Herr Bachmann im Klassenzimmer, mit Tennisbällen jonglierend und umgeben von Schülerinnen und Schülern.

Die Berlinale-Jury hat die Langzeitdokumentation "Herr Bachmann und seine Klasse" mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Der Kinofilm spielt in Stadtallendorf und bietet einfühlsame, ehrliche Einblicke ins Schulsystem und die harte Welt der Schulnoten. Und er zeigt, welchen Unterschied ein einzelner Lehrer machen kann.

Videobeitrag

Video

zum Video Silberner Bär für Film aus Stadtallendorf | hessenschau vom 09.06.2021

hs_090621
Ende des Videobeitrags

Den Schülern der Georg-Büchner-Schule fallen noch fast die Augen zu, als sie im Halbdunkeln an ihre Plätze schlurfen. Es ist ein gewöhnlicher Schulmorgen in der mittelhessischen Kleinstadt Stadtallendorf. Vor den Sechstklässlern sitzt Herr Bachmann. Der Klassenlehrer trägt ein altes ACDC-Shirt über dem Kapuzenpulli, dazu einen fast weißen Sieben-Tage-Bart und eine hochgekrempelte Strickmütze.

Schnell wird klar: Bachmann nimmt kein Blatt vor den Mund. Er reißt ironische Witze und erklärt den Kindern in der ersten Stunde erst mal, was "jammen" bedeutet und "gefrustet". Im Musikunterricht übt er mit ihnen "Knocking on Heavens Door" und grölt dabei selbst ins Mikrofon. Mehr Alt-68er geht wohl kaum.

Ein hochaktueller Film

Die Langzeitdokumentation "Herr Bachmann und seine Klasse" wurde bei der diesjährigen Berlinale mit dem Silberner Bär Preis der Jury ausgezeichnet. In der dreieinhalbstündigen Dokumentation wird ein halbes Jahr im Leben einer Stadtallendorfer Schulklasse gezeigt, kurz vor ihrer Teilung in die drei weiterführenden Schulzweige.

Der Film ist hochaktuell und zieht den Zuschauer hinein in eine Welt, die den meisten Menschen sonst in dieser Tiefe wohl verborgen ist. Die Georg-Büchner-Schule ist eine kooperative Gesamtschule mit Förderstufe. Die Sechstklässler im Film kommen aus 12 verschiedenen Nationen, sie sprechen Bulgarisch, Russisch oder Türkisch, einige verstehen anfangs nur wenig Deutsch.

Herr Bachmann und seine Klasse - Ilknur, Stefani und Cengizhan

Flucht und Integration, Zukunftsängste und soziale Gerechtigkeit - im Klassenraum wird nicht theoretisch darüber philosophiert. Kinder wie Ferhan oder Ayman stecken gerade mitten drin. Und der kumpelige Lehrer begleitet sie auf ihrem Weg mit seinen etwas eigenwilligen didaktischen Methoden, die aber bei den Schülern und Schülerinnen offenbar ganz gut ankommen.

Es sind bewegende Szenen, manchmal sehr laut und emotional, manchmal ganz leise und unfertig. Die Kamera hält dabei einfach drauf und zeigt, was passiert - als wäre sie gar nicht da. Niemand stellt Fragen oder kommentiert, es gibt keine Musik oder andere Effekte.

Kein klassischer Schulfilm

"Ich wollte keinen klassischen Schulfilm machen", sagt die Filmemacherin Maria Speth gegenüber dem hr. Auf das Thema sei sie nur gekommen, weil sie den Lehrer Bachmann seit Jahren persönlich kenne. "Dieter hat immer wieder von diesem Ort erzählt: von Stadtallendorf und von dieser Schule." Ihr erster Protagonist sei gar nicht der Lehrer selbst gewesen, sondern die Stadt.

Herr Bachmann und seine Klasse - Stadtallendorf

Nachdem Stadtallendorf einst ein kleines Bauerndorf war und dann gigantische Rüstungsstätte der Nazis wurde, ist die Stadt heute ein wichtiger Industriestandort in Mittelhessen. Es gibt eine große Arbeiterschicht und einen hohen Migrationsanteil. "Mich hat interessiert, wie man diese besondere Geschichte in einem Film zusammenfügen kann", so Speth.

Neben den Szenen aus dem Schulalltag sind im Film auch immer wieder Bilder aus dem Stadtbild zu sehen: Häuserfassaden und Straßenzüge, Menschen in der Moschee, in der Fabrik oder morgens beim Bäcker. Ein halbes Jahr lang hat Speth die Schüler begleitet, rund 200 Stunden Material aufgenommen und drei Jahre an der Fertigstellung gearbeitet.

Schüler: "Er hat Selbstbewusstsein gegeben"

Die Schülerinnen und Schüler gehen inzwischen schon in die zehnte Klasse. Ayman Aouani hat gute Erinnerungen an den Filmdreh, vor allem aber an die Zeit mit seinem Klassenlehrer. "Herr Bachmann war ein besonderer Lehrer", berichtet der heute 17-Jährige.

Bachmann sei einerseits "cool und nett" gewesen, erinnert sich Ayman. Er habe gewusst, wann die Kinder mal eine Pause oder Abwechslung gebraucht hätten und habe dann Musik mit ihnen gemacht oder jongliert. "Und er hat gesehen und gemerkt, wenn es Schülern nicht gut geht und ihnen Selbstbewusstsein gegeben."

Herr Bachmann und seine Klasse - Ayman, Hasan, Erdzhan und Jamie

Andererseits sei Bachmann durchaus manchmal streng gewesen. "Und er hat auch ernst Unterricht gemacht, sodass wir was gelernt haben." Ayman ist heute auf dem Gymnasium. Auch dank Herrn Bachmann, sagt er.

Die Schule als Lebensort

Die Berlinale-Jury lobte den "einfühlsam-kraftvollen Dokumentarfilm" und hob insbesondere die Person Dieter Bachmann heraus. Der Lehrer selbst ist inzwischen bereits im Ruhestand. Im hr-Interview führt Bachmann die Auszeichnung auf das gesamte Zusammenspiel der Produktion zurück und lobt insbesondere die Kameraarbeit von Reinhold Vorschneider. "Ich konnte mir das vorher nicht vorstellen, dass man im Klassenzimmer die Stimmung und die Portraits der Kinder so toll einfangen kann."

Bachmann vermutet: Die Pandemie und die aktuelle Sehnsucht nach "analogem Leben" könnte ebenfalls eine Rolle gespielt haben, dass der Film bei der Berlinale-Jury so gut ankam. "Er zeigt ein Stück Schule als Lebensort. Wo nicht nur gelernt wird, sondern auch geweint und gelacht und wo richtig was los ist - Leben halt."

"Man darf Noten nicht als Pfosten in den Boden hauen"

Im Film zeigt sich Lehrer-Quereinsteiger Dieter Bachmann als leidenschaftlicher und einfühlsamer Pädagoge, der seine Schüler wirklich mag und ehrlich interessiert ist an ihnen und ihren Lebensgeschichten. Er kämpft mit ihnen für Erfolgserlebnisse. Und macht immer wieder klar: Noten würde er dabei am liebsten gar nicht vergeben.

Herr Bachmann und seine Klasse - Stefanie, Dieter Bachmann und Ilknur

"Das Positive betonen - das ist für mich Pädagogik", sagt Bachmann im Interview. Es bringe nichts, über das Schulsystem zu schimpfen. Aber ihm sei wichtig, nicht in erster Linie auf die Defizite zu schauen. "Ich finde Noten nicht grundsätzlich falsch, ich finde es nur falsch, wie wir sie einsetzen", sagt er. Für selbstbewusste Schüler könnten Noten einen richtigen Wert haben. "Aber man darf sie nicht als Pfosten in den Boden hauen."

In der letzten Film-Szene verabschiedet sich die Klasse in die Sommerferien - und in die weiterführende Schule. Bachmann verteilt Zeugnisse. "Das ist hier ist nur eine Momentaufnahme. Diese Zahl, das seid nicht wirklich ihr", sagt er dabei. "Ihr seid alle tolle Kinder."

Herr Bachmann und seine Klasse - Dieter Bachmann und Klasse 6B

Es gibt Umarmungen und Handschläge, ein Schüler schenkt Bachmann eine Strickmütze in Bulgarien-Farben. Und als alle Schüler den Klassenraum verlassen haben, sieht man, wie er sich der Lehrer ein paar Tränen aus den Augen wischt.

Weitere Informationen

"Herr Bachmann und seine Klasse" im Kino

Der Film läuft am 17.6. im Rahmen der Berlinale zunächst nur in Berliner Kinos. Bundesweiter Kinostart ist am 16. September (FSK 0).

Ende der weiteren Informationen
Weitere Informationen Ende der weiteren Informationen