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Audioseite "Es ist eines der letzten großen Tabuthemen"

Jeanne Diesteldorf sitzt in einem Hörfunkstudio des hessischen Rundfunks und spricht ins Mikrofon

Die Diskussion um Abtreibungen ist laut und emotional. In der Debatte meldet sich jetzt die Frankfurter Autorin Jeanne Diesteldorf zur Wort. Unaufgeregt bietet sie betroffenen Raum, ihre ganz persönliche Geschichte zu erzählen - in ihrem Buch "(K)eine Mutter".

12 Kapitel. 12 Frauen. 12 Geschichten. Anfang November ist Jeanne Diesteldorfs erstes Buch erschienen. Es steckt voller persönlicher Geschichten über ein Thema, über das sonst kaum jemand spricht: Abtreibung.

Im Interview mit hessenschau.de erzählt die Frankfurterin, wieso über das Thema Abtreibung dringend gesprochen werden muss, was sie sich für den Diskurs um das Thema wünscht und wieso das Schreiben von "(K)eine Mutter" heilend für sie selbst war.

hessenschau.de: Sie haben ein doch eher ungewöhnliches Thema für Ihr erstes Buch gewählt: Abtreibung. Wieso dieses Thema?

Jeanne Diesteldorf: Weil das Thema Abtreibung oder Schwangerschaftsabbruch sehr viele Frauen betrifft. Gemessen daran, wie relevant es im Alltag unserer Gesellschaft ist, sprechen wir viel zu wenig darüber.

Das Thema ist immer noch ein riesengroßes Tabuthema, für mein Dafürhalten eines der letzten großen Tabuthemen in unserer Gesellschaft. Der einzige Weg, das zu verändern, ist darüber zu sprechen, sich auszutauschen, mit Worten oder in einer anderen Form zu kommunizieren. Und so das Tabu ganz vorsichtig, aber dennoch kraftvoll zu zerbröckeln.

hessenschau.de: Wie sollte die Debatte über Abtreibung Ihrer Meinung nach sein?

Diesteldorf: Ein bisschen mehr so wie in dem Buch. Wir erleben bis heute in unserer Gesellschaft vor allem im politischen Diskurs und in den Medien eine Form der Kommunikation zu diesem Tabuthema ohne hinreichende Beteiligung von Frauen. Von Frauen, die sagen: Ich habe eine Schwangerschaft abgebrochen. Die darüber sprechen, wie das für sie war. Und vor welchen Herausforderungen sie standen.

Jeanne Diesteldorf steht lächelnd vor einem schwarzen Hintergrund

Es geht um ein extrem relevantes und wichtiges Thema. Viele Menschen reden darüber. Sehr viele Menschen haben schnell eine klare, bisweilen auch krasse Meinung zu dem Thema. Aber die Frauen, die es betrifft, reden zu wenig mit. Das betraf sehr lange auch mich selbst. Ich habe auch eine Schwangerschaft abgebrochen und jahrelang gar nicht darüber gesprochen. Ich habe es verschwiegen und versteckt. Ich habe es tabuisiert.

Als die Diskussionen um die Paragrafen 218 und 219a durch die Medien waberten, habe ich begonnen, mich zu fragen: Warum redest du eigentlich nicht drüber? Warum redest du nicht mal mit deinen engsten Vertrauten darüber? Das war für mich der Beginn eines langen, sehr aufwühlenden inneren Prozesses.

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§ 218 und § 219a StGB

Der Paragraf 218 des Strafgesetzbuchs stellt Schwangerschaftsabbrüche unter Strafe. Er existiert seit 150 Jahren. Heute ruft er regelmäßig Proteste hervor. Gegnerinnen und Gegner des Paragrafen fordern eine ersatzlose Streichung. Viel diskutiert ist auch Paragraf 219a des Strafgesetzbuchs. Seit gut zwei Jahren dürfen Ärztinnen und Ärzte zwar mitteilen, dass sie Schwangerschaftsabbrüche durchführen, aber keine weiteren Informationen, beispielsweise über Abtreibungsmethoden, veröffentlichen oder frei zugänglich erläutern. Die Gießener Ärztin Kristina Hänel war zweimal wegen verbotener Werbung für Schwangerschaftsabbrüche schuldig gesprochen worden.

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hessenschau.de: Inwiefern kann Ihr Buch dazu beitragen, das zu ändern?

Diesteldorf: Ich habe begonnen mir auszumalen, wie der Kommunikationsraum sein müsste, in dem ich über mein intimes Erleben sprechen wollen würde. Ein langer und bisweilen sehr anstrengender Prozess… Das Ergebnis ist das Buch. Ich habe versucht, damit einen Gesprächsraum für die Protagonistinnen zu schaffen.

Einen Raum, indem sie offen und frei sprechen können und in dem sie sich hoffentlich respektiert und gesehen fühlen. Einen Gesprächsraum, der frei ist, vor allem urteilsfrei. Denn über den Schwangerschaftsabbruch zu sprechen ist für mich und war - so habe ich das gespiegelt bekommen - für die Protagonistinnen immer hilfreich.

hessenschau.de: Wieso war es für Sie persönlich wichtig, über Ihre eigene Geschichte zu sprechen?

Diesteldorf: Im Bezug auf das Tabu Schwangerschaftsabbruch habe ich oft den Eindruck, uns allen fehlen die Worte. Die respektvollen und stimmigen Worte, um zu formulieren, was und wie es passiert ist. Was dabei empfunden wurde. Ich glaube für viele Frauen - und so war es auch für mich - ist ein Schwangerschaftsabbruch eine lebenswegweisende Entscheidung.

Es hat mich lange Zeit sehr belastet, mich nicht zu trauen, darüber zu sprechen. Das hatte eine Vielzahl von Gründen. Ein wichtiger war mit Sicherheit, dass ich tatsächlich das Gefühl hatte, mir fehlen die Worte. Was paradox ist, weil ich Worte liebe und gerne rede und schreibe, mit Worten male. Und zugleich saß ich da und dachte: Es liegt auf der Hand, was passiert ist. Es ist irgendwie klar und trotzdem fehlen mir Worte. Und die, die ich habe, fühlen sich nicht stimmig an: zu technisch, zu medizinisch, zu erzwungen.

Mich auf den Weg zu machen, die stimmigen Worte für mich zu suchen, hat sich befreiend angefühlt. Es hat dem Gefühl eine Form gegeben, die ich aussprechen und aufschreiben konnte. Es war für mich heilsam, mich gesehen zu fühlen. Nicht zwingend verstanden, aber gesehen. Und ich glaube, es hilft vielen von uns, wenn wir uns gesehen fühlen, respektvoll wahrgenommen werden.

hessenschau.de: Sie haben mit zwölf Frauen gesprochen. Wie haben Sie Ihre Protagonistinnen gefunden?

Buchcover (K)eine Mutter. Frau in rotem Kleid sitzt auf einem Stuhl. Ihr Gesicht wird von einem Quadrat in der Farbe des Hintergrundes verdeckt.

Diesteldorf: Es war eine sehr lange Reise. Im wahrsten Sinn des Wortes: Es hat eine ganze Weile gedauert. Ich bin jeden Weg gegangen, der mir eingefallen ist. Ich habe versucht, eine Reihe von Multiplikatoren und Multiplikatorinnen direkt anzusprechen. Ungefähr die Hälfte kam über Social Media. Ein, zwei weitere Protagonistinnen habe ich über die Medien gefunden.

Einige Protagonistinnen sind etwas älter, andere jünger, sie kommen aus Ost- und Westdeutschland, aus dem Norden, aus dem Süden. Wer das Buch liest, wird merken, dass das sehr relevant ist. Vor allem, wenn man sich den Aspekt der medizinischen Versorgung, der Informationsbeschaffung und der verpflichtenden Beratung anschaut. Da gibt es geografisch gesehen erhebliche Unterschiede.

Bei einigen Protagonistinnen ist der Abbruch schon viele Jahre her, bei anderen nicht. Einige der Protagonistinnen sind inzwischen Mutter, andere nicht.

hessenschau.de: Gibt es Kommunikationskanäle, über die sich Frauen austauschen können?

Diesteldorf: Das große Problem ist: Wenn man sich auf die Suche nach Informationen und medizinischem Rat begibt, wird es schnell sehr medizinisch, sehr technisch, sehr prozessorientiert. Auf der zwischenmenschlichen Ebene kenne ich keine bundesweite Anlaufstelle oder ein reichweitenstarkes Netzwerk.

Wer sich im Internet auf die Suche begibt, findet schnell sehr abschreckende, falsch darstellende Beiträge, vor allem von Abtreibungsgegnern, die mit Bild- und mit Wortgewalt ihre Position kundtun. Es ist aus meiner Sicht ein großes Problem, dass es für viele keinen gesicherten Zugang zu offiziellen Informationen gibt.

Eine der Protagonistinnen in meinem Buch ist Journalistin. Recherche ist ihr Job. Das hat sie gelernt, das macht sie den ganzen Tag, und das hat ihr geholfen, Informationen zum Thema Abtreibung zu finden. Aber sie will sich gar nicht ausmalen, wie das für jemanden ist, der das nicht gelernt hat. Jemand, der seriöse Quellen nicht so so einfach von weniger Seriösem zu trennen vermag. Das ist ein riesengroßes Problem, für das ich keine Lösung habe. Aber das Buch ist hoffentlich ein kleiner Schritt auf einem Wege hin zu einem offenen, respektvollen Austausch. 

hessenschau.de: Es ist ein Buch, das auf den ersten Blick vermutlich zuerst Frauen anspricht. Wieso sollten auch Männer das Buch lesen?

Diesteldorf: Weil an jeder Schwangerschaft, auch an jeder ungewollten, in der Regel eine Frau und ein Mann beteiligt sind. Und weil es zu jeder Geschichte eines Schwangerschaftsabbruchs eine männliche Seite gibt. Die männliche Beteiligung, die männliche Perspektive. Manchmal weiß der Erzeuger nichts davon, manchmal unterstützt er die Frau. So oder so: Ein Mann ist meistens beteiligt und daher geht das Thema immer auch ihn etwas an.

hessenschau.de: Haben Sie, während Sie das Buch geschrieben haben, manchmal überlegt, es doch zu lassen? Zum Beispiel aus Angst vor Anfeindungen Ihnen oder Ihren Protagonistinnen gegenüber?

Diesteldorf: Jein. Ich habe unterwegs - auch jetzt, kurz vor der Veröffentlichung - immer mal wieder Angst bekommen. Nicht vor den Abtreibungsgegnern und auch nicht vor möglichem Hass oder Anfeindungen. Eher Angst vor der eigenen Courage, weil für mich persönlich der Weg zwischen dem, was ich erlebt habe und wie ich mich entschieden habe, bis hin zu dem Buch ein extrem langer Weg ist.

Aber erstens glaube ich, Angst ist der beste Wegweiser und zeigt sehr oft im Leben: Genau da geht's lang. Da ist Veränderung, da ist Wachstum, da ist Erfahren, da ist Erleben möglich. Und zweitens hilft es mir unendlich, an die Protagonistinnen zu denken, die so grenzenlos mutig waren, der Fotografin Laura Wencker und mir zu vertrauen, uns ihre Geschichte anzuvertrauen.

Obwohl sie mich gar nicht kennen, trauen sie mir zu, das aufzuschreiben. Dafür bin ich unendlich dankbar. Ihr Mut inspiriert mich sehr.

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(K)eine Mutter

von Jeanne Diesteldorf
erschienen bei Kiepenheuer&Witsch
240 Seiten (Taschenbuch)

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Das Gespräch führte Elen Schmidt.

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