Szene aus dem norwegischen Film "Bolgen": Menschen und Autos flüchten vor einer riesigen Welle.

Das Deutsche Filmmuseum in Frankfurt zeigt seine erste Sonderausstellung nach dem Corona-Lockdown - passenderweise zu Katastrophen im Film. Wie realistisch sind solche Inszenierungen eigentlich? Was sagen Wissenschaftler dazu?

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found Das Filmmuseum zeigt, wie realistisch Katastrophenfilme sind

Ein Seismograf steht auf einem Holzpodest und schreibt Linien auf ein Blatt Papier.
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Der Seismograf rattert. Unentwegt schreibt er neue Linien auf ein Blatt Papier. Die Ausschläge sind unregelmäßig. Man merkt sofort: Hier passiert gleich etwas - und zwar nichts Gutes.

Wir sind im Deutschen Filmmuseum in Frankfurt. Die erste Sonderausstellung nach dem Corona-Lockdown könnte nicht passender für unsere Zeit sein: "Katastrophe - Was kommt nach dem Ende?", heißt sie und zeigt den Katastrophenfilm in all seinen Facetten. Tatsächlich hat Kuratorin Stefanie Plappert schon vor zwei Jahren mit der Arbeit für die Ausstellung begonnen - einige Zeit vor dem Ausbruch der Pandemie also.

"Das ist ein Thema, für das ich selbst brenne", erklärt sie. "Ich finde es unheimlich faszinierend, wie mit Bildern umgegangen wird, wie da technische Neuerungen ausprobiert, entwickelt und umgesetzt werden und wie trotz allem unglaublich viel Zeitgeschichte und Bewusstseinsgeschichte erzählt wird."

Die Ausstellung wird zur Heldenreise

Über 400 Filme hat sie dafür analysiert, durch alle Länder und alle Jahrzehnte, vom Super-GAU bis zur Klimakatastrophe: angefangen bei großen internationalen Blockbustern aus den letzten Jahren wie "The Day After Tomorrow" und "San Andreas" über B-Movies wie "Sharknado" bis hin zu künstlerisch motivierten Filmen, beispielsweise aus der ehemaligen Sowjetunion.

Längliche rote, weiße und schwarze Plakate mit Text hängen in einem Foyer im Deutschen Filminstitut und Filmmuseum.

Die Ausstellung ist selbst aufgebaut wie ein klassischer Katastrophenfilm: Im Foyer starten wir in der Jetzt-Zeit, in der Idylle, wie Plappert diesen Bereich nennt - alles scheint in Ordnung zu sein. Aber sobald wir die Tür zu den Ausstellungsräumen öffnen, stecken wir mittendrin. Die ersten Warnsignale tauchen auf. Der Seismograf dröhnt. Auf einer Leinwand werden Filmszenen gezeigt, in denen die Protagonisten erkennen: Da kommt etwas auf uns zu.

"Im Prinzip durchwandert man die Stadien, die auch die Heldinnen und Helden des Films durchlaufen", erklärt Plappert den Gedanken dahinter. Holzwände links und rechts geben den Weg durch die Ausstellung vor. Je weiter wir vorankommen, desto enger werden sie. Die Situation spitzt sich zu.

Exponate zeigen die Faszination Katastrophe

An den Wänden hängen Filmplakate und Zeitungscover, die auf die drohende Katastrophe hindeuten: neben dem Plakat zum Film "Die letzte Flut" von 1977 beispielsweise Cover des Spiegel und des US-amerikanischen Time Magazine mit Titelstories zum Klimawandel.

In der Bildmitte ist eine Schaufensterpuppe in einem Strahlenanzug zu sehen. Links und rechts davon erstrecken sich Holzwände, an denen Zeichnungen und Magazin-Titelblätter hängen.

Neben Ausstellungsstücken aus dem eigenen Fundus sind etwa originale Zeichnungen zu Kostümentwürfen und Storyboards für Katastrophenfilme wie "Poseidon" von Regisseur Wolfgang Petersen zu sehen, aber auch Dias aus dem 19. und 20. Jahrhundert, die damals mit der Projektionstechnik der Laterna Magica auf Jahrmärkten gezeigt wurden.

Die Kuratorin weiß: "Das Durchspielen von schlimmstmöglichen Vorstellungen war immer schon eine Faszination für die Menschen." Sie vermutet hinter diesem Interesse mehrere Faktoren: zu sehen, wie jemand anderes das Schlimmstmögliche erlebt, mit den Handelnden mitzufühlen - und die Erleichterung darüber, dass man nicht selbst in der Situation ist.

Wie realistisch sind Katastrophenfilme?

Ob wir das immer noch so wahrnehmen, jetzt, da wir mit der Corona-Pandemie selbst eine Katastrophe durchleben? Nein, glaubt Stefanie Plappert. "Davor konnten Katastrophenfilme sehr viel einfacher abgetan werden als fantastische Gespinste, als Visionen, als Spannung und Unterhaltung." Dabei stecke in vielen Filmszenarien ein wahrer Kern.

Um das für die Ausstellung aufzubereiten, hat sie gemeinsam mit Expertinnen und Experten der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung Filme besprochen und überprüft: Wie plausibel ist das? "Es ist natürlich so, dass da dramaturgisch enorm viel zugespitzt wird. Es muss schnell gehen, es muss reinhauen, es muss knallen", so Plappert. "Die Geschichten sind aber bei Weitem nicht so aus der Luft gegriffen, wie sie manchmal scheinen."

Ein Stein mit Flechtenbewuchs und dahinter der Schädel eines Brillenkaimans.

Das vermitteln neben Ausschnitten dieser Experten-Interviews, die in der Ausstellung zu sehen sind, auch ein gemeinsamer Audioguide und Leihgaben aus dem Senckenbergmuseum - der bereits angesprochene Seismograf zum Beispiel, der Schädel eines Brillenkaimans, einer Reptilienart, die seit der Dinosaurier-Zeit jede große Katastrophe unverändert überlebt hat - und ein Stück eines Meteors.

Links geht's zur Apokalpyse

Das ist ein unmissverständliches Zeichen: Die Katastrophe ist da. Zwei große Leinwände zeigen nebeneinander den kurzen Moment in Filmen wie "Melancholia" von Lars von Trier. Der Komet schlägt ein, die Welle überrollt die Stadt, die Eiszeit ist da. Ab hier stehen wir als Besucherinnen und Besucher am Scheideweg: Links wartet die Apokalpyse, rechts der Neuanfang.

Zwei Leinwände nebeneinander zeigen eine herannahende Welle.

Welchen Weg Stefanie Plappert wählt? Sie lacht. "Natürlich der mit dem Happy End, sonst könnte ich mich auch gleich aufhängen." Für sie bleibt vom vermeintlichen Ende nämlich vor allem eines: "Die Hoffnung, dass, egal um welche Katastrophe es sich handelt, die Betroffenen oder, im Fall der für mich größten Bedrohung unserer Gegenwart, des Klimawandels, die Menschheit, es schafft gegenzusteuern und nicht so dumm zu sein, da voll reinzulaufen."

Und sie verrät: Einer der beiden Wege ist eine Sackgasse. In der Ausstellung wie auch im wahren Leben.

Weitere Informationen

Katastrophe. Was kommt nach dem Ende?

Vom 14. Juli 2021 bis 9. Januar 2022 im Deutschen Filminstitut und Filmmuseum in Frankfurt

Begleitend zur Sonderausstellung zeigt das Kino des DFF im Juli eine Auswahl an Katastrophenfilmen, zum Beispiel "San Francisco" (1936), "The Cassandra Crossing" (1976), "Armageddon" (1998) oder "Snowpiercer" (2013).

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