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Audioseite Auftakt der 70. Bad Hersfelder Festspiele mit vier Premieren

Foto der Musical Urauffrührung "Goethe".

In dieser Corona-Saison ist vieles anders bei den Bad Hersfelder Festspielen. Eine Besonderheit: Gleich zu Beginn werden alle vier Premieren gezeigt. Eine Auftaktbilanz.

Ein Feuerwerk gibt es gewöhnlich erst am Ende der Bad Hersfelder Festspiele. Zur Eröffnung der 70. Jubiläumssaison zündeten die Macher des renommierten Freiluft-Theaterfestivals diesmal aber gleich zu Beginn ein paar kulturelle Kracher: vier Premieren an den ersten vier Tagen. Das Programm ist bis zum 8. August zu sehen. Intendant Joern Hinkel glaubt trotz Corona-Beschränkungen - wie etwa halbierte Zuschauer-Kapazität - an eine erfolgreiche Saison.

Programm mit Vielfalt

Nach der Eröffnung der Festspiele am Donnerstagabend mit der europäischen Erstaufführung des Dramas "Der Club der toten Dichter" folgten im abwechslungsreichen Start-Programm das Familienstück "Momo", die Uraufführung des Musicals "Goethe!" und die Komödie "Extrawurst". hessenschau.de stellt die drei zuletzt gezeigten Stücke vor:

Momo

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Audioseite "Momo" bei den 70. Bad Hersfelder Festspielen

"Momo" als Theaterstück bei Bad Hersfelder Festspielen
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Momo ist ein Kinderbuch-Klassiker von Michael Ende aus dem Jahr 1973. 1986 war der Stoff mit Radost Bokel im Kino zu sehen, ehe er 2013 auf der Bühne uraufgeführt wurde. Regisseur Georg Büttel gelingt in Bad Hersfeld ein fantasievolles und sehenswertes Theatererlebnis für die ganze Familie. Es ist eine Geschichte über die Kraft der Freundschaft und den Umgang mit der Zeit. Sie handelt von seltsamen Zeitdieben und vom Mädchen Momo, das den Menschen die gestohlene Zeit zurückbringt.

Verkörpert wird Momo von Janina Stopper. Ihre glaubwürdige Darstellung gerät angesichts des starken Ensembles beinahe in den Hintergrund. Denn wie schnell und sicher die zwölfköpfige Darsteller-Auswahl in diverse Rollen schlüpft, ist beachtlich. Beeindruckend ist auch, mit welcher Kreativität die Herausforderungen gemeistert werden beim Nachstellen der Filmszenen.

Die Schildkröte Kassiopeia etwa wird von Nadine Germann gespielt, die sich in einem Wagen mit Kröten-Look sitzend über die Bühne schiebt. Bühnen- und Kostümbild leisten insgesamt gute Arbeit. Eindrucksvoll sind auch die Zeitdiebe der grauen Herren. Eine Klasse für sich ist dabei Pia Kolb als deren kaltherzige Chefin. Kolb hat auch einen tollen Auftritt als Puppe mit besonderem Bewegungsrepertoire.

Goethe!

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Audioseite Musical "Goethe!" bei den 70. Bad Hersfelder Festspielen uraufgeführt

der Hauptdarsteller im Musical "Goethe" bei den Bad Hersfelder Festspielen
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Mit der Uraufführung des Musicals "Goethe!" beweist Regisseur Gil Mehmert ("Das Wunder von Bern" in Hamburg, zuletzt "Hair" in Bad Hersfeld) erneut seine Klasse. Er erklärt zur Uraufführung: "Den Titelhelden erleben die Zuschauer nicht als etablierten Klassiker, sondern als jungen Poeten in seiner Sturm-und-Drang-Phase." Verkörpert wird der Schöngeist vortrefflich von Philipp Büttner, der zusammen von Abla Alaoui als Lotte eine anrührende Lovestory zelebriert.

Die Zuschauer bekommen ein imposantes, bildstarkes und temporeiches Musical mit mitreißenden Choreographien und eingängiger Musik: mal rockig, poppig, rappig oder gefühlvoll. Und das nonstop. Begleitet wird das Musical von einem glänzend aufgelegten Orchester, das dem Stück Format verleiht. Es gab aber auch kritische Stimmen, denen die Dauerbeschallung zu viel wurde.

Die Zuschauer bedachten die Premieren-Show immer wieder mit Szenen-Applaus und am Ende mit Standing Ovations. Es ist womöglich eines der spektakulärsten Singspiele der vergangenen Jahre in Bad Hersfeld - allerdings mit Schönheitsfehlern. Die räumlichen Möglichkeiten der Stiftsruine werden ignoriert. Gespielt wird auf kompaktem Raum - wohl, damit das Stück problemlos auf andere, kleinere Bühnen übertragen werden kann. So kann damit auch andernorts Geld verdient werden.

Extrawurst

Schon der Ort der "Extrawurst"-Aufführung ist ungewöhnlich, aber passend: Theater wird auf dem Court einer Tennishalle gespielt. Der Zuschauer wird Zeuge der Mitgliederversammlung eines Tennisclubs. Es geht unter anderem um die Anschaffung eines neuen Grills. Ein harmloser Programmpunkt? Mitnichten, mit Blick auf ein türkisches Mitglied. Weil gläubige Muslime Grillwürste nicht auf einen Rost mit Schweinefleisch legen sollten, entbrennt ein Streit, der rasant, abgründig und mit viel Wortwitz eskaliert.

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zum hr-fernsehen.de Video Extrawurst

mt
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Regisseurin Bettina Wilts gelingt mit dem fünfköpfigen Darsteller-Team eine bitterböse Komödie, die viel Applaus bekommt. Es geht um political correctness, nicht nur im Umgang mit ausländischen Mitbürgern. Auch beim Verhältnis Mann-Frau lauern Fettnäpfchen.

Das Stück stammt von den Comedy-Autoren Dietmar Jacobs und Moritz Netenjakob, die unter anderem an der "Wochenshow" oder an "Stromberg" mitgewirkt haben. Jacobs sagte zur Intention des Stücks: "Man sollte Meinungen, die einem nicht gefallen, auch mal stehen lassen und sie nicht bekämpfen. Wir müssen als Gesellschaft in der Lage sein, Meinungen auszuhalten, die uns selbst nicht gefallen."

Sendung: hr4, 05.07.2021, 15.30 Uhr