Das Klischee hält sich hartnäckig: Frauen im Stadion, die sind doch bloß das Anhängsel ihrer Männer. In Frankfurt zeigt nun die Ausstellung "Fan.Tastic Females", dass genau das Gegenteil der Fall ist.

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Audioseite Weibliche Fußballfans? Aber selbstverständlich!

Bildkombo: Ausstellung und Selfie-Porträt Jula Reichard
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An ihren ersten Stadionbesuch kann sich Jula Reichard noch gut erinnern: Es war 1998, das letzte Spiel der Saison. Für die Frankfurter Eintracht ging es um den Aufstieg in die Bundesliga. Ihr Papa, glühender Eintracht-Fan, nahm die damals Siebenjährige mit. Der Eintracht gelang der Aufstieg - und Jula war Feuer und Flamme für den Fußball und die SGE. "Wenn man sein Kind anfixen möchte für Fußball, dann am besten bei so einem Spiel, wo am Ende ganz wild gefeiert wird", sagt sie und lacht.

Jula Reichard ist Eintracht-Fan

Diesem ersten Stadion-Erlebnis vor 23 Jahren sind viele gefolgt: Heim- und Auswärtsspiele, national wie international. Mal begleitet sie ihr Freund ins Stadion, mal ihr Papa, manchmal ist sie mit ihrem Fanclub unterwegs. Mit einem anderen Fußballfan startet sie sogar einen Podcast zum Thema. Aber sie stellt fest: Frauen im Fußballumfeld - das ist immer noch vorurteilsbehaftet.

Auch wenn sie sich in den meisten Fällen fühle, als werde sie "behandelt wie jeder andere", kleide sie sich im Stadion anders als im Alltag, greife statt zum Kleid zu T-Shirt und Jeans. Hin und wieder komme es trotzdem zu unschönen Begegnungen. "Ich wurde schon belächelt im Block oder es kamen Sätze von Halbwüchsigen wie 'Was willst du hier eigentlich'. Und ich denke, Alter, ich war schon hier, da warst du noch nicht geboren", erzählt sie.

Ausstellung will mehr Sichtbarkeit für Fan-Frauen schaffen

Dabei sieht Reichard keine großen Unterschiede im Fan-Verhalten von Männern und Frauen. "Gerade bei Eintracht Frankfurt haben wir natürlich unsere Fangruppierung, da sitzt man auch mal oberkörperfrei auf einem Zaun und trifft sich vielleicht noch zu einer dritten Halbzeit. Das ist mir von Frauen nicht bekannt, dass das passiert. Aber ich kann genauso auf einer Auswärtsfahrt Spaß haben und pöble auch mal gerne, wenn auf dem Feld was passiert, was mir gar nicht gefällt. Ich halte mich nicht zurück, weil ich eine Frau bin", stellt sie klar.

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hs
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Jula Reichard ist Eintracht-Fan

Und trotzdem - Fan-Frauen weltweit sehen sich mit Rollenklischees und Vorurteilen konfrontiert. Um mehr Sichtbarkeit für sie zu schaffen, reist das internationale Fußballfan-Netzwerk "Football Supporters Europe" (FSE) seit 2018 mit der multimedialen Wanderausstellung "Fan.Tastic Females" durch ganz Europa. Die Ausstellung zeigt Porträts und Interviews von weiblich gelesenen Fans aus 21 verschiedenen Ländern - von der Ultra bis zur Funktionärin.

Nun macht die Ausstellung in Frankfurt Halt. Dafür haben sich die Fanabteilung von Eintracht Frankfurt, das Frankfurter Fanprojekt und das Frauenreferat der Stadt eingesetzt. Es gibt sogar eine Erweiterung: Sieben Frankfurter Fan-Frauen berichten dort über ihre Geschichten rund um den Frauen- und Männerfußball der Eintracht.

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Fan.Tastic Females in Frankfurt

Vom 2. bis 15. August täglich von 10-18 Uhr in der Otto-Fleck-Schneise 7 in Frankfurt. Besucherinnen und Besucher werden darum gebeten, sich per Mail anzumelden. Die Portraits sind auf Deutsch und Englisch über QR-Codes abrufbar, wofür Mobiltelefone und Kopfhörer notwendig sind. Es steht eine begrenzte Anzahl an Leihgeräten zur Verfügung.

Am Donnerstag, 5. August, und am Donnerstag, 12. August, finden um jeweils 19 Uhr eine Auftaktveranstaltung bzw. eine Podiumsdiskussion zum Thema "Frauen im Fußball" statt, unter anderem mit Tanja Pawollek (Kapitänin Eintracht Frankfurt), Julia Boike (Schiedsrichterin) sowie Claudia Neumann (Sportreporterin). Auch für diese Veranstaltungen wird um Anmeldung per Mail gebeten.

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Verschiedene Perspektiven auf Fan-Dasein

Greta Rinast ist Projektmanagerin bei FSE und hat an der Ausstellung mitgearbeitet. "Die Berichterstattung ist häufig auf männliche Fans fokussiert", sagt sie. "Wir wollten zeigen: Alle Geschlechter gehen zum Fußball und alle Fans sind sich irgendwie ähnlich." Ursprünglich seien nur 20 bis 30 Interviews geplant gewesen, so Rinast. Über die gute Vernetzung der FSE seien es letztlich mehr als 80 Beiträge unterschiedlicher Frauen - von der Fünfzehnjährigen bis zur 95-Jährigen - geworden. "Uns war es wichtig, verschiedene Perspektiven abzubilden", sagt Rinast.

Viele Frauen berichten von sexistischen Erfahrungen

Ausstellung "Fan.Tastic Females"

Die Geschichten, die die Ausstellung Fan.Tastic Females zeigt, erzählen von Sexismus und Unterdrückung, aber auch von Freiheit und dem Zusammenhalt, den sie beim Fußball spüren. Einige sind bei Greta Rinast besonders hängengeblieben. Zum Beispiel die von BVB-Fan Ramona, die sich ihrem verstorbenen Mann im Stadion wieder nah fühlte. Oder die von Agnes aus dem schwedischen Malmö, die wegen ihres Geschlechts nicht Teil der aktiven Fanszene werden durfte und ihre eigene Fangruppe nur für Frauen gegründet hat.

Ähnlich sexistische Erfahrungen würden fast alle Frauen schildern, berichtet die FSE-Projektmanagerin. "Es sind nicht immer die gleichen Sprüche, es sind nicht immer die gleichen Übergriffe, oder Mechanismen, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Aber das Muster ist überall gleich."

Große Bandbreite an Besucherinnen und Besuchern

Mit der Ausstellung würden oftmals Reflektionsprozesse und Diskussionen in Vereinen in Gang gesetzt. Das Feedback von Besucherinnen und Besuchern - Profifußballerinnen und -fußballern, Fanclubs, aber auch Familien - sei überall positiv. "Viele Männer haben gesagt, sie haben jetzt einen Einblick in die Erfahrungen von Frauen oder von queeren Personen, die sie vorher nie auf dem Schirm hatten", sagt die Projektmanagerin.

Außerdem entstehe ein Gefühl der Verbundenheit. "Gerade Frauen, die das Gefühl haben, sie sind an ihrem eigenen Standort irgendwie alleine als Frau, hatten ein positives Erlebnis: Nur weil ich hier die einzige bin, heißt das nicht, dass es auf der ganzen Welt keine anderen Frauen gibt, die denken wie ich."

"Total cool, dass da eine Frau sitzt, die für den Fußball brennt"

Jula Reichard ist Eintracht-Fan

Solche positiven Erlebnisse hat auch Jula Reichard durch ihren "Fußballwelten"-Podcast. Von den überwiegend männlichen Hörern bekäme sie positive Rückmeldungen, sagt sie. "Ich habe schöne Nachrichten bekommen, die in die Richtung gingen: Total cool, dass da mal eine Frau ist, die nicht da sitzt, weil sie irgendwie hübsch und nettes Beiwerk ist, sondern weil sie wirklich für den Fußball brennt."

Dass die Ausstellung "Fan.Tastic Females" nun nach Frankfurt kommt, findet Jula gut. Sie hofft auf eine Signalwirkung, die vom "Herzen von Europa" ausgehen kann: "Die Frankfurter Fankultur ist sehr vernetzt. Das kann ja dann auch wie ein Multiplikator wirken."

Ein Multiplikator, der in die Welt schreit: Wir sind alle gleich. Denn letztlich hätten alle Fans eins gemeinsam, sagen Greta Rinast und Jula Reichard: Der Fußball emotionalisiert sie. Da gebe es keinen großen Unterschied zwischen Männern und Frauen im Stadion.

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Zum Artikel auf you-fm.de Das F-Wort - Frauen im Abseits? - Feminismus & Fussball

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