Andreas Maier

Für Andreas Maier ist Urlaub zum Fürchten. Sein neuer Roman handelt trotzdem vom Verreisen. Im Interview erzählt er, warum er der Diskussion um Osterurlaub nichts abgewinnen kann und was er stattdessen macht.

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Andreas Maier, Autor von „Die Städte“ ist selbsternannter „Nichtreisender“
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Autor Andreas Maier ist ein ortstreuer Mensch. Sein autobiografischer Romanzyklus "Ortsumgehung" spielt in der Wetterau, wo Maier aufgewachsen ist. Gerade ist der achte Band "Die Städte" erschienen.

Darin geht es um die Reisen des Protagonisten Andreas in jungen Jahren - und das sind vor allem in der Kindheit Reisen wider Willen. Im Interview erklärt Maier, warum er das Prinzip "Ferien" bis heute nicht versteht.

hessenschau.de: Andreas Maier, reden wir übers Reisen. Warum ist oder war Urlaub für Sie zum Fürchten?

Andreas Maier: Für mich war es insofern stets zum Fürchten, als dass ich als Kind sehr ungern andere soziale Kontakte pflegte. Ich bin in einem schwachsinnig großen Haus aufgewachsen, indem ich unglaublich Raum um mich herum hatte und woran ich mich natürlich auch gewöhnt hatte. Und dann musste man das im Sommer, im Winter, teilweise in den Herbstferien vertauschen mit einer Zweieinhalb-Zimmer-Ferienwohnung, was ich als Kind grundsätzlich nicht verstanden habe.

Man musste dafür auch noch sechs, sieben Stunden in diesem Auto sitzen. Und wenn man dann mal angekommen war, dann musste man auch am Zielort ständig Autofahren, weil man diese Ferienzeit irgendwie nutzen musste.

hessenschau.de: Wie geht es Ihnen denn heute mit dem Verreisen? Machen Sie das jetzt lieber? Oder sind Sie immer noch gerne Zuhause?

Andreas Maier: Ich bin da ein Sonderfall. Meine letzte touristische Reise war im Jahr 1995 mit meiner heutigen Frau nach Siena. 1999 kam ich in den Suhrkamp Verlag und wurde Autor, da fing eine ganz andere Form des Reisens an: zum einen die Lesereisen, die am Anfang unglaublich zahlreich waren und zum anderen die Stipendien, die ich gemacht habe. Das waren keine Reisen, sondern mehrwöchige oder mehrmonatige, teilweise sogar über ein Jahr gehende Aufenthalte an verschiedenen Orten, im Wendland und in Rom zum Beispiel.

Ich weiß nicht, ob man das noch reisen nennen kann. Ich würde es eher wohnen nennen. Ich glaube, dass das eine Form ist, die mir eher liegt, dieses Wohnen und über lange Zeit an einem Ort sein, sodass sich eine Routine ergibt und man mit dem Ort verwächst. Das war aber insofern schwierig für mich, weil es mir unglaublich schwer fiel, mich von den jeweiligen Orten wieder zu trennen.

hessenschau.de: Viele Leute wollen gerne reisen, weil sie sagen, sie wollen etwas Neues sehen und Menschen kennenlernen. Was macht das Reisen für Sie aus?

Andreas Maier

Andreas Maier: Wenn ich mir mein privates Reisen der letzten Jahre vor Augen führe, dann waren meine einzigen Reiseorte entweder ehemalige Stipendiumsorte, Edenkoben in der wunderbaren Pfalz oder das Wendland zum Beispiel. Oder ich bin nach Düsseldorf oder Köln oder München gefahren oder nach Salzburg. Und da kann ich Ihnen sofort aufzählen, in welche Bierwirtschaften ich gegangen bin, weil ich nämlich ausschließlich wegen dieser Bierwirtschaften dorthin gefahren bin.

hessenschau.de: Was hat Sie an diesen Kneipen und Biergärten so gereizt?

Andreas Maier: Offensichtlich bin ich ein Mensch für sowas. Ich empfinde dieses Dasitzen als unglaublich beruhigend. Keiner will groß was, jeder ist zufrieden mit dem, was er hat und am Ende des Abends ist man angeschickert und fährt wieder nach Hause. Es war nicht unbedingt ein Tag, der der modernen Leistungsethik entspricht, wie viele sie vielleicht verinnerlicht haben. Aber als Schriftsteller kann ich mir das hin und wieder auch mal gönnen. Es waren auch nur wenige Tage im Jahr, während andere monatelang unterwegs sind.

hessenschau.de: Wenn Sie die aktuelle Diskussion verfolgen, wie und wo man die nächsten Ferien verbringen kann oder dass man das eben gerade nicht kann, wie geht es Ihnen damit? Fühlen Sie sich da im Vorteil?

Andreas Maier: Ich würde schon sehr gern mal wieder in eine Wirtschaft gehen. Aber wenn die Leute darüber diskutieren, gerade in diesen Wochen vor Ostern, wer wann wo hinfliegen darf oder will, das ist nicht meine Welt. Ich fühle mich da auch, sagen wir mal, als etwas "frühvergreist" und als ob ich aus all dem herausfalle, aber es ist tatsächlich so.

Mein größter Wunsch ist, endlich wieder in Frankfurt auf der Textorstraße in der Bierwirtschaft "Zum Schorsch" zu sitzen und anschließend nach Bamberg zu fahren und da ins "Schlenkerla" oder ins "Fässla" zu gehen. Aber das, was im Großen und Ganzen diskutiert wird und in den Zeitungen steht, da sitze ich lieber Zuhause und spiele Laute.

hessenschau.de: Gibt es denn für Sie Alternativen zum Reisen? Sie spielen Laute, Musik kann einen auch entführen in andere Welten. Oder lesen Sie bestimmte Bücher?

Andreas Maier: Ich verstehe den Ausdruck "Alternative zum Reisen" nicht so ganz, weil Reisen an sich nichts Notwendiges wäre, sondern etwas Koinzidenzielles. Ich weiß nicht, ob man dazu eine Alternative braucht. Lesen, ja. Ich habe schon immer gelesen und seit Weihnachten lese ich eigentlich die ganze Zeit nur Sigmund Freud.

Ich werde sicherlich auch demnächst viel Zeit haben, um Laute zu spielen, um Freud zu lesen, um ab und zu mal in der Sonne zu sitzen und einen Riesling zu trinken. Das ist vielleicht eine absolute Alternative zu Urlaubsreisen, Sonne und Riesling.

Andreas Maier

hessenschau.de: Jetzt wären Sie eigentlich mit dem neuen Buch auf Lesereise gegangen. Wie sehr fehlt es Ihnen, dass sie Ihre Leserschaft bei solchen Gelegenheiten treffen können?

Andreas Maier: Das fehlt mir, ehrlich gesagt, sehr. Das war mir vorher auch nur halb klar. Aber im letzten Jahr ist mir das wirklich bewusst geworden. Ich habe im Katastrophenjahr 2020 zwei oder drei Lesungen gehabt. Da habe ich gemerkt, wie ich innerlich regelrecht danach gedürstet habe, auch wenn es bei mir kein großes Publikum ist. Bei mir kommen nicht 500 Leute und ich weiß auch nicht, ob das für den Schreibprozess unbedingt wichtig ist. Aber ich bin immer sehr gern aufgetreten und ich war immer sehr, sehr gern vor Publikum. Insofern habe ich mich unerwartet beschnitten gefühlt.

hessenschau.de: Wie verbringen Sie denn die nächsten Ferien?

Andreas Maier: Dass Ferien sind, merke ich immer daran, dass andere Ferien haben. Das ist nichts, was mein Leben rhythmisieren würde. Höchstens die Semesterferien meiner Frau. Aber das würde heißen, wie verbringe ich die nächsten Semesterferien meiner Frau und es macht für mich keinen Unterschied, ob sie Semesterferien hat oder nicht, weil wir sowieso nicht wegfahren.

hessenschau.de: Sie warten einfach darauf, dass die Biergärten wieder aufmachen.

Andreas Maier: Oh, das wäre schön.

Die Fragen stellte Juliane Orth. Das ungekürzte Interview hören Sie im Audio.

Sendung: hr-iNFO, Kultur, 26.03.2021, 20.35 Uhr