Hamish Fulton - bei einer seiner Aktionen "Walking in Every Direction" - Fulton läuft gemeinsam mit Freiwilligen auf einem öffentlichen Platz umher.

Ob zur Entspannung oder als Protest: Gehen hat viele Facetten. Eine Ausstellung in der Frankfurter Schirn zeigt, dass Gehen auch Kunst sein kann. Beim "Public Walk" dürfen alle mitmachen.

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In der Schirn, da geht was...

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Ein Blick in die Ausstellung "Walk!" in der Frankfurter Kunsthalle Schirn (bis 22. Mai) zeigt: Gehen als künstlerischer Akt kann sehr unterschiedlich verstanden werden. Da gibt es extra komponierte Klangspaziergänge, die man über Kopfhörer hören kann. Farbenprächtige Strickbilder, die Bodenstrukturen in all ihren Rissen und Verästelungen wiedergeben. Oder diverse Fundstücke langer Wanderungen - zwei verbogene Esslöffel, Reste von Hufeisen und einen rosafarbenen Massage-Ball.

Gehen als Bewegung des Protests

Die Ausstellung richtet den Fokus auf die Kunst der Gegenwart. Trotz der Vielfalt haben die Kuratoren Fiona Hesse und Matthias Ulrich in ihren Recherchen eine Tendenz festgestellt: Eine neue Generation von Künstlerinnen und Künstlern nutze das Gehen ganz bewusst dazu, "um gesellschaftskritisch, umweltpolitisch und grundsätzlich politisch zu agieren", so Hesse.

Das stehe auch im Einklang mit den gesellschaftlichen Entwicklungen: Generell werde das Gehen immer politischer eingesetzt. Das könne man sehen an jungen Protestbewegungen, wie dem Women's March oder Fridays for Future. Um die umstrittenen "Corona-Spaziergänge" geht es in der Frankfurter Schirn aber nicht.

Wie man als Frau in Afghanistan gehen darf

Wie politisch aktuelle Geh-Kunst tatsächlich sein kann, zeigt sich in der Ausstellung zum Beispiel in der mutigen Performance der jungen afghanischen Künstlerin Kubra Khademi. Sie ließ sich eine Art Corsage mit Po und großen Brüsten aus Metall formen. Die legte sie über ihrer Alltagskleidung an und marschierte so durchs Zentrum von Kabul. Sie wollte sichtbar machen, wie Frauen im öffentlichen Raum verbal und sexuell belästigt werden.

"Armor 2015" Kubra Khademi - die afghanische Künstlerin mit einer Corsage aus Metall

Es dauerte keine Minute, da war sie umringt von einem Mob aufgebrachter Männer, wurde beschimpft und verfolgt. In letzter Sekunde konnte sie sich in ein Taxi retten. Alles dokumentiert in einer Videoarbeit. Die Ausstellung zeigt: Längst nicht jeder kann überall unbehelligt gehen. Manchmal verhindern Zäune und Schranken den Zugang, manchmal der eigene Körper, das Geschlecht, die Hautfarbe.

Das Gehen an sich

In eine andere Richtung zielen die Arbeiten des Künstlers Hamish Fulton. Er ist der Pionier der "Walking Art" und versteht das Gehen selbst als Kunstwerk. Wie sich das anfühlt, können Freiwillige Ende Februar selbst ausprobieren. Fulton lädt zum gemeinsamen Gehen ein - eine Stunde lang, auf einem öffentlichen Platz in Frankfurt. Jeder darf in jede Richtung laufen, in die er möchte. Nur eines darf man dabei nicht: reden. Es geht darum, sich ganz auf das Gehen an sich, und auf den Moment zu konzentrieren.

Weitere Informationen

Walking in Every Direction

Einstündiger "Public Walk" in Frankfurt am Samstag, 26. Februar, 15 Uhr. Die Teilnahme ist kostenlos. Der Treffpunkt wird nach der Anmeldung bekannt gegeben. Mail zur Anmeldung an: fuehrungen@​schirn.​de

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Fiona Hesse hat bei früheren "Public Walks" von Hamish Fulton beobachtet, wie wirkmächtig diese kollektive und gleichzeitig sehr individuelle Erfahrung sein kann: "Ich habe auch verschiedenste Menschen schon gesehen, die dann anfangen rückwärts zu laufen oder die Augen schließen und auch sehr großes Urvertrauen haben, dass die anderen Leute sie dann nicht umrennen."

Hamish Fulton bei einer seiner Kunstaktionen "Walking in every direction". Fulton (mit Gesichtsmaske) läuft mit anderen Menschen auf einem Platz umher.

Schleifbilder: eine neue Art der Malerei

Der Künstler Fabian Herkenhoener nutzt das Gehen zur Produktion seiner Bilder. Er spannt sich sozusagen vor den Karren der Kunst. Dieser Karren ist eine große Leinwand, die er mit dem Gesicht nach unten auf den Boden legt und hinter sich her durch die Stadt zieht. Auf manche Leinwände legt er auch Gegenstände, zum Beispiel Felgen oder Autoreifen. Das ergibt unregelmäßige, kreisförmige Abdrücke.

Die abgewetzten Leinwände in der Ausstellung erinnern an eine Mischung aus Arte Povera der späten 1960er und Minimalismus. In Burkina Faso blieb die rotbraune Erde einer hügeligen Landschaft an der Leinwand hängen, der Düsseldorfer Asphalt hinterließ nur ein fahles Grau. Kuratorin Fiona Hesse sieht darin "eine neue Art der Malerei, die nicht mit dem Pinsel oder mit der Hand vollzogen wird, sondern die Straße schreibt sich im Grunde genommen ein in die Leinwand".

Vom Ein- und Ausgang

Umweltschutz, Sexismus, Ausgrenzung, Migration: viele Aspekte, die in der Frankfurter Ausstellung mit der "Kunst des Gehens" verbunden sind, lassen sich auf grundsätzliche Lebensfragen übertragen. Wie bewegen wir uns durch die Welt? Wie gehen wir durch unser Leben?

Die Ausstellung bietet einiges Skurriles und viel Kluges. Vermutlich geht man aus ihr anders heraus, als man hinein gegangen ist. Mit einem bewussteren Blick aufs Gehen, und was es alles bedeuten kann.

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