Zwei Fotos aus der Ausstellung "Leben nach dem Überleben"
Zwei Fotos aus der Ausstellung "Leben nach dem Überleben" von Helena Schätzle Bild © Helena Schätzle

Das Leben nach dem Holocaust - was bringt es für die Überlebenden und deren Familien mit sich? Damit beschäftigt sich die Ausstellung "Leben nach dem Überleben" in Kassel. Die Organisatoren wollen ein Zeichen für die Zukunft setzen.

Wie wirken die Schrecken der Nazi-Verfolgung heute nach? Eine Ausstellung des Sara Nussbaum Zentrums zeigt in Kassel eine Rauminstallation mit Fotografien von Holocaust-Überlebenden und ihren Familien. Gerade wenn Rechtspopulisten immer stärker werden, sei es wichtig, die Erinnerung an die Schoah aufrecht zu erhalten. Das sagt Martin Sehmisch, der Leiter der Informationsstelle Antisemitismus Kassel, im hessenschau.de-Interview.

hessenschau.de: Was zeigen Sie in der Ausstellung?

Martin Sehmisch: Wir zeigen Menschen, die das Glück hatten, die Nazi-Verbrechen zu überleben, damit aber zugleich auch die große Aufgabe, das Erlebte zu bewältigen. Wir zeigen die Lebenswege der Schoah-Überlebenden und, ganz wichtig, ihre Gedanken- und Gefühlswelt. Was haben die Menschen in den Vernichtungslagern erlebt? Was haben sie gefühlt? Wie haben sie es geschafft weiterzuleben?

Weitere Informationen

Ausstellung in Kassel

"Leben nach den Überleben"
Fotografien/Videos von Helena Schätzle
1. März bis 11. April 2018
Montag bis Donnerstag, 9-16 Uhr
Freitag 9-14 Uhr

Bundessozialgericht, Kassel

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hessenschau.de: Was ist die Idee der Ausstellung?

Martin Sehmisch: Die Ausstellung ist Teil einer Dokumentation, die Amcha Deutschland und die Künstlerin Helena Schätzle erstellt haben. Vorausgegangen sind intensive Begegnungen mit den Menschen, die gezeigt werden. Die Ausstellung zeigt die Protagonisten nicht eindimensional allein als Opfer der Nazi-Verbrechen. Sie zeigt Menschen mit vielen Facetten und macht zugleich klar, dass die Traumata fortwirken.

hessenschau.de: Die Ausstellung ist also auch als Beitrag zur erinnerungspolitischen Debatte gedacht?

Martin Sehmisch: Wenn heute viele Menschen in Deutschland sagen, die Verbrechen seien doch lange vorbei, dann antwortet diese Ausstellung: Mag sein, aber in den Überlebenden sind die Folgen dieser Verbrechen bis heute wirksam.

hessenschau.de: Wie transportieren Sie diese Botschaft in der Ausstellung?

Martin Sehmisch: Besonders auffällig ist für mich, dass trotz des schweren, herzzerreißenden Themas hier keine bedrückenden schwarz-weiß Fotos präsentiert werden, sondern aufmerksam, sensibel, aber auch farbenfroh fotografiert wurde. Ich glaube, dass dieser Ansatz den Besuchern der Ausstellung in besonderem Maße und auf vielschichtige Weise Zugänge ermöglicht, die sonst manchmal blockiert sind.

hessenschau.de: Was steht im Vordergrund: Emotionen oder Fakten?

Martin Sehmisch: Im Vordergrund steht ganz klar das Erleben der Überlebenden. Wir laden dazu ein, an ihrem Beispiel zu lernen, was Verbrechen gegen die Menschlichkeit auslösen bei denen, die sie überleben. Sind das Emotionen oder Fakten? Ich denke, wenn wir über Traumata und die psychosozialen Folgen von derartigen Verbrechen sprechen, dann sind Gefühle Teil von Realität und Faktizität. Das sollten wir anerkennen.

hessenschau.de: Warum ist der Blick auf die Überlebenden und ihre Nachkommen in Israel so wichtig?

Martin Sehmisch: Die Verbrechen sind vorbei, aber die Folgen sind bis in die dritte Generation der Nachfahren von Überlebenden zu spüren. Es geht aber auch um die Zukunft der Erinnerung an die Verbrechen der Nationalsozialisten. Wie werden wir diese Erinnerung gestalten, wenn in absehbarer Zeit keine Zeitzeugen mehr leben? Wie werden wir sie gestalten angesichts der deutlich sichtbaren Bemühungen der zuletzt recht erfolgreichen Rechtspopulisten, die deutschen Verbrechen eher zu entsorgen, als sich ihnen zu stellen? Wir brauchen darauf eine gesellschaftliche Antwort. Diese Ausstellung in Kassel zu zeigen ist auch ein Beitrag zu dieser notwendigen Debatte.

hessenschau.de: An welche Zielgruppe richtet sich die Ausstellung und warum?

Martin Sehmisch: An alle Menschen, die verstehen möchten, was es bedeutet, ein Verbrechen wie die Schoah zu überleben. Alle Texte sind dreisprachig deutsch, englisch und hebräisch - wer keine dieser Sprachen versteht, für den finden wir sicher einen Weg, es übersetzt zu bekommen. Wir freuen uns über jeden Menschen, der "Leben nach dem Überleben" mit offenem Herzen anschaut, weil wir wissen, dass wir für die Zukunft dieses Wissen brauchen und auch die Herzensbildung.

Das Interview führte Katrin Kimpel.