Fassade der Alice-Solomon-Hochschule in Berlin mit Gomringers Gedicht
Sexistisch und chauvinistisch? Fassade der Alice-Solomon-Hochschule in Berlin mit Gomringers Gedicht Bild © picture-alliance/dpa

Ein Gedicht an einer Berliner Hochschul-Fassade hat für so viel Aufregung gesorgt, dass es überpinselt wird. Dafür soll "Avenidas" des Poeten Eugen Gomringer das neue PEN-Zentrum in Darmstadt zieren - als Symbol für die Kunstfreiheit.

"Alleen / Alleen und Blumen / Blumen / Blumen und Frauen / Alleen / Alleen und Frauen / Alleen und Blumen und Frauen und / ein Bewunderer" - So lautet das auf Spanisch verfasste relativ schlichte Gedicht "Avenidas" des 1925 in Bolivien geborenen Dichters Eugen Gomringer in der deutschen Übersetzung.

Heftige Debatten vorprogrammiert?

Diese wenigen Zeilen sollen nach dem Willen der Schriftstellervereinigung PEN bald eine Außenwand des neuen PEN-Zentrum auf der Darmstädter Mathildenhöhe zieren. Der Plan hat das Potenzial für neue heftige Kontroversen. Denn just dieses Gedicht auf der Fassade der Alice-Salomon-Hochschule (ASH) für Sozialarbeit in Berlin wird im Herbst auf Druck von Studierenden mit einem anderen Gedicht überpinselt.

Zur Begründung hieß es, Gomringers Verse würden von vielen Studierenden als "sexistisch und chauvinistisch" empfunden. Eine Einschätzung, die PEN so nicht teilt. Das Urteil der Kritiker beruhe auf einer einseitigen Interpretation des Gedichts und setze diese absolut, sagte Präsidiumsmitglied Heinrich Peuckmann der Berliner Tageszeitung "taz" (Freitagsausgabe) und fügte hinzu: "Das ist falsch."

"Künstler muss erst zustimmen"

Darum will das PEN-Zentrum Eugen Gomringers Alleen und Blumen und Frauen nun Asyl gewähren. "So ist der Plan", erklärte Peuckmann, der selbst Lyriker ist, am Donnerstag. "Doch das bedarf noch der Zustimmung des Präsidiums und des Künstlers selber."

Der Verband zieht in den kommenden Monaten von der Kasinostraße in der Darmstädter Innenstadt in ein neues Domizil auf der Mathildenhöhe - aus Platzgründen. "Unsere Aufgaben sind riesig geworden", so Peuckmann.

Lyrische Auseinandersetzung mit der Debatte

In Berlin ist das Nachfolgegedicht derweil schon gefunden. Die aus dem sächsischen Burgstädt stammende Lyrikerin Barbara Köhler hat es verfasst. Es greift die Debatte um Gomringers vermeintlich sexistische Verse inhaltlich auf.

"Barbara Köhler ist eine gute Lyrikerin", sagte Peuckmann der "taz". "Das ändert aber nichts an der Tatsache, dass das Gedicht von Gomringer hätte bleiben müssen."

Wird es auch, nur eben nicht mehr so großflächig, wie aus einer Mitteilung der ASH auf ihrer Internetseite hervorgeht. Auf einer 1x1,4 Meter großen Edelstahltafel im Sockelbereich des Gebäudes kann man sich in Berlin auch künftig an Gromingers Blumen, Alleen und Frauen erfreuen - wenn man will.

Weitere Informationen

Barbara Köhlers Gedicht

"SIE BEWUNDERN SIE / BEZWEIFELN SIE ENTSCHEIDEN / SIE WIRD ODER WERDEN GROSS / ODER KLEIN GESCHRIEBEN SO / STEHEN SIE VOR IHNEN / IN IHRER SPRACHE / WÜNSCHEN SIE IHNEN / BON DIA GOOD LUCK"

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