inszenierungen bestehen. Wir gucken also eher auf das politische und menschliche Drama. Was ich an der Form "Dokudrama" schätze, ist die Verbindung ins Authentische.

hessenschau.de: Wenn Sie journalistisch herangehen: Gab es Momente, in denen Sie nicht weiterkamen oder in denen es Schwierigkeiten gab, mit denen Sie nicht gerechnet haben?

Dokudrama zum Lübcke-Mord

Ley: Ja. Es war eine extreme Situation, dass Stephan Ernst sein Geständnis widerrufen und seinen Kompagnon komplett belastet hat - was sich dann nachher als Märchengeschichte seines zweiten Anwalts herausgestellt hat. Und darauf mussten wir uns natürlich einstellen. Wir adaptieren die Geschichten ja aus der Realität, also müssen wir deren Veränderung beachten - auch dass Stephan Ernst sich in seinem dritten Geständnis wieder extrem selbst belastete und seinem Mitstreiter Markus H. nun eine Nebenrolle zuwies.

hessenschau.de: Apropos Realität - Sie sagten, Sie haben viel in Kassel recherchiert, wo Sie aufgewachsenen sind. Wie nah geht Ihnen so ein Fall?

Ley: Das hat mich schon sehr "beeindruckt", die sogenannte "Motivation" des Täters. Natürlich auch die Haltung Walter Lübckes, wie relativ selbstlos er sich für Geflüchtete eingesetzt hat und auch dann, als der Druck auf ihn größer wurde, diese Haltung nicht verändert hat. Dass dies alles in der Stadt oder Gegend meiner Kindheit stattgefunden hat und stattfindet - das fand ich schon absurd und auch erschreckend.

hessenschau.de: Haben Sie selbst in Ihrer Jugend auch rechte Tendenzen in Kassel bemerkt?

Ley: Ich bin vor dreißig Jahren da weggegangen, aber empfand das rechte Milieu nie als tonangebend in der Stadt. Aber ich habe vielleicht auch eher in einer Kunststudentenblase gelebt und das weniger beachtet. Dass wir hier Anfang der 2000er Nazis auf der Straße hatten, große Auseinandersetzungen, eine starke NPD in der Stadt, dass Halit Yozgat von den NSU-Terroristen ermordet wurde, dass Walter Lübcke starb durch jemanden - immerhin hat er es gestanden -, der aus einem kleinen Kaff in der Nähe von Kassel kommt, dass jemand mit seinem Rassismus im Kopf auf den Tag wartet, wo er sich rächen kann, das hat mich schon überrascht und auch berührt, ja.

hessenschau.de: Es gab immer wieder Vorwürfe rund um den Lübcke-Prozess, es gäbe ein Behördenversagen.

Ley: Sicher gab es das. Man hat die Neonazis vor Ort zu lange machen lassen. Natürlich ist es eine Zumutung, dass jemand mit einer Agenda wie Markus H. einen Waffenschein bekommt - ohne dass die Behörden wach werden. Es ist mir auch nicht klar, warum man jemanden wie Stephan Ernst aus dem Fokus geraten lässt, mit so einem Vorstrafenregister: Zwölf Vorstrafen, von denen viele fremdenfeindliche Anlässe haben, Sachbeschädigung oder auch explizite Gewalttaten.

Die Behörden haben dazu auch ganz unterschiedliche Ansätze: Einerseits finden wir 2012 die Notiz, dass er brandgefährlich sein soll, dann finden wir wieder die Beschreibung, dass er während der NSU Ermittlungen längst 'out of focus' war. Ja was denn nun? Ist die Polizei den Rechtsradikalen nicht mehr gewachsen?

Natürlich haben wir das große Problem, dass wir sehr viel rechtsradikales Personal in Hessen haben. Wir haben so eine kleine Szene im Film, wo der Verfassungsschützer die Ermittler fragt: "Was sollen wir machen? Jedem eine Fußfessel anlegen, der rechts aufgefallen ist? Dann hätten wir ja viel zu tun." Ich meine, es gibt über 30.000 rechtsradikale Vorfälle bundesweit und da sind die natürlich auch maßlos überfordert.

hessenschau.de: Haben Sie denn, nachdem jetzt alle Recherchen abgeschlossen sind, ein Fazit zu dem Film oder dem Fall Lübcke?

Ley: Ja. Dass aus Häme schnell Hass und Verachtung wird. Da entsteht dann ein gesellschaftliches Klima, in dem auch mancher vielleicht meint, er sei berechtigt, zur Waffe zu greifen. Das ist das nüchterne und bittere Fazit.

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Das Lübcke-Zitat

"Es lohnt sich, in unserem Land zu leben. Da muss man für Werte eintreten und wer diese Werte nicht vertritt, der kann jederzeit dieses Land verlassen, wenn er nicht einverstanden ist. Es ist die Freiheit eines jeden Deutschen."

Diese Worte fand im Oktober 2015 der Kasseler Regierungspräsident Walter Lübcke während einer Bürgerversammlung in Lohfelden. Anlass für die Veranstaltung war die anstehende Eröffnung einer Flüchtlingsunterkunft im Ort, für die sich Lübcke eingesetzt hatte. Nachdem er während seiner Rede mehrmals von Kagida-Anhängern beleidigt und provoziert worden war, sagte er diese Sätze.

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Das Interview führte Yvonne Koch.

Sendung: Das Erste, 4. Dezember, 22.15 Uhr