Ein Teppich von Pelzmänteln hängt an der Wand, darauf steht in hellblauer Farbe: "Too Much Future"

Verständnis? Kompromiss? Toleranz? Wir müssen akzeptieren, dass Menschen eine andere Meinung vertreten als wir selbst. Klingt einfach - ist es aber nicht. Kann man das lernen? Eine Ausstellung in Marburg sagt: Ja! Mit Hilfe der Kunst.

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"Why can’t we live together": Klärung gibt es im Marburger Kunstverein

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Groß und dick steht es an der hölzernen Wand im Kunstmuseum Marburg: "BRD-GmbH". Ein weit-verzweigtes Schaubild listet die Schlagwörter "Stammkapital 50.000 DM", "verwaltete Menschen = Personal" und "Keine Verfassung". Es sind Elemente einer Verschwörungstheorie, die in rechten Kreisen verbreitet ist.

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"Why can’t we live together"
Collection Florian Peters-Messer
noch bis zum 19. Mai
Kunstverein und Kunstmuseum Marburg

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"Das ganze hat das Flair von irgendetwas zwischen muffigem Partykeller und Führerbunker, wo sich irgendwelche Reichsbürger-Rentner treffen und sich gegenseitig an ihrer holzvertäfelten Partykeller-Wand erklären, wie denn jetzt eigentlich ihre Weltsicht funktioniert." So beschreibt der Frankfurter Künstler Nicholas Warburg seine Arbeit. Sie hängt derzeit im Kunstmuseum Marburg. Dort und im Kunstverein der Stadt sind zahlreiche Werke aus der Sammlung von Florian Peters-Messer zu sehen, zu der auch Warburgs Arbeit zählt.

Sammlung befasst sich mit gesellschaftlichen Missständen

Die wenigsten Werke dieser Sammlung lassen sich als klassisch schön beschreiben. Darum geht es Peters-Messer nach eigenen Angaben aber auch nicht. Er kaufe Kunstwerke, die sich auf kritische Art und Weise mit den Missständen in unserer Gesellschaft auseinandersetzen. "Ich sehe das als meine Verantwortung als Sammler. Ich will nicht nur Arbeiten zusammenraffen und wegstellen."

Die Holztafel von Nicholas Warburg etwa thematisiert den allgegenwärtigen Rechtsruck in Deutschland. Andere Kunstwerke des Sammlers verhandeln Themen wie Ökologie, Migration, Krieg und sexuelle oder geschlechtliche Identität. "Wer die Ausstellung besucht, bekommt schon den Eindruck, dass es in unserer Welt an vielen Stellen hakt", sagt Linda Peitz. Sie hat die Ausstellung im Marburger Kunstverein kuratiert. "Die Künstler:innen legen den Finger sehr gezielt in die Wunden unserer Gesellschaft."

Toleranz als die wichtigste Grundlage für ein Zusammenleben

Murat Önen "Why can’t we live together"

"Why can’t we live together" heißt die Ausstellung in Marburg. Sie verhandelt also die Fragen, warum es uns nicht gelingt, miteinander zu leben? Sammler Peters-Messer glaubt, dass Menschen nie gelernt haben, Vielfalt auszuhalten. "Wir sind in gesellschaftlichen Systemen umgeben von sehr vielen individuellen Strömungen“, sagt er. Das sei nicht immer so gewesen. "Die Gesellschaftssysteme in der Nachkriegszeit basierten noch auf einem gewissen Konsens."

Wiederaufbau, Wirtschaftswachstum, bürgerliche Kleinfamilie, Eigenheim - dieses konservative Wertesystem sei längst überholt, so Peters-Messer. In Anbetracht der Vielzahl globaler Krisen hat er eine klare Forderung. "Wir müssen tolerant sein gegenüber unterschiedlichen Sichtweisen, um auf der Basis einer möglichst großen Vielfältigkeit neue Wege des Zusammenlebens zu erlernen."

Kunst als Schlüssel zu den drängenden Themen

Für dieses gemeinsame Lernen könne Kunst ein Ausgangspunkt sein, sagt der Sammler. Er erschließe sich über Gegenwartskunst ganz bewusst Themen, die ihm zunächst eher fremd erscheinen. Vielleicht besitzt er deswegen neben Kunstwerken großer Namen wie Thomas Hirschhorn, Kader Attia oder Elmgreen & Dragset auch zahlreiche junge künstlerische Positionen wie etwa Rebekka Benzenberg.

Porträt: Florian Peters-Messer

Von Benzenberg ist im Marburger Kunstverein eine riesige Wandskulptur zu sehen. Die Künstlerin hat aus alten Pelzen ein über vier Meter breites Transparent gefertigt. "Too Much Future" steht darauf. Der Gedanke "Oh fuck, da ist wirklich zu viel Zukunft", sei ihr sehr vertraut, sagt Benzenberg. Als Kind der frühen 1990er-Jahre sei ihr immer suggeriert worden, sie könne alles werden, alles stehe ihr offen. "Aber das sind ja erstmal nur Verheißungen - so einfach ist es dann auch nicht. Diese Fülle an Möglichkeiten kann einen ganz schön überfordern." Die Arbeit "Too Much Future" stehe für Gefühle von Überwältigung und Zerrissenheit, sagt Benzenberg.

Männlichkeit.... anziehend und abstoßend zugleich

Gefühle, die auch den Maler Murat Önen umtreiben. Önens Bild "Why can’t we live together" ist titelgebend für die Ausstellung. Es zeigt einen Haufen Männer - beinahe nackt, ineinander verkeilt. "Ich möchte den Zwiespalt zwischen Sehnsucht und Erdrückung darstellen", sagt der Künstler. "Maskulinität birgt so viele Konflikte. Sie ist anziehend, aber sieht steht auch für ganz viel, was wir heute nicht mehr korrekt finden." Als queerer Mann versucht Önen nach eigenen Angaben, eine Haltung zu dem Thema zu entwickeln. "Es gibt da kein richtig und falsch, beides existiert nebeneinander."

Mit dieser offenen Haltung blickt auch Sammler Peters-Messer auf alle Kunstwerke in der Marburger Ausstellung. "Hier werden Vorschläge von Individuen gemacht, von Menschen, die in einer bestimmten Art und Weise auf die Dinge draufschauen", betont er. Es herrsche kein Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Wer kommt und guckt, darf die Kunst also mögen, oder sie abstoßend finden - oder beides. "Schaut euch das an, schaut, ob es euch zusagt und ob es helfen kann, eine eigene Meinung zu bilden zu den großen Fragen der Gegenwart."

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