Särge in Ghana

Bunte Holzsärge in Fantasieformen sind der letzte Schrei in Ghana. Dank einer Schenkung besitzt das Kasseler Sepulkralmuseum 28 dieser Kunstwerke, die jetzt in einer Ausstellung zu sehen sind.

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Sie sind groß und bunt, stellen Tiere, Pflanzen oder auch einen Turnschuh dar: Die Rede ist von Särgen. Schwer vorstellbar, wenn man nur die Bestattungskultur in Deutschland kennt: Holzkiste, rechteckig, mal braun, mal schwarz, selten weiß, ein bisschen verziert und mit Samt oder Seide ausgeschlagen.

Im Bus auf die letzte Reise

Das Sepulkralmuseum in Kassel ist seit Dezember stolzer Besitzer von 28 Holzsärgen aus dem südlichen Ghana – eine Schenkung der Witwe eines niederländischen Kunsthändlers, der 2018 verstarb. Vom 10. August bis 13. Oktober ist eine Auswahl von 20 Särgen im Museum zu sehen, damit die Öffentlichkeit Gelegenheit habe, um nach Museumsangaben "einen Eindruck von diesem kunstvollen Sargtypus zu gewinnen".

Bus-Sarg aus Ghana

In einem Teil des westafrikanischen Landes Ghana ist es schon seit den 1970er Jahren zum Trend geworden, Verstorbene in sehr aufwändigen und meterhohen oder -breiten künstlerisch gestalteten Holzsärgen beizusetzen. Regeln gibt es keine: Man kann bei den Sargschnitzern alles in Auftrag geben, was gefällt.

Fischer im Fisch bestattet

Häufig werden Motive bestellt, die im Zusammenhang mit dem Beruf des Verstorbenen stehen: Ein Fischer wird in einem Fisch zur letzten Ruhe gebettet, ein Gemüsebauer in einer Zwiebel. Der Busfahrer tritt im Bus seine letzte Reise an.

"Ziel ist es, den Toten eine gute Reise zu ermöglichen", sagt der Direktor des Kasseler Museums für Sepulkralkultur, Dirk Pörschmann. Dahinter stehe der Glaube, die Toten hätten einen erheblichen Einfluss auf die Lebenden. "Mit den besonderen Särgen wollen sich die Angehörigen also das Wohlwollen der Toten für die Zukunft einkaufen." Dafür greifen sie tief in die Tasche, gut 2.000 Dollar werden für einen individuell gestalteten Holzsarg fällig.

"Großes Weihnachtsgeschenk"

Zwei Sattelschlepper waren nötig, um die 28 großen, bunten Holzkunstwerke nach Kassel zu transportieren. "Wir hatten glücklicherweise in unserem Depot ausreichend Platz für diese vielen Neuzugänge für unsere Sammlung“, sagt Pörschmann.

Für ihn waren die Särge damals ein "großes Weihnachtsgeschenk" für das Museum. Bis zur Sonderausstellung war immer ein Sarg aus Ghana in der Dauerausstellung zu sehen werden, gewechselt wurde alle drei Monate.

Party in Ghana - triste Rituale in Deutschland

Die bunten Figurensärge stünden auch für eine Lebenseinstellung, die in Ghana vorherrsche, in Deutschland aber immer mehr verloren gehe, sagt der Museumsleiter. "Der Tod wird in Ghana - wie in vielen noch sehr katholischen Weltgegenden - als Vollendung des weltlichen Lebens gesehen, also nicht so sehr als etwas Schlimmes." Darum könne man ihn auch feiern. In Ghana dauert eine Beerdigungsfeier oft tagelang, für die kunstvollen Särge, die Zeremonie und die Bewirtung der Gäste geben die Familien ein Vermögen aus, viele verschulden sich sogar dafür.

Zwiebel-Sarg aus Ghana

In Deutschland dagegen werde bei Beerdigungen hauptsächlich der Verlust thematisiert. "Entsprechend trist sind auch die Rituale", sagt Pörschmann. Hinzu komme, dass sich in Hessen etwa 70 Prozent der Verstorbenen einäschern lassen – Tendenz steigend. Alles soll schnell, sauber und mit möglichst wenig Aufwand für die Hinterbliebenen organisiert sein. "In diesem Sinne verarmt die Bestattungskultur hierzulande. Da geht etwas sehr Wichtiges verloren", findet der Museums-Chef.

Auch in Hessen könnte man sich im Hahn begraben lassen

Langweilig und traurig muss aber nicht sein. Auch in Hessen sind bei Bestattungen bunte Särge in Übergrößen und Fantasieformen möglich. Nachfragen bei den zuständigen Ämtern etwa in Kassel und Frankfurt ergaben ein einheitliches Bild: In der Regel sind die Särge zwar alle gleich groß. Aber der Trend gehe auch in Deutschland zu immer größeren Särgen, einfach weil die Menschen selbst immer häufiger "ein XXL-Format" haben. In Kassel wurde an einem der Öfen im Krematorium unlängst die Tür um zehn Zentimeter verbreitert, damit auch größere Särge eingeäschert werden können.

Hahn-Sarg aus Ghana

Auf jedem Friedhof können individuelle Absprachen getroffen werden. "Im Prinzip machen wir alles, was irgendwie geht", sagt der Abteilungsleiter des zuständigen Grünflächenamtes in Frankfurt. Gesetzlich spreche nichts dagegen, letztlich sei die Bestattung in einem riesigen Sarg in welcher Form auch immer eine Kostenfrage. Wer es sich also leisten mag und mit der jeweiligen Stadt einig wird, der kann auch in Hessen im Hahn, Fisch oder im Reisebus begraben werden.

Sendung: hr-fernsehen, hessenschau kompakt, 07.08.2019, 16.45 Uhr