Lisa Bierwirth

Netflix sucht nach guten Drehbüchern - auch hierzulande. Doch wie schwierig es ist, Drehbuchautorin oder Drehbuchautor zu werden, erzählen drei Durchstarter aus Hessen. Sie haben es auf verschiedenen Wegen geschafft, ganz ohne Netflix.

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Drehbuchschreiben: Viele Wege führen zum Ziel

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Es klingt wie die ganz große Chance: Derzeit sucht die Streamingplattform Netflix Drehbuchautoren und -autorinnen und will junge Talente und Geschichtenerzähler fördern. Bis zum 1. Januar 2022 kann sich jeder und jede mit einer gut durchdachten Idee sowie einer Schreibprobe für das Mentoring-Programm bewerben. Doch wie wird man eigentlich Drehbuchautorin oder Drehbuchautor, wenn man nicht gleich bei Netflix landet?

Der "klassische" Weg über die Filmhochschulen

Lisa Bierwirth hat ihr erstes eigenes Drehbuch gerade erst in diesem Jahr verfilmt. Die 38-Jährige aus Hessisch Lichtenau (Werra-Meißner) hat mit diesem Debutfilm "Le Prince" gleich den Hessischen Kinopreis gewonnen. "Drehbuchschreiben ist ein schmerzhafter Prozess", sagt sie. Bis die Figuren wirklich "herausgeschält sind", müssten viele Fassungen geschrieben werden. Von 2017 bis 2019 hat sie nach eigenen Angaben so manche Drehbuchfassung in die Tonne getreten.

Bierwirth lernte ihr Handwerk an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB). Sie begreift sich als "Autorenfilmerin", also als Regisseurin, die ihre Drehbücher selbst schreibt und verfilmt - so wie prominente Kolleginnen und Kollegen wie etwa Wim Wenders, Doris Dörrie, Volker Schlöndorff oder Margarethe von Trotta. Allesamt Filmschaffende, die ihren eigenen Stil realisieren und die man an ihrer "Handschrift" erkennt.

Die DFFB ist eine von vielen renommierten Filmschulen in Deutschland. Der Vorteil, diesen klassischen Weg zu beschreiten, sei die gute Vernetzung durch die Hochschule. "Ich habe in Berlin Mentoren und gute Partner gefunden, die mich unterstützt haben", erklärt Bierwirth. Mit ihrer Professorin Valeska Grisebach ist sie inzwischen sogar befreundet. Von ihr hat sie viele Tipps bekommen und das Drehbuchhandwerk gelernt. Ein Tipp war zum Beispiel, auf "die eigene Intuition zu vertrauen und nicht zu hart mit sich selbst zu sein".

Quereinsteiger über die HessenFilm und Medien

Auch Dascha Petuchow hat gerade ihr erstes langes Drehbuch fertig geschrieben. Die junge Autorin hat an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden Kommunikationsdesign studiert, aber ihre Begeisterung fürs Drehbuchschreiben entdeckte sie dank eines Professors aus dem Filmbereich. "Im Endeffekt ist es wichtig, eine sehr klare Vision davon zu haben, was Du erzählen willst", beschreibt Petuchow ihren schöpferischen Prozess. Denn nur wer ein klares Bild vor Augen habe, könne auch überzeugen.

Dascha Petuchow

Sie begann eigene Kurzfilme zu schreiben und entwickelte schließlich ein Treatment - eine Art Vorversion eines Drehbuchs für einen langen Spielfilm. Den schickte Petuchow an die HessenFilm und Medien. Das ist der wichtigste Ansprechpartner in Hessen für alle, die mit dem Medium Film zu tun haben. Dort bewarb sie sich für das Drehbuchseminar.

Für Drehbücher gibt es kein Rezept

"Für ein gutes Drehbuch gibt es kein Rezept", sagt Christer von Lindequist. Lindequist ist langjähriger Drehbuchautor und berät die HessenFilm und Medien, sitzt dort in einem Gremium, das Nachwuchskräfte fördert. Er berät bei der Auswahl von Stipendiaten. "Stanley Kubrick hat einmal gesagt, der beste Weg einen Film zu machen, ist, einen Film zu machen". In diesen Ausspruch stecke viel Wahres, so Lindequist. Die Formel sei auf das Drehbuchschreiben übertragbar.

Julien Prévost

Mehr Quereinsteiger als Julien Prévost geht nicht: Der Franzose hat nach eigenen Angaben erst mit 45 Jahren das Drehbuchschreiben für sich entdeckt. 15 Jahre lang war er auf Reisen, arbeitete etwa als Flugbegleiter oder eröffnete ein Sprachcafé auf Kuba. Ab 2005 arbeitete er als Aufnahmeleiter für verschiedene Produktionsfirmen in Wiesbaden. Irgendwann habe er sich entschlossen, seine Erlebnisse aufzuschreiben und in ein Treatment mit dem Titel "Glücksritter" zu packen. Damit bewarb sich Prévost für eine Drehbuchförderung bei der HessenFilm und Medien.

Mit dem Fördergeld finanzierte er die erste Fassung seines Drehbuches, weitere fünf sollten folgen. "Drehbuchschreiben ist Arbeit, Schweiß und Tränen. Denn bis die Figuren authentisch wirken und funktionieren, wandern viele Fassungen in den Mülleimer". Heute ist Julien Prévost beim Verlag der Autoren unter Vertrag, einer Agentur für Film-, Fernseh- und Hörspielautoren mit Sitz in Frankfurt. "Glücksritter" wird jetzt mit Milan Peschel in der Hauptrolle verfilmt.

Viel Vorarbeit bis zum ersten Euro

Ob über die Filmhochschulen, oder auf individuellen Wegen - Drehbuchautoren müssen viel Vorarbeit leisten, bis tatsächlich Geld fließt. Denn erst wenn der Film verkauft und abgedreht wurde, wird bezahlt. Das ist in Deutschland, anders als in den USA, üblich. Junge Autoren bekommen etwa zwei Prozent des Filmbudgets für ihr Drehbuch.

Julien Prévost rechnet für seine "Glücksritter" mit rund 40.000 Euro für seine Arbeit, die er schon 2015 begonnen hat. Lohnt sich das? "Ja", sagt Prévost, denn heute, mit fast 50 Jahren, hat sich sein Traum vom Schreiben erfüllt, ein neues Projekt ist schon in der Pipeline. "Radioturm" ist der Titel des neuen Drehbuchs. Für das hat er sogar die "Sonderentwicklungsprämie des hessischen Filmpreises" gewonnen. Eine große Auszeichnung, die sich allerdings finanziell noch nicht bemerkbar macht.

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