Bildkombo: Ausstellung mit Holzmodellen und Fotos von Gebäuden/ Adler-Logo im Bauhaus-Stil
Das Deutsche Architekturmuseum zeigt im Bauhaus-Jubiläumsjahr die Wohnprojekte des "Neuen Frankfurt". Bild © Katrin Kimpel

Modern, hell, neuartig: Ernst May hat 1925 bis 1931 mit seiner Stadtplanung Frankfurt umgekrempelt. Was wir für heute daraus lernen können, erklärt die Kuratorin der Ausstellung "Neuer Mensch, neues Wohnen" im Deutschen Architektur Museum im Interview.

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"Neuer Mensch, neue Wohnung" Ausstellung im DAM

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Loca-tag 'teaser_more_audio_sr' not found "Neuer Mensch, neue Wohnung" - wie Erst May Frankfurt veränderte

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Der Stadtplaner Ernst May baute in Frankfurt zwischen 1925 und 1931 rund 12.000 Wohnungen - Platz, der dringend gebraucht wurde. Mit seinem kompromisslosen Konzept, einer Mischung aus Funktionalität, modernster Technik sowie Grün und Frischluft durch Gärten und Dachterrassen, setzte er Maßstäbe und veränderte die Stadt nachhaltig. Das thematisiert die Ausstellung "Neuer Mensch, neue Wohnung" im Deutschen Architektur Museum in Frankfurt.

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"Neuer Mensch, neue Wohnung"

Deutsches Architektur Museum
"Neuer Mensch, neue Wohnung. Die Bauten des Neuen Frankfurt 1925 - 1933
23. März bis 18. August 2019

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Warum dieses "Neue Frankfurt" unabhängig vom Bauhaus eine große Strahlkraft hatte und warum Architektur heute trotz aller Erfolge anders gedacht werden muss, erzählt Ausstellungskuratorin Dorothea Deschermeier im hessenschau.de-Interview.

hessenschau.de: In diesem Jubiläumsjahr läuft ungeheuer viel zum Thema Bauhaus. Was ist das Besondere an dieser Ausstellung?

Dorothea Deschermeier: Das Besondere ist, dass man eigentlich vom Bauhaus wegdenken muss. Das Bauhaus war ein Zentrum der Avantgarde für Grafik, Design und Architektur. Aber Frankfurt war ein eigenständiges Zentrum und hatte auch seine eigene, große Strahlkraft. Die Zeitschrift "Neues Frankfurt" wurde europaweit vertrieben, und der sehr wichtige internationale CIAM-Architekturkongress fand in Frankfurt und nicht etwa in Dessau statt. Das zeigt: Die Blicke waren nach Frankfurt gerichtet, hier wurde massenhaft gebaut.

hessenschau.de: Gab es zwischen dem "Neuen Frankfurt" und dem Bauhaus in Dessau eine große Konkurrenz? Die Entwicklungen liefen parallel.

Deschermeier: Es war eher so etwas wie ein gegenseitiges Befruchten. Ernst May war zur Eröffnung des Bauhauses in Dessau eingeladen und anwesend. 1929 hat Walter Gropius eine kleine Siedlung am Lindenbaum für das "Neue Frankfurt" gebaut. Als May nach Frankfurt zog, begann er, sein eigenes Wohnhaus zu planen. Das Bauhaus in Dessau stand noch nicht zu dieser Zeit. May hat genau geprüft: Was sagen die Architekturbücher, was sagt etwa Le Corbusier? Wie bauen die anderen? Sachen wie die über Eck gezogenen Fenster, eine große Sonnenterrasse, der kubische Aufbau des Hauses, das waren Ideen, die waren in der Welt, die hat May gesehen, und die hat Gropius genau so gesehen. Aber: May hat sein Wohnhaus vor dem Bauhaus eingeweiht, er war also an der Stelle eine Nasenlänge voraus.

Die Kuratorin Dorothea Deschermeier steht im DAM vor Schwarz-weiß-Fotos der Reformschule am Bornheimer Hang.
Kuratorin Dorothea Deschermeier: "Das 'Neue Frankfurt' hatte große Strahlkraft." Bild © Katrin Kimpel

hessenschau.de: Welche neuen Impulse brachte Ernst May ab 1925 als Stadtplaner nach Frankfurt?

Deschermeier: Ernst May kommt eigentlich aus einer ganz anderen Ecke, nämlich aus der Reformbewegung der Gartenstadt. Er wurde vom damaligen Oberbürgermeister Ludwig Landmann nach Frankfurt geholt, weil er große Erfahrungen auch im Siedlungsbau hatte. Das hat er in Frankfurt umgesetzt: Auf der einen Seite die Standardisierung - und dazu die Idee des Kleingartens. Sein typisches Haus für das neue Frankfurt war die Reihenhauszeile mit Dachterrasse und eigenem kleinen Garten. Es geht um qualitätsvollen Wohnungsbau. Der Raum sollte durch intelligente Grundrisse optimal genutzt werden, die Kosten durch neue Bautechniken gering gehalten werden. Diese Impulse werden auch heute immer wieder aufgegriffen und weiterentwickelt.

hessenschau.de: In sechs Jahren bis 1930/31 ließ Ernst May gut 12.000 Wohnungen in Frankfurt bauen. Wie kamen diese neuen Behausungen bei den Menschen an?

Deschermeier: Grundsätzlich gut, die Menschen brauchten Wohnraum und haben ihn bekommen. Dazu noch die neuesten technischen Standards wie elektrisches Licht und ein eigenes Bad mit fließend Warmwasser in jeder Wohnung. Das war nicht üblich. Insofern waren diese Wohnungen sehr beliebt.

hessenschau.de: Was waren die Probleme?

Deschermeier: Es gab auch eine Reibung. Die Menschen wollten ihr altes Mobiliar mitbringen, das große Buffet von der Großmutter, das hat dann aber in die kleinen Wohnungen von 40 bis 50 Quadratmetern, die in den Siedlungen gebaut wurden, nicht mehr reingepasst. Auch auf die neue Technik wie etwa einen Herd mit Herdplatten mussten sich die Menschen erst mal einstellen.

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Übersicht über Bauhaus-Ausstellungen in Hessen (hr2-kultur)

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hessenschau.de: Frankfurt braucht heute wieder dringend viele neue Wohnungen. Könnte man das Konzept von Ernst May nicht einfach erneut umsetzen und auf diese Art wie damals die Wohnraumprobleme lösen?

Deschermeier: Wahrscheinlich ginge das nicht. Die Idee hinter dem "Neuen Frankfurt" war ja unter anderem, dass sich die Architekten auch als Erzieher der Menschen verstanden haben. Der Wohnraum sollte eine vom Architekten vorgesehene Lebensform vorgeben, die Siedlungen sollten den "Neuen Menschen" formen. Etwa mit der "Frankfurter Küche", die als Arbeitsplatz der Frau begriffen wurde - im Gegensatz zum Konzept der Wohnküche für die ganze Familie, wie das vorher war. Da wurde ganz direkt in das Familienleben eingegriffen. Deswegen gab es auch bei der Zeitschrift "Neues Frankfurt" ein Frankfurter Register, das regelmäßig neues Mobiliar vorgestellt hat, das nach Meinung der Architekten ideal wäre. Architektur hat aber mit Sicherheit heute keinen erzieherischen Auftrag mehr, hoffe ich.

hessenschau.de: Wie wird heutzutage in den Bauhaus-Siedlungen gelebt im Vergleich zu damals?

Deschermeier: Die Siedlungen sind heute immer noch beliebt, ganz einfach weil sie städtebaulich sehr günstig liegen, alle mit einem kleinen Garten, meistens noch eingebunden in eine Grünfläche. Viele Häuser wurden in Eigentum umgewandelt und dann von den Besitzern stark umgebaut. Viele haben einen Anbau, damit sie größer sind, oder es wurden auch mal zwei Einfamilienhäuser zusammen gelegt, weil die heutigen Vorstellungen von Wohnfläche ganz anders sind. Das gilt auch für die Wohnungen. Gerade die, die am Ende der 1920er Jahre gebaut wurden, waren damals mit 45 Quadratmetern für eine Familienwohnung auch schon eher klein. Die Gärten, die damals als Ernährungsgrundlage dienten, werden heute häufig als Anbaufläche für mehr Wohnraum genutzt.

hessenschau.de: Wie ist das zu bewerten, wenn die Menschen sich ihren Wohnraum für ihren Bedarf gestalten und ihn sich so aneignen?

Deschermeier: Das ist einerseits sehr schön. Grundsätzlich lebt Architektur mit dem Menschen, sie verändert sich durch den Menschen und sie soll auch angeeignet werden. Andererseits hat sich Frankfurt so im wahrsten Sinn des Wortes den Weg zum Weltkulturerbe verbaut und wurde wegen des schlechten Zustands der Siedlungen nicht aufgenommen. Die Stadt plant ja nun für das Jubiläumsjahr des "Neuen Frankfurt" im Jahr 2025 einige Ecken und Straßenzüge und wenige Siedlungen in das ursprüngliche Erscheinungsbild zurückzusetzen.

hessenschau.de: Die Stadt plant jetzt ein "neues Neues Frankfurt". Was erwarten Sie, was da in kommenden Jahren passieren wird?

Deschermeier: Ich freue mich darauf, dass dieses "neue Neue Frankfurt" tatsächlich zu seinem historischen Erbe steht und es als Impulsgeber wahrnimmt. Es ist gut, dass die Stadt heute anerkennt, dass Frankfurt wirklich schon einmal Avantgarde war, was den sozialen Wohnungsbau angeht. Und dass man sich daran erinnert und sagt, wir wollen auch auf diesem Gebiet ganz oben in der Liga mitspielen und wieder etwas Hochklassiges präsentieren. Ich war etwas skeptisch, gerade im Bauhaus-Jubiläumsjahr macht die Stadt eine so große Kampagne. Aber es gibt Bauflächen, es gibt Wettbewerbe. Im Moment sieht es so aus, als ob die Stadt das tatsächlich realisieren wird.

Das Gespräch führte Katrin Kimpel.