Schloss Wilhelmshöhe, Kassel

Ein Kopfpanzer für ein Pferd aus dem 16. Jahrhundert erzählt in Kassel die Geschichte der Nazi-Beutekunst im 2. Weltkrieg. Die Ausstellung im Schloss Wilhelmshöhe zeigt den Weg der Werke von Frankreich über Berlin nach Nordhessen - und die schwierige Suche nach den einstigen Besitzern.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Ausstellung in Kassel zeigt Nazi-Beutekunst

Edith Standen und Rose Valland überwachen einen Transport im Central Collecting Point in Wiesbaden nach Frankreich
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Er ist eines der Prunkstücke der neuen Ausstellung mit Nazi-Beutekunst im Schloss Wilhelmshöhe: Ein Pferdekopf-Schutzpanzer, genannte Rossstirn aus dem 16. Jahrhundert, den Pferde bei Ritterturnieren trugen.

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Beutekunst in Kassel

Die vergessenen Erwerbungen in Paris 1941/42
Kabinettausstellung
Schloss Wilhelmshöhe, Kassel
1. Oktober 2020 bis 17. Januar 2021

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1940 haben deutsche Soldaten das Stück im Pariser Armeemuseum im besetzten Frankreich auf der Suche nach Beute entdeckt, das Augenmerk lag auf Kunstschätzen, die ursprünglich aus Deutschland stammten. Die Soldaten nahmen den Schutzpanzer nach Angaben des Museums mit nach Deutschland, zusammen mit anderen Kunstwerken. Sie wurden auf verschiedene Museen verteilt.

So gelangte die Rossstirn aus dem Pariser Armeemuseum nach einem Umweg über Berlin nach Kassel. Nach Kriegsende befahlen die amerikanischen Sieger zwar, dass alle gestohlenen Kunstwerke nach Frankreich zurückgebracht werden sollen. Der Pferdekopf-Schutzpanzer aber blieb in Nordhessen.

Manches wurde gestohlen, anderes zu Spottpreisen gekauft

Erklärtafeln an den Wänden der Kabinettausstellung im Schloss Wilhelmshöhe in Kassel erzählen die Geschichte der Beutekunst, insgesamt sind 18 Kunstwerke und rund 50 Bücher zu sehen. Die meisten wurden von den deutschen Besatzern in Frankreich nicht gestohlen, wie der Pferdepanzer, sondern von Kunsthändlern gekauft, allerdings zu Spottpreisen. Die Deutschen hatten damals einen neuen Wechselkurs zum französischen Franc festgelegt, mit dem sie billig ankaufen konnten. Deutsche Museen schickten Agenten nach Paris, die unter diesen Umständen bei Kunsthändlern kostbare Gemälde, Bücher und Statuen einkauften, einige Objekte aus mutmaßlich jüdischem Besitz in Frankreich.

Ehemalige Besitzer sind schwer zu ermitteln

Ob auch die Kasseler Kunstwerke aus jüdischem Besitz stammen, ermittelt Günther Kuss. Er ist Provenienzforscher, das heißt, er untersucht, woher Kunstwerke stammen und wer einstmals die Besitzer waren. Das ist aber unter anderem deswegen so schwierig, weil viele Zeitzeugen bereits gestorben sind. Zwar hätten viele Unterlagen den Krieg überlebt, so Kuss, aber davon seien viele im Laufe der letzten Jahrzehnte verschwunden oder schlicht weggeworfen worden.

Spurensuche auf Dachböden

Der Provenienzforscher durchstöberte also nach eigenen Angaben alte Archive und suchte etwa nach Kassenzetteln aus Paris, von Kunsthändlern, die den Deutschen 1940 Kunstwerke verkauften. Manchmal lägen solche Dokumente auch auf Dachböden: Kuss hat zum Beispiel den Urenkel eines Kunsthändlers ausfindig gemacht. Dieser habe ihm einen Tipp gegeben, dass noch zwei alte Kisten auf dem Dachboden stünden.

Ein Jackpot, wie der Provenienzforscher betont. Zusammen mit seinen französischen Kollegen wolle er nun klären, woher die Kunstwerke und Bücher in der neuen Ausstellung im Schloss Wilhelmshöhe stammten und sie gegebenenfalls an die Besitzer zurückgeben.

Sendung: hr-iNFO, 29.9.2020, 15.56 Uhr