Gedenken Internet Benjamin Bahr

Wer stirbt, hinterlässt seine Spuren auch auf Facebook und Instagram. Welche Bedeutung diese Fotos für Angehörige haben können, zeigt das Kasseler Museum für Sepulkralkultur.

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Vom Umgang mit dem digitalen Erbe

Gedenken Internet Benjamin Bahr
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Als Benjamin Bahr 2017 mit nur 30 Jahren an Krebs stirbt, hat er vorgesorgt: Der Kasseler hat seiner Mutter das Passwort zu seinem Facebook-Account gegeben. Sein Smartphone hat er der Freundin vermacht, sein Tablet der Mutter. Für sie sind Benjamins digitale Spuren genauso viel wert wie seine materiellen: "Alles, was wir von ihm haben - sei es ein T-Shirt oder ein Foto oder eine E-Mail - ist ein Schatz", sagt sie.

Viele Menschen denken gar nicht daran, dass ihre Fotos, Sprachnachrichten, WhatsApp-Verläufe oder Social Media-Accounts bleiben, auch nachdem sie gestorben sind. Doch all das gehört zu unserem Erbe dazu.

"Nicht irgendwelche Einsen und Nullen"

Der Soziologe Lorenz Widmaier erforscht in seiner Promotion, in deren Rahmen er im Frühjahr 2020 für einen Forschungsaufenthalt am Kasseler Museum für Sepulkralkultur war, diesen neuen digitalen Anteil am menschlichen Erbe. Er wirbt dafür, den Wert zu erkennen, der in diesen Daten steckt. Es seien eben "nicht irgendwelche Einsen und Nullen auf irgendwelchen Servern in Amerika", betont er, sondern wichtige Erinnerungen.

Gerade die alltäglichen Fotos, wie zum Beispiel Selfies, haben für die Angehörigen häufig eine viel größere Bedeutung als Urlaubsbilder oder Fotos vom Fotografen, hat Widmaier in seinen Forschungen festgestellt.

Zeugnisse des Lebens

Gleichzeitig sind gerade alltägliche Bilder wie die auf dem Smartphone sehr intim – viel privater als etwa Fotos, die aktiv ins Foto-Album eingeklebt worden sind. Und das gilt für den größten Teil des digitalen Erbes.

Barbara Bahr hat sich Benjamins Fotos angeschaut, seine E-Mails aber nicht gelesen, obwohl sie das hätte tun können. "Die interessieren mich nicht. Sind ja auch seine Privatsache. Ich finde es auch nicht moralisch vertretbar, die zu lesen", sagt sie, obwohl ihr Sohn ihr vor seinem Tod nicht verboten hatte, die Mails anzugucken.

Juristische Debatte beendet

Die juristische Debatte darüber, ob und wem das digitale Erbe eines Verstorbenen zusteht, hat der BGH im September zumindest vorläufig beendet: Damals bekamen die Eltern eines verstorbenen Mädchens das Recht, auf deren Facebook-Account zuzugreifen, obwohl sie das Passwort nicht hatten. Die moralische Debatte darüber, wie wir mit dem oft intimen digitalen Erbe umgehen, steht noch aus.

Ob und was sich die Angehörigen vom digitalen Erbe anschauen und was nicht, das sei sehr individuell, sagt Lorenz Widmaier. Im digitalen Erbe gebe es verschiedene Stufen der Privatsphäre: Eine WhatsApp-Gruppe etwa ist privat, aber nicht so privat wie ein Chat zu zweit. Die Zweiteilung zwischen Öffentlichem und Privatem sei in den Sozialen Medien nicht ganz eindeutig.

Wille des Verstorbenen beachten

Barbara Bahr empfiehlt anderen Angehörigen, sich genau zu überlegen, was die Verstorbenen gewollt hätten. Von der Beziehung zu den Verstorbenen könne man ableiten, was man sich vom digitalen Erbe anschauen darf.

Widmaier und Barbara Bahr haben beide zur Ausstellung "Memento - Im Kraftfeld der Erinnerungen" im Kasseler Museum für Sepulkralkultur beigetragen. Darin geht es um die unterschiedlichsten Formen des individuellen Erinnerns und Gedenkens an Verstorbene. Sie läuft vom 17. Oktober bis zum 28. Februar.

Sendung: hr-iNFO, 16.10.2020, 20.30 Uhr