Rapper Azzi Memo will den Familien der Anschlagsopfer von Hanau helfen.

Der Rapper Azzi Memo wuchs in Hanau auf und verlor beim Anschlag am 19. Februar einen Angehörigen und einen Freund. Warum er dazu jetzt einen Charity-Song veröffentlicht und was ihm Hoffnung macht, erklärt er im Interview.

Am 19. Februar sind beim rassistischen Anschlag auf zwei Shisha-Bars in Hanau neun Menschen gestorben, danach brachte der Schütze Tobias R. seine Mutter und sich selbst um. An diesem Freitag, gut sechs Wochen danach, veröffentlicht der Rapper Azzi Memo mit 17 weiteren deutschen Hip-Hoppern, darunter Kool Savas, Rola und Celo & Abdi, einen Charity-Song. Die Einnahmen des Songs "Bist du wach?" gehen an die Amadeu-Antonio-Stiftung, die die Angehörigen der Opfer von Hanau unterstützt.

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Azzi Memo, der eigentlich Mehmet Seyitoglu heißt, kam als Dreijähriger mit seinen Eltern aus der Türkei nach Deutschland. In Hanau wuchs er auf und lebte dort bis Ende des vergangenen Jahres. Beim Anschlag am 19. Februar verlor der 26-Jährige Verwandte und Freunde.

hessenschau.de: Am 19. Februar sind zuerst in der Hanauer Innenstadt und wenige Minuten später im Stadtteil Kesselstadt insgesamt elf Menschen gestorben. Wie haben Sie von dem Anschlag erfahren?

Azzi Memo: Ich war zu Hause in Frankfurt - ich wohne seit einem halben Jahr nicht mehr in Hanau. Ich habe von Freunden Anrufe bekommen: "Ey, in der Innenstadt und in Kesselstadt hat jemand um sich geschossen, bist du unterwegs?" Das sind Orte, an denen ich mich auch bewege. Von dort habe ich Anrufe, Fotos und Videos bekommen.

hessenschau.de: Welche Gedanken sind Ihnen da in den Kopf gekommen?

Azzi Memo: Es war erst mal schwer zu begreifen. Das kam mir unrealistisch vor. Ich habe dann meine Eltern angerufen, weil die noch in Hanau leben mit meinen Brüdern. Meine Mutter hat mir erzählt, dass über der Stadt Hubschrauber fliegen, überall Blaulicht, Sirenen, Streifenwagen. Da ist mir bewusst geworden, dass das echt ist und kein schlechter Scherz.

hessenschau.de: Unter den Opfern ist mit Ferhat Unvar einer Ihrer Cousins, mit Sedat Gürbüz einer Ihrer Freunde.

Azzi Memo: Anfangs wusste ich nicht, wer betroffen ist, wer sein Leben verloren hat. Nach und nach kamen die Nachrichten. Als ich dann erfahren habe, dass es auch Freunde sind, hat es mich umso mehr getroffen. Ich kann bis heute nicht realisieren, dass diese Menschen nicht mehr da sind. Schwer zu verstehen.

Rapper Azzi Memo stammt aus Hanau.

hessenschau.de: Wie geht es den Angehörigen heute?

Azzi Memo: Die sind natürlich noch nicht darüber hinweg. Das Ganze verfolgt sie. Sie sind noch am Trauern. Ich glaube, es wird noch eine ganze Zeit dauern, bis sie wieder normal leben können.

hessenschau.de: In den Tagen nach dem Anschlag haben viele Hanauer mit Migrationshintergrund erklärt, dass es in ihrer Stadt nie Probleme gegeben habe mit Rassismus. Seitdem seien sie verunsichert, fühlten sich unwohl. Wie haben Sie das wahrgenommen?

Azzi Memo: Man hat von solchen Taten gehört, wie sie zum Beispiel in Halle passiert sind. Ich habe so gut wie mein ganzes Leben in Hanau verbracht. Mit Rassismus habe ich nie etwas zu tun gehabt, bin nie damit konfrontiert worden. Dass so etwas in Hanau passieren würde, hat keiner erwartet. Das ist nicht Hanau! Das kennt man nicht von Hanau. Umso schlimmer war es dann für uns alle, dass so etwas gerade hier passiert ist.

hessenschau.de: Wie entstand die Idee, einen Charity-Song zu machen?

Azzi Memo: Ich habe mich verpflichtet gefühlt, etwas für die Familien zu tun. Mit meinem Management habe ich dann überlegt, einen Song zu machen mit mehreren Künstlern, woran wir wirklich keinen einzigen Cent verdienen, wovon die kompletten Einnahmen wirklich an die Familien der Opfer gespendet werden.

hessenschau.de: Wie schwer war es, die anderen Künstler dafür zu gewinnen?

Azzi Memo: Es haben sich viele Künstler von selbst gemeldet, die auf den Song wollten. Wir sind ja gut vernetzt. Vielen habe ich geschrieben oder mein Manager. Am Ende ist es eine große Sache geworden - der größte Deutschrap-Song in der Geschichte!

hessenschau.de: Wie hat die Zusammenarbeit konkret ausgesehen?

Azzi Memo: Normalerweise ist es so, wenn zum Beispiel zwei Künstler einen Track machen: Das dauert erst mal einen Monat, bis der eine seinen Part abgibt. Dann zögert sich der Videodreh hinaus, und der andere will noch mal etwas verändern. Das war bei diesem Song überraschenderweise überhaupt nicht so - obwohl wir 18 Künstler sind. Innerhalb von einer oder zwei Wochen waren alle Parts zusammen. Das ging ruckzuck! Wir wollten noch ein großes Video drehen, aber das ging jetzt nicht wegen Corona. Also haben wir gesagt: Macht alle selbst Videos im Studio oder zu Hause! Das hat gut geklappt, alles ist zeitnah bei uns eingegangen.

hessenschau.de: Worum geht's in dem Song?

Azzi Memo: In erster Linie rappen wir gegen Rassismus, gegen Hass untereinander. Dass kein Mensch besser ist als der andere, dass wir alle gleich sind. Dass jeder das Recht auf sein Leben hat und sein Leben so zu leben, wie er es selber will. Wir wollen einfach die Message verbreiten, dass Rassismus in Deutschland keinen Platz hat.

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"Bist du wach?"

Eröffnet wird der Song von Azzi Memo selbst: "Einigkeit, Recht und Freiheit - alles, was wir wollten in diesem Land", rappt er über einem düsteren Beat: "In Frieden miteinander leben, uns die Hände geben, Blumen anstatt Waffen." Er könne es nicht fassen, dass Menschen aufgrund ihrer Herkunft mit dem Leben zahlen und dass im Jahr 2020 Rechtsextremismus noch immer eine Plage sei. "Kein Platz für Rassismus! Ich kämpfe dagegen, solange ich lebe und atme. Zehn Menschen verloren ihr Leben, doch bleiben bestehen. Im Herzen 'ne Narbe", rappt Azzi Memo.

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hessenschau.de: Glauben Sie, dass Sie damit die Richtigen erreichen?

Azzi Memo: Der eine oder andere wird den Song zu hören bekommen. Ob man ihm sein Gedankengut damit aus dem Kopf schlagen kann, das weiß ich nicht. Das wage ich auch zu bezweifeln. Aber ich will einfach nur, dass die wissen, dass wir mehr sind. Dass die eine Minderheit in Deutschland sind. Wir sind mehr, wir kämpfen und halten dagegen.

hessenschau.de: Gab es schon Feedback von den Angehörigen?

Azzi Memo: Einige sind schon zu mir gekommen und haben sich bedankt. Aber ich will für diese Aktion keinen Dank. Weil ich finde: Wir sind verpflichtet, vor allem ich als Hanauer. Ich bin dazu verpflichtet, mich für Hanau einzusetzen. Ich habe mit den Familien gesprochen und ihnen erklärt: Keiner der Künstler, kein Label, kein Management verdient daran auch nur einen Cent. Das geht alles an euch! Und ich glaube, das ist das Mindeste, was wir machen können.

Das Gespräch führte Heiko Schneider