Lesbisch Sujet lesbische Frauen

Nach Berlin vergibt nun auch Hessen einen Preis für Lesbische Sichtbarkeit. Bei der Community kommt das gut an.

Als Erika Wild, bekannt unter dem Namen 'Ricky', 1971 ihren Club La Gata eröffnet, hat sie erstmal einen schweren Stand: "Die Nachbarn wollten den Club nicht haben", erinnert sich Ricky. Die vielen Frauen, die sich zum Teil auch ziemlich unkonventionell kleideten, waren den Bewohnern in der konservativen Seestraße im Frankfurter Stadtteil Sachenhausen offenbar ein Dorn im Auge.

Aber Ricky hat sich durchgebissen und hat mittlerweile den - nach eigenen Aussagen - ältesten Lesben Club der Welt: "Ich finde das schön, wenn Frauen unter sich mal sein können, sich auch mal ein Küsschen geben können, ohne dass blöde Sprüche von Männern kommen".

Tatsächlich stellt sie fest, dass Frauen mittlerweile viel offener mit ihrer Sexualität umgehen als zum Beispiel in den 1970 Jahren - Händchenhalten in der Öffentlichkeit ist heutzutage kein Problem mehr, sagt sie. Das La Gata hat zu diesem Selbstbewusstsein viel beigetragen, fanden die Frauen, die sich schon seit fast 50 Jahren dort treffen. Sie haben Ricky für einen neu ausgelobten Preis des Hessischen Sozialministeriums vorgeschlagen.

"Bedeutung für gesellschaftlichen Wandel"

Weitere Informationen

Update: die Preisträgerin

Die Preisverleihung in Wiesbaden fand am 14. Oktober statt. Ausgezeichnet wurde Veronica King aus Kassel. Die Sozialpädagogin sei als schwarze lesbische Frau sichtbar, teile ihre Erfahrungen und arbeite mit viel Energie daran, Strukturen weiterzuentwickeln, hieß es zur Begründung. King engagiere sich dafür in der Frauen- und Jugendarbeit, im Vereins- und Freizeitsport, in der Verwaltung, bei der Organisation des Christopher Street Day Kassel und in Theaterprojekten. "Sie ist Vorbild für viele junge Menschen gerade auch in den ländlichen Regionen Nordhessens", sagte Sozialminister Kai Klose (Grüne).

Ende der weiteren Informationen

Der "Preis für Lesbische Sichtbarkeit" wird dieses Jahr zum ersten Mal vergeben. Damit ist Hessen nach Berlin das erste Flächen-Bundesland mit einer solchen Auszeichnung, betont Sozialminister Kai Klose (Grüne): "Es geht uns darum, die besondere Bedeutung, die lesbische Frauen auch in den vergangenen Jahrzehnten für den gesellschaftlichen Wandel gehabt haben, wertzuschätzen und anzuerkennen."

Nominiert sind zwölf Initiativen, Organisationen und auch Einzelpersonen, die lesbische Identitäten stärken, bei Coming-out-Prozessen helfen oder Räume dafür schaffen, heißt es aus dem Ministerium.

Preis Teil eines Aktionsplans

Und die Bandbreite ist groß: Sie reicht von städtisch geförderten Einrichtungen wie dem Frauen Museum Wiesbaden oder der LIBS Lesben-Informations- und Beratungsstelle in Frankfurt, über einen Lesbenchor bis zum Tanz- und Nachtclub. Viele dieser Projekte sind in der Öffentlichkeit bis jetzt weitestgehend unbekannt und das soll sich jetzt ändern: "Wir haben uns entschieden, auch einen Preis für lesbische Sichtbarkeit zu vergeben, weil uns Politik für Akzeptanz und Vielfalt am Herzen liegt", sagt Sozialminister Kai Klose.

Dieser Preis ist Teil des hessischen Aktionsplans der Landesregierung, in dem seit 2013 Respekt und Anerkennung von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transsexuellen, Transgendern, Intersexuellen und sich als queer definierenden Personen (LSBT*IQ) festgeschrieben sind.

Preis kommt an

Bleibt die Frage, ob die lesbische Community in Hessen überhaupt sichtbar sein möchte. "Ich habe viele Freundinnen, die gar nicht möchten, dass das im Job rauskommt.", sagt etwa die Autorin und Erotikshop-Besitzerin Sandra Maravolo, die selbst offen zu ihrer Sexualität steht. "Es hat sehr viel auch mit Repressalien zu tun, viele Frauen werden deshalb wirklich auch gemobbt."

Aber gerade deshalb findet sie es wichtig, dass es lesbische Rollenvorbilder gibt und dass die auch in die Öffentlichkeit kommen. "Es gibt schwule Bürgermeister, tausende von schwulen Künstlern, die ganz hohes Ansehen haben, aber es gibt wenig Lesben, die schillernde Persönlichkeiten und in aller Munde sind", sagt sie. Der Preis für lesbische Sichtbarkeit des Sozialministeriums kommt bei der Community an, berichtet Marovolo, es sei gut, dass damit mehr über weibliche Homosexualität berichtet werde. "Es ist gut für alle, die sich noch nicht trauen, nach außen zu gehen".

La Gata "einzigartiges Juwel"

Das La Gata bekommt schon zur Nominierung Glückwünsche - zumindest virtuell: Für Verena David, queerpolitische Sprecherin der CDU im Römer, ist die Bar ein "einzigartiges Juwel der lesbischen Kultur". In einer Videobotschaft auf Facebook plädierte sie für mehr lesbische Sichtbarkeit im öffentlichen Raum und betonte, wie wichtig solche Plätze wie der Club La Gata seien.

Für Natascha Kauder, Stadtverordnete und sportpolitische Sprecherin der Grünen im Römer, ist das La Gata "ein wichtiger Anker, ein Schutz- und Begegnungsraum, hier wurde Lesben- und Queergeschichte geschrieben", sagte sie in einer Videobotschaft.

Weitere Informationen

Die Nominierten

  • Dyke*March Rhein-Main 2019
  • Kim Engels, Mitbegründerin des frauen museum wiesbaden
  • Das frauen museum wiesbaden
  • Yvonne Ford, Veranstalterin von "Lesbischer Herbst", eine Gesprächs- und Begegnungsmöglichkeit speziell für ältere Lesben und Lesben mit spätem Coming-Out
  • Das FrauenKulturZentrum Darmstadt
  • Veronica King, Sozialpädagogin aus Kassel
  • Das Lesbenarchiv Frankfurt
  • Lesben gegen rechts, Rhein-Main
  • Die Lesben Informations- und Beratungsstelle (LIBS) aus Frankfurt
  • Der Chor „Liederliche Lesben“ aus Frankfurt
  • Dr. Constance Ohms, Soziologin und Leiterin der Fachberatungsstelle gewaltfreileben
  • Erika Wild aus Frankfurt, Inhaberin der Bar La Gata, die vermutlich älteste Lesben-Bar weltweit (seit 1971)
Ende der weiteren Informationen

Sendung: hr2-kultur, 14.10.2020, 17.45 Uhr