Soldaten vor dem belarussischen Parlamentsgebäuse. Demonstranten haben ihm eine rote Blume ans Abwehrschild gesteckt.

Hunderttausende auf den Straßen, Bangen vorm Gefängnis, Reihen von Polizisten mit Sturmhauben: Der Filmemacher Aliaksei Paluyan hat den Widerstand gegen die Diktatur in Belarus dokumentiert. Für seinen Film "Courage" erhält er den Hessischen Filmpreis.

Videobeitrag

Video

zum Video "Courage": Ein Film über Widerstand in Belarus

Eine Demonstrantin vor massiven Absperrung der belarussischen Spezialeinheiten.
Ende des Videobeitrags

Von den Kräften der Spezialeinheiten sind nur Augen und Münder durch schmale Schlitze in der Sturmhaube zu sehen, dazu Helme, gepanzerte Schienen, Knüppel und metallene Schilder. Ihnen gegenüber stehen Demonstranten und Demonstrantinnen mit den weiß-roten Landesflaggen, in Jeans und T-Shirt, manche in kurzen Hosen. Es ist August 2020, nach der Wahl in Belarus - als es kurz Hoffnung gab, dass die Diktatur von Aljaksandr Lukaschenko in Belarus fallen könnte.

Aber die Wahlen wurden manipuliert, Oppositionelle verhaftet - Hunderttausende gingen dagegen auf die Straßen. Der Filmemacher Aliaksei Paluyan hat die Proteste in seiner Doku "Courage" verarbeitet, er wird im Oktober mit dem Hessischen Filmpreis in der Kategorie "Newcomer" ausgezeichnet. Der Film wurde bereits auf der Berlinale gezeigt, er habe dort zu den "mutigsten Filmen" gehört, sagte Kulturministerin Angela Dorn (Grüne). Mit Paluyan werde eine "bemerkenswerte Persönlichkeit" mit dem Hessischen Filmpreis ausgezeichnet.

"Das ist keine Diktatur, das ist Tyrannei"

Paluyan kommt aus Belarus und lebt seit 2012 in Kassel, wo er an der Kunsthochschule Film studierte. Für "Courage" flog er über mehrere Jahre immer wieder in seine alten Heimat

Von Frankfurt dauert der Flug nach Minsk so lange wie der nach Mallorca. Nur landen die Passagiere in die letzte Diktatur Europas. Den Namen des Diktators Lukaschenko will Paluyan am liebsten gar nicht mehr aussprechen. Seit 27 Jahren ist Lukaschenko an der Macht: als er Präsident wurde, war Paluyan gerade fünf Jahre alt.

Weitere Informationen

Hessischer Filmpreis

Aliaksei Palyuan erhält seine Auszeichnung in der Kategorie "Newcomer" wie die anderen Preisträger des diesjährigen Hessischen Film- und Kinopreises am 22. Oktober im Capitol Theater Offenbach.

Ende der weiteren Informationen

Für seinen Film hat Paluyan drei Schauspieler eines Untergrundtheaters begleitet: Maryna, Pavel und Denis. Sie versuchen, trotz Repression, Stücke zu aufzuführen, die kritisch sind - aber im besten Fall nicht sofort zensiert werden. Der Regisseur der Theatergruppe ist in London im Exil und über eine Videokonferenz zugeschaltet. Er ermahnt seine Schauspieler, dass nicht alle gleichzeitig auf Demonstrationen gehen sollen - damit es noch jemanden gibt, der Anwälte für Inhaftierte organisiert und Stücke aufführt.

Paluyan zeigt seine Protagonisten im ständigen Zwiespalt: Euphorie schlägt bei den Demonstrationen schnell in Angst um. Sie wollen für Freiheit in Belarus kämpfen - würden aber sicherer leben, wenn sie das Land verlassen.

"Sie werden nur die Daumenschrauben anziehen"

Einer der drei, Denis, arbeitet als Automechaniker, für ihn war die Situation zu gefährlich geworden, er hängte die Schauspielerei an den Nagel: "Ich habe die Kunst verraten", sagt er im Film. Und ernüchtert: "Alles wird bleiben wie es ist, sie werden nur die Daumenschrauben anziehen." Wer auf den "schwarzen Listen" des Regimes steht, lebt in ständiger Gefahr. "Das ist keine Diktatur, das ist schon Tyrannei", sagt der Schauspieler Pavel.

Immer wieder rufen Demonstranten den Sicherheitskräften zu, doch die Seite zu wechseln, die Unterdrückung in Belarus gemeinsam mit ihnen zu beenden. Sie stecken Blumen an das Schild eines jungen Soldaten, er lässt es geschehen. Sie danken ihm, manche nehmen ihn in den Arm, küssen ihn auf die Wange, der Soldat wirkt nervös, versucht geradeaus zu schauen. "Ich hoffe, dass dieser Soldat noch lebt und nicht bestraft wurde", sagt Paluyan über die Filmszene. Jede Freundlichkeit gegenüber Regimegegnern ist gefährlich.

Angst auf beiden Seiten

"Courage" heißt Mut, der Film zeigt aber auch Angst auf allen Seiten: Die Demonstranten müssen vor den Sicherheitskräften wegrennen. Jedem, der erwischt wird, droht Gefängnis auf unbestimmte Zeit. Auch die Blicke, die der Zuschauer im Film in den vermummten Gesichtern der Sicherheitskräfte sieht, sind nicht aggressiv, sondern verunsichert, fast ängstlich. Trotz Sturmhauben erkennt man, dass viele noch jung sind.

Filmemacher Aliaksei Paluyan

"Mein Eindruck ist, dass die Angst auf Seiten der Miliz sogar noch höher ist", sagt Paluyan. Die jungen Polizisten und Soldaten müssten Familien ernähren, Kredite abbezahlen - sie stünden unter Druck. Auch weil sie wüssten: Wenn die Ära der Macht Lukaschenkos vorbei sei, könnten sie plötzlich auf der Verliererseite stehen. 

Paluyan: "Was muss noch passieren?"

Auch Paluyan hatte Angst. Auf der Straße zu filmen kann jederzeit von der Willkür des Regimes bestraft werden. In einer Szene ruft ein junger Mann, der neben der Kamera steht, "nieder mit Lukaschenko" und wird sofort verhaftet. Seine Freundin muss zuschauen, wie er weggebracht wird. Paluyan zeigt auch, wie Tag und Nacht hunderte Menschen vor einem Gefängnis ausharren, die Gesichter verzweifelt, manche weinen, es werden Listen vorgelesen, welche Gefangenen wo untergebracht sind. Diejenigen, die Gefängnisse wieder verlassen konnten, beschreiben die Orte als dreckige Löcher, ohne jeden Mindeststandard an Menschlichkeit,Hygiene oder es wird gefoltert. Politische Gegner werden zu langen Haftstrafen in Straflagern verurteilt.

In Belarus wurde auch scharf geschossen, mehrere Demonstranten starben. Im Film ist das Bild eines Toten zu sehen, es steht in einem Berg aus Blumen und Kerzen, dazu das Schild: "Danke, dass du keine Angst hattest."

Die EU müsse endlich eingreifen statt zuzusehen, sagt Paluyan. Bald wird sein Film im EU-Parlament gezeigt. "Es werden gerade 900 km von Berlin Menschen umgebracht. Was muss noch passieren bis eine Unterstützung kommt? Was fehlt noch, dass es zu einem Tribunal vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag kommt?", fragt Paluyan. Bisher sei nichts passiert. Er hofft, dass sich mit einer neuen Koalition in Deutschland auch die deutsche Außenpolitik gegenüber Belarus und Russland ändern könnte.

Paluyan: "Die jungen Belarussen werden nicht verzeihen"

Die drei Schauspieler, die der Film begleitet, haben mittlerweile das Land verlassen und leben in Kiew. Paluyan entschied sich, als die Situation zunehmend gefährlich wurde, zurück nach Deutschland zu fliegen, um die Filmaufnahmen, die er bis dahin gemacht hatte, in Sicherheit zu bringen. Ob und wann er jemals zurück kann, hängt auch an der Frage, ob Lukaschenko gestürzt wird.

Für Paluyan gibt es trotz allem Hoffnung, dass die Ära des "Tyrannen" ein Ende haben könnte: "Ich bin total fasziniert von meiner Generation, die haben gesagt, es reicht jetzt." Noch beeindruckender seien die ganz jungen Menschen; mit gerade mal Anfang 20 würden viele ungebrochen mit stolzen Gesichtern aus dem Gefängnis kommen: "Die sind richtig krass. Die werden nicht verzeihen, es kommt zu Veränderungen - die Frage ist, zu welchem Preis."

Externer Inhalt

Externen Inhalt von YouTube (Video) anzeigen?

An dieser Stelle befindet sich ein von unserer Redaktion empfohlener Inhalt von YouTube (Video). Beim Laden des Inhalts werden Daten an den Anbieter und ggf. weitere Dritte übertragen. Nähere Informationen erhalten Sie in unseren Datenschutzbestimmungen.

Ende des externen Inhalts
Weitere Informationen

Situation in Belarus

Am 9. August 2020 war Präsidentschaftswahl in Belarus, es wurde Wahlmanipulation nachgewiesen. Fünf Gegenkandidaten des amtierenden Diktators Lukaschenko waren erst gar nicht zur Wahl zugelassen worden, manche wurden verhaftet. Nach der Wahl kamen weitere politische Gegner Lukaschenkos ins Gefängnis. Im Juni hieß es vom Menschenrechtsausschuss im Bundestag, dass seit Beginn der Proteste mehr als 35.000 Menschen verhaftet wurden, mehr als 1.000 Fälle von Folter seien aktenkundig. Außerdem steige die Zahl der inhaftierten Minderjährigen.
Die Repression richtet sich gegen oppositionelle Politiker, Demonstranten, Journalisten und Menschenrechtsaktivisten - auch die Teilnahmen in Telegramgruppen oder einzelne Äußerungen werden als Vorwand für Verhaftungen genutzt. Zum Themen-Dossier der tagesschau geht es hier.

Ende der weiteren Informationen