Laura Claus (l.) und Veneta Miteva

Kinderheirat und extreme Armut: Was Frauen in Nigeria oder Indonesien erleben, kommt bei uns oft nur in Statistiken vor. Eine Wissenschaftlerin gibt diesen Frauen eine Stimme - und lässt sie Bilder malen. Ein Interview über eine Ausstellung in Frankfurt.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Laura Claus: "Mit Impact Art möchte ich den Frauen eine Stimme geben."

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Laura Claus ist 29 Jahre alt und eine der jüngsten Professorinnen Europas. Die gebürtige Wiesbadenerin pendelt für ihren Job einmal die Woche an das University College in London. Ihr Fachgebiet: soziale Innovation und Entwicklungshilfe. Für ihre Promotion in Cambridge und Stanford hat sie mehrere Jahre in Tansania, Nigeria und Indonesien geforscht, unter anderem zum Thema Kinderheirat. Doch was hat das mit Kunst zu tun?

Aus dieser Forschung entstand nicht nur ihre Doktorarbeit, sondern im September auch die soziale Initiative "Impact Art" in Zusammenarbeit mit ihrer Freundin Veneta Miteva. "Das ist eine Plattform, die Menschen durch Kunst eine Stimme geben soll", sagt die Wissenschaftlerin. Sie zeigt die Bilder in einer Ausstellung in Frankfurt. Wie sie absolute Laien zum Malen gebracht hat und wie daraus eine Ausstellung im Kunstverein Familie Montez in Frankfurt wurde, erzählt Laura Claus im Interview.

hessenschau.de: Sie haben Ihre Kontakte in Tansania, Nigeria und Indonesien genutzt, um Frauen dort malen zu lassen. Warum?

Claus: Durch meine Forschung hatte ich sehr viel Kontakt mit den Menschen vor Ort, war oft monatelang im Land und mit den Menschen im Gespräch. Was mich an meiner Forschungsarbeit immer gestört hat war, dass wenn ich zurück nach Cambridge kam, hat mein Doktorvater von mir erwartet, dass ich irgendwelche theoretischen Artikel schreibe. Dabei gehen aber die Stimmen, die Emotionen und die Geschichten dieser Menschen verloren. Ich habe deswegen diese zehn Frauen in Nigera, Tansania und Indonesien jeweils gefragt, ob sie für mich malen können.

hessenschau.de: Ist das ein Kunstprojekt oder ein soziales Projekt?

Claus: Es ist beides - doch eigentlich ist es eine soziale Initiative. Impact Art versteht sich als Plattform. Ich habe über die Bilder versucht, den Frauen die Stimme zu geben, die ich ihnen über meine theoretische Arbeit nicht geben konnte. Im westlichen wissenschaftlichen Diskurs gehen diese Stimmen verloren.

hessenschau.de: Wie sind die Frauen auf ihre Motive gekommen?

Claus: Ich habe die Themen vorgegeben. In Indonesien und Nigeria war ich interessiert an der Rolle der Frau. Ich habe mich während meiner Forschung immer gefragt: Was denken eigentlich Kinderheiratsopfer über die Rolle der Frau in ihrer Gesellschaft?

In Tansania habe ich die Menschen gefragt, ob sie zur Rolle des "mzungu", also der Rolle des weißen Mannes, malen können. In Tansania sind die Menschen immer noch sehr vorsichtig, wenn es um weiße Menschen geht und erinnern sich auch oft an Kolonialzeiten zurück. Ich wollte sehen, wie tief da die Erinnerung noch sitzt.

Gemälde aus Indonesien

hessenschau.de: Waren die Frauen zu diesem Zeitpunkt bereits als Künstlerinnen aufgefallen?

Claus: Nein. Das sind ganz einfache Menschen, die zum Teil sehr schlimme Geschichten erlebt haben. Aber sie sind zu Künstlerinnen geworden in diesem Prozess. Die Frauen, die etwa in Indonesien gemalt haben, wurden zwangsverheiratet, sie leben in Dörfern und haben keine Arbeit. Viele hatten zuvor noch nie gemalt und haben sich das in dem Prozess selbst beigebracht. Die Bilder, die dabei herausgekommen sind, sind unglaublich.

In Tansania wussten die Frauen gar nicht, was ein Gemälde ist, was Acrylfarbe ist und was ich von ihnen überhaupt will. Die haben dann alte Segeltücher irgendwo in einem Dorf aufgetrieben und haben dann mit Schuhcreme gemalt.

hessenschau.de: Nun gibt es von "Impact Art" im Kunstverein Lola Montez eine Ausstellung mit den Bildern. Wie kamen die Werke nach Frankfurt? Sind die Künstler angereist?

Claus: Das war kompliziert. Die Künstlerinnen sind nicht selbst hier. Sie haben die Gemälde von den Rahmen genommen, haben sie eingerollt und nach Frankfurt geschickt. Einige der Regionen sind sehr weit weg von der nächsten Stadt. In Tansania etwa ist jemand aus Babati mit diesen Gemälden vier Stunden lang mit dem Bus nach Arusha in die Provinzhauptstadt gefahren, um sie dort aufzugeben.

Auch hier in Frankfurt war der Aufwand groß, größer als ich dachte. Wir haben für alle Bilder eigenhändig tagelang neue Rahmen gebaut.

hessenschau.de: Die Bilder sollen am Montag versteigert werden. Was geschieht mit dem Erlös der Bilder?

Claus: Der Erlös geht zurück an drei Organisationen - eine Organisation in Indonesien, die sich gegen Kinderheirat einsetzt und dann jeweils an eine Organisation in Nigeria und Tansania, die sich für mehr Bildung vor allem für Waisenkinder einsetzt.

hessenschau.de: Was ist Ihr nächstes Projekt?

Claus: Ich interessiere mich auch weiterhin für das das Thema Kinderheirat. Ich möchte meinen Fokus nun aber auf Deutschland legen. Viele Menschen wissen nicht, dass wir hier auch ein Problem mit dem Thema haben. Was ist mit jungen Flüchtlingskindern, die in ihren Ländern minderjährig verheiratet wurden und dann nach Deutschland kommen? Erkennt man diese Ehen in Deutschland nicht an, kann das ein Problem für die Mädchen sein, weil sie von den Familien ausgestoßen werden. An diesem Thema möchte ich weiterforschen.

Das Interview führte Katrin Kimpel.